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Klimawandel Die Tricksereien der Fleischindustrie

Molkereien und Fleischkonzerne behaupten, ihre Industrie arbeite klimaschonend. Eine Lüge, wie eine Studie offenbart.

Kühe in Brasilien
Schwarzbuch Landwirtschaft: Kühe auf einer Weide in Brasilien. Paulo Whitaker/rtr Foto: rtr

Weniger Fleisch zu essen, bringe fürs Klima wenig, behaupten Vertreter von Landwirtschaft und Politik immer wieder. Der größte Anteil der Treibhausgas-Emissionen komme vielmehr aus der Industrie, aus der Wärmeerzeugung und dem Verkehrssektor, lautet ihre Argumentation. Fleischverzicht könne deshalb keinen signifikanten Beitrag zum Klimaschutz leisten. Entscheidend sei vielmehr, dass Fleisch „klimaeffizient“ erzeugt werde.

Allerdings ist auch die Produktion von Fleisch und Milchprodukten längst eine Industrie. Es geht nicht nur um Tiere, die auf der Weide stehen oder in Ställen eingepfercht sind. Es geht auch um komplexe Lieferketten, hohen Energieverbrauch und einen sehr hohen Transportaufwand. Doch die Emissionen, die dabei entstehen, rechnet sich der Fleisch- und Molkereisektor bislang nicht selber zu; diese Emissionen werden verschwiegen. So erscheint die Branche sehr viel klimafreundlicher, als sie es de facto ist.

Insgesamt 80 bis 90 Prozent der Klimalast, die auf das Konto der großen Fleisch- und Milchkonzerne geht, fallen damit quasi unter den Tisch. Einen derart hohen Anteil am Klimagas-Ausstoß der Firmen machen die Emissionen in der gesamten Lieferkette aus, haben das Institute for Agriculture and Trade Policy (IATP) und die internationale Non-Profit-Organisation Grain für eine neue Studie errechnet. Die Untersuchung räumt mit dem Verwirrspiel um den Beitrag der Branche zur Erderwärmung auf: Er ist sehr viel größer als behauptet.

Für das Papier haben die beiden Organisationen die 35 größten Unternehmen der Branche genau unter die Lupe genommen, darunter auch die Konzerne Deutsches Milchkontor (DMK) und Tönnies aus Deutschland. Diese landen auf Platz 21 und 24 der Fleisch- und Milchproduzenten mit den höchsten Emissionen weltweit.

Um die wahren Emissionen der Unternehmen zu ermitteln, nutzen IATP und Grain die Kalkulationsmethode GLEAM der Welternährungsorganisation FAO. Das Kürzel steht für „Global Livestock Environmental Assessment Model“ – weltweites Umweltprüfungsmodell für die Tierhaltung. Die damit abgeschätzten Emissionen wurden sodann mit den öffentlich zugänglichen Daten der Firmen über ihre Produktionsmengen kombiniert.

Allein die fünf größten Konzerne – JBS, Tyson Foods, Cargill, Dairy Farmers of America und Fonterra – kommen demnach auf Emissionen von insgesamt 578 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent pro Jahr. Das ist so viel, wie der Ölgigant Exxon Mobil jährlich an Klimagasen verursacht.

In den eigenen Klimaberichten der Konzerne – sofern diese überhaupt existieren – tauchen viel niedrigere Zahlen auf. Der mit Abstand größte Fleischkonzern der Welt, die brasilianische JBS, gibt seine jährlichen Emissionen mit lediglich 8,9 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent an. Die Studie kommt zu einem anderen Ergebnis: Unter Berücksichtigung der gesamten Lieferkette sind es 280 Millionen Tonnen. Das ist 30mal so viel, wie JBS behauptet.

Auch die deutschen Fleischkonzerne rechnen ihre Klimalast klein. DMK etwa erzeugt nach eigenen Angaben 235.000 Tonnen CO2-Äquivalent pro Jahr. Nach den Berechnungen der Studienautoren sind es jedoch 12,3 Millionen Tonnen. Der Konzern gibt also nicht einmal zwei Prozent seiner Treibhausgas-Emissionen öffentlich an.

Für IATP-Europachefin Shefali Sharma zeigt die Studie, dass es so etwas wie „billiges Fleisch“ nicht gibt. Die industrielle Produktion im großen Maßstab gehe mit hohen Kosten einher. „Sie trägt erheblich zum Klimawandel bei“, sagt Sharma, „treibt die Entwaldung voran, verbraucht enorm viele Ressourcen und gefährdet durch übermäßigen Einsatz von Antibiotika die öffentliche Gesundheit.“

Insgesamt verursachen die 35 untersuchten Firmen sieben Milliarden Tonnen CO2-Äquivalent pro Jahr. Das waren im Jahr 2016 rund 14 Prozent aller Treibhausgase, die der Mensch in die Atmosphäre bläst.

Doch dabei dürfte es nicht bleiben. Denn die Branche setzt massiv auf Wachstum. Der Marktführer JBS etwa hat sich zum Ziel gesetzt, den weltweiten Pro-Kopf-Verbrauch von Fleisch um 30 Prozent anzukurbeln. Bis 2030 soll jeder Mensch im Schnitt 48 Kilogramm Fleisch verzehren, wenn es nach dem brasilianischen Konzern geht. 1999 waren es „erst“ 37 Kilo pro Kopf. Wird diese Wachstumsstrategie ungebremst weitergeführt, wird der Klimagas-Ausstoß der Branche bis 2030 auf 8,4 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalent steigen, bis 2050 auf 10,5 Milliarden Tonnen.

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