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Kleinbauern in Uganda Was Moses von der Milch bleibt

Liberalisierung und Handelsabkommen mit der Europäischen Union machen ugandischen Kleinbauern das Überleben schwer.

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In der Früh melkt der ugandische Kleinbauer Moses Rhambarara seine fünf Kühe. Foto: Schwab

Mbarara. Das erste Morgenrot färbt den Horizont, als Moses Rhambarara aus seiner strohgedeckten Hütte tritt, sich einen Blecheimer greift und in Gummistiefeln auf die Weide stapft. Dort steht sein ganzer Stolz. Zehn Rinder nennt der 35-Jährige sein eigen. "Fünf davon geben Milch", sagt Moses, bindet der ersten Kuh mit einem Strick die Hinterbeine zusammen und bearbeitet die Zitzen.

Moses ist Kleinbauer, wie viele im Distrikt Mbarara, 280 Kilometer südwestlich der ugandischen Hauptstadt Kampala. Sie leben von der Milchwirtschaft, doch was heißt leben. Etwa 17 Liter Milch spritzen an diesem Morgen in Moses' Melkeimer. 17 Liter, die er verkaufen kann - an Dalious Nuwahereza, den fliegenden Händler, der gegen Sieben in der Früh mit dem Rad und der 50-Liter-Kanne auf dem Gepäckträger vorbeikommt. Meistens jedenfalls.

Denn einen Vertrag mit Dalious hat Moses nicht. Kann sein, dass der 20-Jährige die Kanne schon voll hat und Moses bei seiner Tour von Hof zu Hof auslässt. Kann sein, dass er bei einem anderen Farmer die Milch billiger kriegt. 300 Schilling bekommt Moses von Dalious in der Regenzeit für den Liter Milch. Für 400 Schilling verkauft der Händler sie aus der Kanne heraus dann weiter auf seiner Tour von Haus zu Haus.

Für den ugandischen Handels- und Agrarexperten Geoffrey Bakunda ist Moses das typische Beispiel für die Kleinbauern, die seit Anfang der 90er Jahre in Folge der Liberalisierung den Zugang zum Markt verloren haben. "Früher sind 80 Prozent der produzierten Milch zu garantierten Preisen über die staatliche Milchgesellschaft vermarktet worden, heute werden 80 Prozent über unlizensierte Verkäufer vertrieben", sagte Bakunda, der an der Makarere-Universität in Kampala lehrt. "Das meiste läuft über den informellen Markt und wird nicht weiterverarbeitet."

Volle Regale

In den städtischen Zentren des Landes jedenfalls kommt die Milch der meisten Kleinbauern nicht an. Dennoch herrscht in den Regalen der Supermarktkette Uchumi in Kampala kein Mangel an Milchprodukten: Mascarpone und Parmesan aus Italien, Gouda aus Holland, Milchpulver aus Irland und Südafrika. Markt-Manager Eric Korir ist stolz auf das internationale Sortiment. "Die nationale Produktion kann die Nachfrage ja längst nicht befriedigen."

Das ist wahr und falsch zugleich. Denn Ugandas Bauern liefern ausreichend Milch - viele haben schon vor Jahren Friesen-Kühe eingekreuzt, um die Erträge zu steigern. Doch der Großteil der Milch findet nicht den Weg in Molkereien. Die Vermarktung, die die staatliche Milchgesellschaft bis Anfang der 90er organisierte, funktioniert nicht mehr.

"GBK Dairy Products" ist eine der wenigen Molkereien, die den Niedergang der Milchwirtschaft nach der Liberalisierungseuphorie überlebt haben. Am einzigen Standort in Mbarara verarbeitet GBK heute gerade mal bis zu 35 000 Liter Milch am Tag - auch zu Butter und Yoghurt. "Wir würden die Kapazität gerne steigern, die Nachfrage ist da, aber uns fehlen die Mittel", sagt Betriebsleiter Godwin Tumwebaze.

Nicht anders sieht es bei "Paramount" aus. Seit 15 Jahren produziert die Käserei in Mbarara mit 20 Beschäftigten Edamer, Gouda und Cheddar - und ist doch aus dem Hinterhof eines privaten Anwesens noch nicht herausgekommen. "Womit sollen wir den Ausbau und die Modernisierung unseres Betriebes finanzieren", fragt Produkt-Manager George Kibem, während ein Angestellter mit einem kräftigen Holzstab die in einem 1000-Liter-Bottich erhitzte Milch rührt.

Paramount-Käse ist in kleinen Mengen zwar auch im Uchumi-Markt in Kampala zu finden, doch gegen die Dumpingimporte aus Europa haben heimischen Produzenten so gut wie keine Chance. Nach Berechnungen von Oxfam liegen die Exportpreise in Deutschland im Schnitt 41 Prozent und in der EU 31 Prozent unter den Produktionskosten in Europa. "Dumping findet nach wie vor im großen Stil statt", sagt Oxfam-Agrarreferentin Marita Wiggerthale. Ein Großteil sei auf die EU-Exportsubventionen von 1,43 Milliarden Euro zurückzuführen, die auf das Konto großer Milchkonzerne gingen. Nestlé & Co. sahnen ab, während es für Kleinbauern wie Moses kaum zum Überleben reicht.

