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Klaus Töpfer "Wir waren so euphorisch"

Wenn sich einer mit Weltklimakonventionen auskennt, dann er: Umweltexperte Klaus Töpfer spricht im Interview über den Geist von Rio und die nötige Reformation des Wirtschaftssystems.

09.06.2012 17:49
Sieht in der deutschen Energiewende einen Hoffnungsträger für Grüne Ökonomie: Klaus Töpfer Foto: dpa

Wenn sich einer mit Weltklimakonventionen auskennt, dann er: Umweltexperte Klaus Töpfer spricht im Interview über den Geist von Rio und die nötige Reformation des Wirtschaftssystems.

Wenn einer den „Geist von Rio“ kennt, dann Klaus Töpfer. Der Ex-Bundesumweltminister war maßgeblich daran beteiligt, dass der UN-Gipfel von 1992 in der brasilianischen Metropole ein Erfolg wurde. Dort wurden die Weltklimakonvention und die Blaupause für eine nachhaltige Entwicklung beschlossen, die „Agenda 21“. Von dem damaligen Aufbruch ist wenig geblieben. Von der in der übernächsten Woche stattfindenden Nachfolgekonferenz „Rio plus 20“ fordert Töpfer: „Wir müssen endlich in die Umsetzung kommen.“

Herr Töpfer, man nannte Sie nach dem UN-Erdgipfel 1992 den „Retter von Rio“, dennoch hat der Gipfel die Welt nicht gerettet. Der CO2-Ausstoß ist stark gewachsen, die Artenvielfalt nimmt weiter ab, die Böden werden übernutzt ...

Das ist mir zu negativ. Eine Konferenz konnte die Welt nicht retten. Aber Ideen geben, wie eine friedliche Entwicklung in der globalisierten Welt gelingen könnte, das hat Rio getan. Wer kann schon sagen, wie sich die Welt ohne den Gipfel entwickelt hätte? In den 20 Jahren seither ist die Weltbevölkerung von 5,5 auf sieben Milliarden Menschen angewachsen. Länder wie China, Indien und Brasilien sind große Player geworden.

Sind Sie immer noch Optimist?

Bin ich. Rio war der Deklarations- und der Konventions-Gipfel. Den Gipfel zur Umsetzung haben wir zehn Jahre später in Johannesburg erhofft. Bei „Rio plus 10“ wurde dafür damals ein Plan mit klaren Zielen verabschiedet.

Wenn Sie an die zwei Wochen im Juni 1992 zurückdenken, was fällt Ihnen als erstes ein?

Die einmalige, geradezu unglaublich euphorische Atmosphäre nach dem Ende der Ost-West-Konfrontation. Die Teilnehmer aus Nord und Süd, West und Ost überwanden ihre Konflikte und Vorbehalte, sie schienen wirklich überzeugt von der Idee, nachhaltigen Wohlstand durch Entwicklung für alle zu schaffen, ohne die ökologischen Grundlagen des Planeten auszuplündern. Es wurde anerkannt, dass reiche und arme Länder eine „gemeinsame, aber unterschiedliche Verantwortung“ tragen. Das war ein Meilenstein.

Was war denn daran schuld, dass der viel beschworene „Geist von Rio“ sich buchstäblich in Kohlendioxid aufgelöst hat?

Wir gingen damals zu blauäugig an die Sache heran. Wir waren so euphorisch. Wir hatten zum Beispiel die Weltklima-Konvention zustande gebracht. An die Umsetzung haben wir dagegen viel zu wenig gedacht. In der Konvention hatten sich die Staaten darauf verpflichtet, „eine gefährliche Störung des Klimasystems zu verhindern“. Das war eine Sensation. Und wir glaubten, dass das von allen ernst gemeint war. Wir hätten nicht nur die Bretter hinlegen sollen, sondern gleich die Nägel reinhauen. Danach fing das Gewürge an. Es war, wie Helmut Kohl gerne sagte: Alle sind der Meinung, man müsse den Gürtel enger schnallen, und dann fängt jeder an, am Gürtel des anderen herumzufummeln.

Die Amerikaner legten sich als erste quer. Sie wollten den American Way of Life nicht opfern.

Es waren nicht nur die Amerikaner. Aber die Amerikaner waren ein ganz besonders schwieriger Partner.

Die Bremser bremsen nun seit 20 Jahren.

Die Sache ist unerträglich langsam. Aber es gibt auch positive Entwicklungen, etwa den ungeahnten Aufschwung der erneuerbaren Energien. Und man darf auch „Rio plus 20“ nicht von vorneherein abhaken. Wir müssen eine solche Atmosphäre erzeugen, dass die Politiker sagen: Wir haben hier die Chance, etwas zur Stabilisierung des Planeten zu tun – und das müssen wir schaffen.

Der Gipfel soll eine Blaupause für eine „Grüne Wirtschaft“ verabschieden. Kritiker sagen, es sei Wachstumsfetischismus in grün …

Das Konzept kann uns helfen, die Realwirtschaft auf solide Füße zu stellen. Wachstum und Umweltbelastung können entkoppelt werden.

Wenn es so toll ist, könnten sich ja alle schnell einigen.

So einfach ist es auch wieder nicht. Die alten Geister, die wir in Rio besänftigt zu haben schienen, kommen wieder hoch. Viele Verantwortliche in den Entwicklungsländern befürchten, dass der Norden sie von Entwicklungschancen abschneiden will, indem nur noch grüne Technologien zugelassen werden. Da wird es harte Diskussionen geben.

