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Klimawandel „Alleine wird grünes Wachstum nicht reichen“

Der Präsident des Wuppertal-Instituts, Uwe Schneidewind, spricht im Interview mit der FR über die Chancen für eine „Große Transformation“, ohne die der ökologische Absturz droht.

The Wider Image: Enjoying the high life, up on the roof in Tel Aviv
Experimentierräume für soziale und institutionelle Reformen - dazu zählt Uwe Schneidewind auch urbane Gärten wie diesen Dachgarten in Tel Aviv, auf dem die Bewohner Kräuter und Gemüse anpflanzen. Foto: rtr

Uwe Schneidewind sagt: Um die große Öko-Krise in diesem Jahrhundert noch zu verhindern, reicht es nicht, Solarstrom zu produzieren, E-Autos zu fahren und den Abfall besser zu trennen. Es braucht eine radikale Transformation, die alle Lebensbereiche erfasst. Und Schneidewind, Präsident des renommierten Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie, glaubt sogar, dass die noch schnell genug kommen kann.

Professor Schneidewind, Deutschland geht es gut wie lange nicht. Wir haben fast Vollbeschäftigung, die Löhne steigen, die Steuern sprudeln – wieso brauchen wir da eine „Große Transformation“, wie Sie in Ihrem neuen Buch schreiben?
Wir dürfen uns nicht täuschen lassen: Deutschlands derzeit noch gute ökonomische Lage basiert auf seiner Sonderstellung als erfolgreiche Exportnation. Aber diese ist vielfältig bedroht – durch Handelseinschränkungen im Zuge von Trumps Handelspolitik, die unsichere Zukunft der EU oder wachsenden Druck auf Schlüsselbranchen wie die Autoindustrie, wo Deutschland den Anschluss bei der Elektromobilität zu verlieren droht. Zudem besteht die Gefahr einer weiteren Polarisierung der Gesellschaft. Und ökologisch gibt es ebenfalls große Probleme – so verfehlt Deutschland seine selbst gesteckten Klimaziele erheblich, es hat seine Vorreiterrolle verloren. Sich mit den Herausforderungen einer umfassenden Transformation von Gesellschaft und Wirtschaft auseinanderzusetzen, macht daher wirklich Sinn.

Sie sagen: Obwohl die Wirtschaft weiter wächst, stagniert der „effektive Wohlstand“ oder sinkt sogar. Was bedeutet das?
Das heißt: Wir besitzen zwar immer mehr Materielles, wir werden dadurch aber nicht unbedingt glücklicher. Und die zunehmende Ungleichverteilung des Einkommens, die immer stärker wahrgenommen wird, verstärkt diesen Effekt sogar noch.

Wieso nehmen die Bürger das einfach hin?
Nicht alle nehmen es hin. Viele Menschen haben durchaus das Gefühl, dass es mit einer reinen Fixierung auf das Bruttosozialprodukt so nicht weiter geht. Aber generell hat unser materieller Wohlstand ein solch hohes Niveau erreicht, dass auch eine Stagnation erst einmal keine Bedrohung darstellt. Zudem stimmen in Deutschland viele weitere nicht materielle Wohlstandsfaktoren: individuelle Freiheitsrechte, ein funktionierendes Gesundheitssystem und trotz Dieselskandal eine erheblich gestiegene Umweltqualität. Die größte Gefahr liegt darin, dass sich die Gesellschaft dadurch polarisiert, dass diese Bedingungen für eine wachsende Minderheit von Menschen nicht mehr gelten – zum Beispiel für Langzeitarbeitslose, Niedriglohn-Jobber und Rentner an der Armutsgrenze.

Die Reaktion der meisten Bürger ist „Coping, Hoping, Doping, Shopping“, so hat es der Soziologe Wolfgang Streek formuliert. Stimmt das – und wo bleibt dann der Protest?
Wolfgang Streeck weist in seiner Analyse auf das faszinierende Phänomen des „Coping“ hin, mit dem wir in modernen Gesellschaften die Anforderungen des ökonomischen Systems verinnerlichen und es dafür gar keinen externen Druck mehr braucht: Ständige Verfügbarkeit und Fitness sind selbstverständliche Werte von Leistungseliten. Drogen werden immer mehr genommen, um noch leistungsfähiger zu werden, und weniger, um sich zu betäuben. Längst erscheint „das System“ übermächtig, es gibt keinen wirklichen Adressaten für Protest mehr. Daher passt man sich individuell an.

Gleichzeitig erodieren die politischen Bindungen – CDU und SPD sind keine Volksparteien mehr, die Grünen und die AfD gewinnen. Auch eine Folge dieser Entwicklung?
In einer Zeit der vermeintlichen Alternativlosigkeit kommt konventionelle Politik in eine Legitimationskrise. Sie wird dann nicht mehr gebraucht, wenn die Handlungsoptionen ohnehin vorgegeben scheinen. Das macht dann solche Parteien und Politiker attraktiv, die zumeist durch massive Zuspitzung und dem Suggerieren von einfachen Lösungen noch „Alternativen“ zu bieten haben. Der aktuelle Höhenflug der Grünen macht in dieser Situation allerdings durchaus Mut. Er zeigt, dass ein immer größerer Anteil der Bevölkerung zumindest von der Möglichkeit einer ökologischen Alternative überzeugt ist – und sie auch für überfällig hält, gerade nach dem Hitzesommer 2018, einem Menetekel für die drohenden Klimaveränderungen.

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