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Klimaversicherungen Unerwünschte ökologische und soziale Nebeneffekte

Klimaversicherungen sollen Kleinbauern vor Dürren oder Wirbelstürmen schützen, sie können aber auch Schaden anrichten.

Malawi
Ihre ganze Existenz: Bauern ackern auf einem Feld in Malawi. Foto: rtr

Seit einigen Jahren gibt es „Klimaversicherungen“, die Bauern in Entwicklungsländern vor den Folgen des Klimawandels schützen sollen – vor extremen Dürren, Starkregen oder Wirbelstürmen. Landwirte werden bei Ernteausfällen schnell mit Geld oder praktischen Hilfen wie neuem Saatgut entschädigt. Doch die Klimaschutz-Policen können auch unerwünschte ökologische und soziale Nebenwirkungen haben, wie Experten des Leipziger Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) und der Universität von Oregon in einer Studie festgestellt haben. Sie geben daher Tipps für ein besseres Design der Versicherungen.

Ein Push für die neuartigen Klimaversicherungen kam 2015 vom G7-Gipfel in Elmau. Erfolgreiche Testläufe mit solchen Policen hatte es vorher in nordafrikanischen Ländern wie Niger und Mauretanien gegeben. In Elmau wurde das Ziel ausgegeben: Bis 2020 sollen in den ärmsten Ländern 400 Millionen Menschen abgesichert werden. Versichern lassen kann sich entweder ein Staat im Ganzen, oder die Bauern schließen individuelle Verträge ab. Zunächst wird in den Ländern auf Grundlage von Klima- und Wetterdaten das jeweilige Risiko bewertet. Dann werden Notfallpläne erstellt, damit die Hilfen im Katastrophenfall schnell dorthin gelangt, wo sie gebraucht werden.

Bisher sind Klimapolicen für mehr als 100 Millionen Bauern abgeschlossen worden. Auch die Bundesregierung sieht hier einen Schwerpunkt der Entwicklungspolitik. Sie stellte dafür bisher 190 Millionen Euro (209 Millionen Dollar) Risikokapital bereit.

Dass die Agrarversicherungen angesichts zunehmender Extremwetter-Ereignisse sinnvoll sind, stellen die UFZ-Experten nicht grundsätzlich in Frage. Sie könnten „existenzsichernd“ für die betroffenen Bauernfamilien sein, sagte Studienautorin Birgit Müller. „Doch in ihrer jetzigen Ausgestaltung sind die Versicherungen oft nicht zu Ende gedacht.“ Die in der Studie festgestellten unerwünschten ökologischen und sozialen Nebeneffekte führten dazu, dass die Landwirte mit der Anpassung an veränderte Umweltbedingungen kaum voran kämen.

Kleinbauern in Entwicklungsländern bauen auf ihren Feldern traditionell meist eine Reihe verschiedener Kulturen an, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass zumindest eine Kultur eine mögliche Dürre übersteht. Die Agrarversicherungen sind jedoch, so die Experten, häufig an feste Sorten gekoppelt. Daher gingen die Bauern oftmals zu Monokulturen über. Die Folgen sind laut UFZ einschneidend: „Die Agrar-Biodiversität nimmt ab, die Bodenqualität verschlechtert sich, und es werden vermehrt Düngemittel und Pestizide eingesetzt.“ Zudem verstärken die Klimaversicherungen die Neigung der Landwirte, risikoreichere Kulturen anzubauen, die zwar hohe Erträge versprechen, bei Dürren aber auch zu höheren Verlusten führten.

Zusammenhalt der Bauern könnte gefährdet sein

Negative Folgen drohen laut der Untersuchung auch für den Zusammenhalt unter den Bauern und in den Dörfern. In der Regel, so die Experten, helfen sich die Bauern nach größeren Ernteverlusten gegenseitig. Die Möglichkeit, sich zu versichern, könne nun aber dazu führen, dass ein versicherter Bauer einem anderen nicht mehr hilft, da dieser sich auch selbst hätte versichern können. „Auf lange Sicht könnte sich das weit über einzelne landwirtschaftliche Betriebe hinaus auswirken“, meinte die Geografie-Professorin Leigh Johnson von der Oregon University.

Die Wissenschaftler schlagen vor, die Versicherungen künftig nur noch für den echten „Ernstfall“ von extremen Dürren anzubieten. Laut Müller hat man etwa in den USA bereits dazugelernt. „Die Versicherungsprämie wird nämlich nur noch staatlich subventioniert, wenn eine Mindestanzahl an Anbaukulturen beibehalten und die Bewirtschaftung nicht auf ökologisch wertvolle Randgebiete ausgeweitet wurde.“

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