Die Milch jedenfalls ernährt Moses nicht. Würde er nicht Bananen, süße Kartoffeln und Bohnen anbauen, er könnte die siebenköpfige Familie nicht durchbringen. In der Trockenzeit aber reicht die Ernte meist nicht aus. Der 35-Jährige muss Maismehl hinzukaufen - das Kilo zu 800 Schilling. "Wir haben dann nur noch zweimal am Tag zu essen." Moses weiß oft nicht mehr, wie er die Schulgebühren - 10 000 Schilling pro Trimester - für die beiden ältesten Kinder oder die Kosten für eine Malariabehandlung der achtjährigen Tochter aufbringen soll. "Fast 30 000 Schilling haben sie dafür im Hospital verlangt", erzählt Moses, während er seine Milchkühe mit einem Mittel gegen Milben besprüht. Für 15 000 Schilling muss er sich alle drei Wochen eine neue Flasche der Lösung besorgen. Früher hat das die staatliche Milchgesellschaft in großen Mengen eingekauft und günstig an die Bauern weitergegeben.

"Es gibt viele Milchbauern, die ihre Familien nicht mehr richtig ernähren können", weiß Farmer Patrick Bharunhanga, der rund 70 Kühe auf der Weide hat. Selbst er ist darauf angewiesen, dass Händler mit dem Fahrrad vorfahren und ihm die Milch abnehmen. "Was dann in der Kasse bleibt, deckt bei weitem nicht die Produktionskosten", erzählt Patrick. "Keiner von uns bekommt Subventionen, wie sollen wir da mit den Importen konkurrieren können?"

Für Armin Paasch, Handelsexperte des Food First Informations- und Aktions-Netzwerks (Fian), ist die Situation der Kleinbauern eine direkte Folge der europäischen Handelspolitik. "Europäische Agrarexporte zu Dumpingpreisen gefährden das Menschenrecht auf Nahrung", sagt Paasch. Die jüngsten Reformvorschläge der EU-Kommission nennt der Handelsexperte denn auch auch skandalös "in Zeiten der Hungerkrise". Die EU-Politik ziele lediglich auf eine Steigerung von Produktion und Exporten. Dass die Milchquote bis 2015 abgeschafft werden solle, sei eine Hiobsbotschaft für die Bauern in Afrika. Der Milchpreis wird sinken und europäische Produkte werden auch ohne Exportsubventionen ihren Weg auf den Weltmarkt finden, befürchten Fian und die Nord-Süd-Initiative Germanwatch.

Zölle fallen weg

Wehren können sich afrikanische Staaten wie Uganda gegen Importe aus der EU nicht. Dafür sorgen Wirtschaftspartnerschaftsabkommen (EPA), denen bereits zahlreiche Länder zugestimmt haben. Auch Uganda hat sich darin verpflichtet, seine Importzölle für 80 Prozent der EU-Einfuhren in den nächsten Jahren abzuschaffen und die restlichen Zölle auf niedrigem Niveau einzufrieren.

"Was bleibt uns da?", fragt Farmer Patrick Bharuhanga. Doch einer wie er gibt nicht auf. "Wir Bauern müssen uns wieder in Kooperativen organisieren, damit wir stärker werden." Die Farmer könnten dann selbst in die Weiterverarbeitung investieren, wie in Europa Molkereien gründen, um sich den heimischen Markt zu erschließen. Weil er nicht warten will, bis die Regierung begreift, dass sie mehr in die lokale Landwirtschaft investieren muss, hat Patrick schon einmal angefangen. Im Licht einer Petroleumlampe - der Strom ist gerade wieder einmal ausgefallen - präsentiert er sein mehrseitiges Konzept für ein Zentrum, in dem er Bauern schulen und beraten möchte.

"Wir müssen umdenken, die Milchwirtschaft als Geschäft sehen, die Qualität und die Vermarktung verbessern", sagt Patrick. Auf seinem Grundstück bei Mbarara steht seit zwei Jahren der Rohbau für das Trainingszentrum. Ohne einen Schilling staatlicher Unterstützung hat der engagierte Farmer die Wände hochgezogen. Doch jetzt ist er finanziell am Ende. Und Kredite sind für Kleinbauern nur schwer zu kriegen. Die Zinsen sind hoch. "Und wir müssen tilgen, bevor die Ernte eingefahren ist", berichtet Patrick. Das ist unmöglich.

Ob er seinem 16-jährigen Sohn dennoch raten würde, eines Tages den Hof und die 70 Rinder zu übernehmen? "Ja", sagt Patrick, ohne zu zögern. "Wenn die Politik stimmt, dann hat Landwirtschaft hier eine Chance."

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