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Kita-Ausbau Wenig Geld für miese Arbeit

Kaum etwas zeigt besser, wie Wähler politische Versprechungen richtig einordnen als ein Blick auf die Aktuelle Lage an der Krippenfront. Politiker loben den Kita-Ausbau als epochal - und verschweigen die prekäre Situation der Erzieher.

Schwer beschäftigt: Personal in Kitas. Foto: Michael Schick

Fast droht der einst als epochal geadelte Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz für unter vierjährige Kinder im Getöse des Wahlkampfs unterzugehen. Dabei könnte gerade der Blick auf die aktuelle Lage an der Krippenfront helfen, den Wert politischer Versprechungen richtig einzuordnen, was in Wahlkampfzeiten von Vorteil sein mag. Mit dem geplanten Ausbau auf 780 000 Plätze bis Ende Dezember wird es nämlich nichts: Am 1. März gab es bundesweit weniger als 600 000 Krippenplätze. Das ohnehin nicht sehr ambitionierte Ziel, wenigstens für 37 Prozent der Ein- bis Dreijährigen in den westlichen Bundesländern sowie für 51 Prozent in den östlichen einen Betreuung anzubieten, wird absehbar bei weitem verfehlt.

Arbeitsverdichtung und Stress

Ebenso prekär ist die Personalsituation der Einrichtungen: Erzieherinnen fehlen an allen Ecken und Enden. Würden die noch fehlenden 183 000 Krippenplätze tatsächlich bis Jahresende fertiggestellt, würden hiervon erfahrungsgemäß etwa 85 Prozent sofort in Anspruch genommen. Damit müssten 34 000 Fachkräfte eingestellt werden, hat die Gewerkschaft Verdi anhand des gängigen Betreuungsschlüssels ausgerechnet. Da aber jährlich nur etwa 15 000 frisch ausgebildete Fachkräfte ihre Berufslaufbahn beginnen, ergibt sich ein ungedeckter Bedarf an 19 000 Erzieherinnen.

Die seit Jahren wachsenden Lücke führt laut Alexander Wegener von Verdi zu einer immer stärkeren Arbeitsverdichtung mit verkürzten Pausen und erhöhtem Stress. Mehr als 90 Prozent der Erzieherinnen gaben 2012 in einer Befragung an, ihre Aufgaben aufgrund des wachsenden Arbeitsanfalls nur noch unvollständig erledigen zu können.

In einer früheren Erhebung des DGB äußerten über 50 Prozent der Fachkräfte die Erwartung, ihren Beruf nicht bis zum regulären Renteneintrittsalter ausüben zu können. Die Gesundheitswissenschaftlerin Attiya Khan von der Uni Dresden listet in einer Analyse mehrerer medizinischer Studien zahlreiche Belastungen auf, denen Erzieherinnen besonders ausgesetzt sind: Vom stundenlangen Hocken auf Kinderstühlen bis zur Zunahme psychischer Belastungen. Laut Khan sehen sich 50 Prozent der Erzieherinnen unter permanentem Zeitdruck, vier von fünf Fachkräften klagen über zu große Gruppen, neun von zehn fühlen sich zumindest gelegentlich überfordert. Dabei werde die körperliche und seelische Beanspruchung mit zunehmendem Alter als immer bedrückender erlebt.

Durchschnittsalter steigt

Und das Alter steigt, geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Bundestagsfraktion der Linken hervor. Am 1. März 2012 waren die bundesweit 323 635 Erzieherinnen und Erzieher im Durchschnitt 41,9 Jahre als – und damit 2,7 Jahre älter als das Personal im Jahre 2002. Trotz der großen Personalnot sind die Arbeitsbedingungen der Fachkräfte aber oftmals mies: 13 Prozent der Erzieherinnen waren 2012 nur befristet angestellt, branchenübergreifend traf dies nur auf 9,5 Prozent aller Beschäftigen zu. Zudem sank der Vollzeitanteil zwischen 2002 und 2012 von 44,7 auf 40,2 Prozent. Und das Einstiegsgehalt liegt nach Tarifvertrag bei nur 2221,21Euro brutto.

Also: Genau hinhören, wenn Politiker sich für die großen Fortschritte im Kita-Ausbau selbst auf die Schulter klopfen.

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