Gibt es denn Beispiele für die Grüne Ökonomie, die Mut machen?

Da muss ich nicht in die Ferne schweifen. Die deutsche Energiewende kann der herausragende Hoffnungsträger sein, wenn sie gut und erfolgreich umgesetzt wird. Im Bereich der erneuerbaren Energien sind bei uns bereits bisher über 300.000 Arbeitsplätze entstanden. Es entstehen Energiegenossenschaften, die Menschen nehmen die Versorgung in die eigenen Hände. Das ist eine grandiose Basisbewegung. Aber auch international gibt es Beispiele. Kenia etwa hat beschlossen, dass es den gesamten weiteren Ausbau des Energiesystems mit erneuerbaren Energien leisten wird. Oder nehmen Sie Indien. Ein Gesetz garantiert dort den Ärmsten der Armen auf dem Land Arbeit in Projekten, die der Erhaltung der Ökosysteme dienen. Das zeigt, dass der Geist von Rio nicht tot ist. Allerdings: Green Economy alleine reicht nicht aus.

Was muss noch passieren?

Wir müssen das Wirtschaftssystem insgesamt reformieren. In der Finanzwirtschaft drohen riesige neue Blasen, die erneut platzen können und alle Bemühungen einer nachhaltigen weltweiten Entwicklung zunichte machen würden. Wir müssen in Rio Antworten finden, wie dieses Monster gezähmt werden kann. Bisher heißt es: Es kann niemand gegen die Märkte Politik machen. Das ist doch absurd. Wenn wir das Primat der Politik nicht wieder herstellen, brauchen wir auch keine Nachhaltigkeitskonferenz. Wir müssen aus dem Diktat der Kurzfristigkeit ausbrechen, das die Probleme in der Real- wie in der Finanzwirtschaft erzeugt. Die Finanzkrise hat die Situation gegenüber Rio 1992 noch einmal dramatisch verschärft. Das macht mir große Sorgen.

Um daran in Rio etwas zu ändern, bräuchte es die Anwesenheit wichtiger Staats- und Regierungschefs. Aber Angela Merkel und der britische Premier Cameron haben ihre Teilnahme abgesagt. US-Präsident Obama wird wohl auch nicht kommen.

Warten wir mal ab. Viele werden noch hinfahren, die bis jetzt dafür noch nicht die Zeit finden. Entscheidend ist: Alle Themen, die eine nachhaltige, friedliche Zukunft der Welt grundlegend beeinflussen, müssen mit der Verpflichtung zu Lösungen erörtert werden.

Bislang scheint der Druck nicht groß genug zu sein. Können denn Nichtregierungsorganisationen dank Internet-Vernetzung die Wende bringen?

Wir können auf keinen der Akteure verzichten. Vor allem brauchen wir die Bürger und Bürgerinnen, die sich sachkundig mit den Themen auseinander setzen. Dabei kann das Internet eine große Hilfe sein, an die 1992 noch niemand gedacht hat.

Internetkonferenzen statt Megagipfel? Diesmal werden in Rio 50?000 Teilnehmer erwartet. Fällt das Ergebnis wieder so mager aus wie 2009 beim Klimagipfel-Flop von Kopenhagen, dann ist das Format tot.

Es wäre nichts gewonnen, wenn die Gipfel eingestellt würden. Im Gegenteil. Ohne sie drohen diese Menschheitsthemen noch stärker von den anderen kurzfristigen Problemen überdeckt zu werden.

Müsste man in Rio nicht die Systemfrage stellen? Kann die kapitalistische Profitmaschine überhaupt so begrenzt werden, dass sie das dramatische Umsteuern in der Wirtschaft mitmacht, das notwendig ist?

Der real existierende Sozialismus war völlig blind gegenüber den ökologischen Grenzen. Von daher kommt keine Rettung. Aber die Dominanz des Bruttosozialprodukts als Bewertungsmaßstab für Erfolg und Wohlstand wird weiter abnehmen. Unternehmen, die „to big to fail“ sind, darf es nicht mehr geben.

Einer der wenigen Lichtblicke seit 1992 ist, dass wegen des Aufschwungs in Ländern wie China, Indien oder Brasilien die Zahl der in Armut lebenden Menschen gesunken ist. Allerdings ging das auf Kosten von Ressourcen und Umweltausbeutung. Unter Experten wird das Konzept Degrowth – also schrumpfen statt wachsen – für den reichen Norden diskutiert, um den Entwicklungsländern Raum zu lassen.

Wie Degrowth nicht funktioniert, können Sie gerade in Griechenland und Spanien beobachten. Mehr Armut, weniger Jobs, eine Jugend ohne Perspektive ...

So ist es ja wohl nicht gemeint.

Man muss schon genau hinschauen. Es gibt auch bei uns immer mehr Arme, bei denen der Rat, weniger zu konsumieren, reiner Zynismus wäre. Für die meisten in Deutschland gilt aber in der Tat: Wir leben ökonomisch und ökologisch über unsere Verhältnisse. Wenn ich durch die Straßen gehe, kommt es mir so vor, als hätten wir im Grundgesetz einen Artikel, der Konsum zur Pflicht erklärt. Wir haben unseren Wohlstand nicht nur durch Ressourcen-Raubbau, sondern auch durch massive Verschuldung subventioniert. Beides müssen wir durch intelligentes Einsparen in den Griff bekommen, auch wenn es schmerzhaft wird.

Das Gespräch für Joachim Wille.

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