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Kolumbien Blut für Kohle

Die Köhleflöze liegen hier nur 25 Meter unter der Erde, die Atlantikhäfen sind schnell zu erreichen: Kolumbien ist Deutschlands größter Kohlelieferant – trotz gravierender Menschenrechtsverletzungen

Kohlearbeiter im kolumbianischen Barrancas. Foto: reuters/Jose Gomez

Es ist ein verheerendes Bild, das sich den deutschen Besuchern im Norden Kolumbiens bietet. Wo die Ureinwohner des südamerikanischen Landes jüngst noch Felder beackerten und Vieh weiden ließen, fressen sich riesige Bagger ins Land. Sie hinterlassen öde Abraumhalden und Wassermangel wegen abgeholzter Wälder, gesenkten Grundwassers, umgeleiteter Flüsse. „Die Menschen wurden weggejagt, oft ohne Entschädigung, teils gewaltsam“, sagt der grüne Bundestagsabgeordnete Oliver Krischer, der die Tagebaue gerade mit Menschenrechtlern bereist hat.

Als Konsequenz stoppte bislang aber nur ein einziges deutsches Unternehmen seine Kolumbien-Importe. 14 von 17 Betreibern deutscher Steinkohle-Kraftwerke zählen weiter zu den Profiteuren des kolumbianischen Kohle-Booms. Das haben die Grünen in einer Befragung herausgefunden, deren Ergebnisse der FR vorliegen. Die internationalen Konzerne schätzen an dem 42-Millionen-Einwohner-Land, dass seine Kohleflöze nur 25 Meter unter der Erde liegen (in Deutschland sind rund 1.000 Meter üblich), und der Weg zu den Atlantikhäfen kurz ist. Auf der Liste der größten Kohle-Lieferanten für Deutschland ist Kolumbien im Juni an Russland vorbeigezogen. 2011 dürfte es erstmals die führende Quelle für hiesige Kraftwerke werden.

Die Menschen vor Ort haben nichts davon. Zwar geben die Konzerne an, stattliche Abgaben zu zahlen – allein das Konglomerat Cerrejon spricht von 500 Millionen Dollar seit 2010. Doch vor Ort kommt wenig an, nicht zuletzt wegen hoher Korruption. „Die Tagebau-Regionen zählen zu den ärmsten des Landes“, sagt Krischer. „Selbst Dörfer, die auf gigantischen Kohlevorkommen sitzen, haben selbst keinen Strom und kaum Infrastruktur.“ Schlimmer noch: Menschenrechtler, Gewerkschaften und Vereinte Nationen melden wahre Horrorgeschichten, die über Umweltverschmutzung hinausgehen. In den Minen werde der Arbeitsschutz ignoriert, Arbeiter und Anwohner erkrankten. Gewerkschaftsgründungen würden gewaltsam verhindert, führende Vertreter gar ermordet. Der US-Kongress beschäftigte sich schon vor Jahren mit US-Firmen, die mit Armee und Paramilitärs paktierten, um Abbaugebiete brutal zu räumen. Von mehr als 100 Toten pro Jahr war die Rede. Der UN-Berichterstatter für die Menschenrechte Indigener Völker, James Anaya, rügt in seinem Jahresbericht die Vertreibung ganzer Völker durch Bergbauunternehmen und deren Milizen: „In Kolumbien gibt es indigene Gemeinschaften, die infolge der Aggressionen vom Aussterben bedroht sind.“

Von den Grünen dazu befragt, bestätigte die deutsche Regierung Anfang des Jahres, die Umweltbelastung in Kolumbiens Tagebauen sei oft „verhältnismäßig hoch und wird nur wenig überwacht“. Für die Umsetzung von Umwelt- und Menschenrechtsstandards sei zwar die Regierung zuständig, aber auch die „Unternehmen haben eine Verantwortung innerhalb ihrer Einflusssphäre“: „Die deutsche Bundesregierung erwartet von deutschen Unternehmen, dass sie diese Verantwortung wahrnehmen und entsprechende Monitoringsysteme einrichten.“

Die Grünen-Abgeordneten Oliver Krischer und Ute Koczy befragten daraufhin alle Betreiber deutscher Steinkohle-Kraftwerke nach Quellen und Überwachung der Förderstandards. Nur zwei der 17 Unternehmen konnten die kolumbianische Kohle aus technischen Gründen nicht gebrauchen – und nur eins hatte Konsequenzen aus der Lage gezogen. Die VW Kraftwerk GmbH, die die Energie für die VW-Werke produziert, berichtet von wilden Zuständen bei ihren Vor-Ort-Recherchen: „Einmal wurden Eisenbahnbrücken für den Kohletransport gesprengt und vor dem zweiten geplanten Besuch wurde der Bergwerksleiter von Drummond entführt“. VW entschied, „aufgrund der mit Waffen ausgetragenen Konflikte und der politisch nicht durchschaubaren Lage“, keine Kohle aus Kolumbien mehr zu kaufen. Seit 2009 wird darauf verzichtet.

Alle anderen deutschen Energiefirmen sind weniger pingelig. Eon etwa stellte 2010 vor Ort fest, „dass Standards der Arbeits- und Umweltbedingungen überwiegend eingehalten werden“. RWE betont, „das Umwelt- und Sozialverhalten der Geschäftspartner“ in „umfassenden Bewertungen“ zu prüfen. Die Ergebnisse lege man „aus wettbewerbsrechtlichen Gründen nicht offen“. Ähnlich sehen es Mainova und EnBW, wo man gar „überzeugt“ sei, sich „gemessen an den höchsten Standards richtig zu verhalten“.

Für die Grünen sind die Zustände nicht tragbar. Die Förderung kostet laut Bundesanstalt für Geowissenschaften 15 bis 30 Euro pro Tonne – der Weltmarktpreis liegt bei etwa 80. „Der Gewinn ist groß genug für Entschädigungsfonds“, sagt Krischer. Deutschland müsse wirtschaftlichen und politischen Druck auf Kolumbien ausüben, damit striktere Regeln durchgesetzt werden.

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