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Kinderarmut Migranten Programmierte Armut

Viele Zuwandererfamilien sind arm. Und laut einer aktuellen Studie gelingt es Kindern aus diesen Familien später nur selten, der Armut zu entkommen.

Wie gut es Kindern finanziell geht, hängt auch von ihrer Herkunft ab. Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

Viele Zuwandererfamilien sind arm. Und laut einer aktuellen Studie gelingt es Kindern aus diesen Familien später nur selten, der Armut zu entkommen.

In Deutschland ist fast jedes dritte Kind mit Migrationshintergrund armutsgefährdet. Das geht aus einer aktuellen Auswertung hervor. Doch die Bundesregierung scheint sich nicht sonderlich für die Situation dieser Kinder zu interessieren, kritisiert der Sozialforscher Eric Seils von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung.

Um das Armutsrisiko von Kindern mit und ohne Migrationshintergrund zu erforschen, hat Seils kürzlich eine Sonderauswertung von amtlichen Daten veranlasst. Das Ergebnis: 14 Prozent aller Kinder ohne Migrationshintergrund sind armutsgefährdet. Bei Jungen und Mädchen aus Einwanderer-Familien ist die Armutsquote mit 30 Prozent mehr als doppelt so hoch. Die Angaben beziehen sich auf das Jahr 2011 und gelten für Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren. Sie basieren auf Daten aus dem Mikrozensus, das ist eine Haushaltsbefragung der statistischen Landeämter.

Als armutsgefährdet gelten Menschen, die über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügen. Bei einem Single lag diese Armutsschwelle im Jahr 2011 bei 848 Euro, bei einem Paar mit einem Kind bei 1526 Euro, erläutert der Sozialforscher Seils. Die Definition von Armut berücksichtigt, dass es für die Betroffenen finanziell günstiger ist, wenn mehrere Menschen in einem Haushalt leben.

Einkommensarmut für Kinder ein Problem

Dass Kinder aus Zuwanderer-Familien so oft in finanziell prekären Verhältnissen leben, liegt vor allem an den schlechten Arbeitsmarktchancen ihrer Eltern: Fast 30 Prozent der Eltern mit Migrationshintergrund haben keine berufliche Qualifikation, die in Deutschland anerkannt ist. Viele berufstätige Zuwanderer haben deshalb extrem niedrige Einkommen, auch das zeigt der Mikrozensus. Andere haben gar keinen Job und sind auf Hartz IV angewiesen.

Einkommensarmut ist ein ernstes Problem, betont Seils. Das gilt gerade für Kinder. Sie müssen nicht nur auf vieles verzichten, was für ihre Klassenkameraden selbstverständlich ist. Studien zeigen laut Seils auch einen deutlichen Zusammenhang zwischen der finanziellen Lage des Haushalts und der Gesundheit von Kindern. Zudem haben die Kinder schlechtere Bildungschancen, betont der Verteilungsforscher Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Und das wiederum mindert die Chancen auf einen gut bezahlten Arbeitsplatz. Gemessen an dem hohen Armutsrisiko von Migranten-Familien sei in dem Armutsbericht der Bundesregierung wenig Differenziertes darüber zu lesen, bemängelt Grabka. Schlimmer noch: Die Angaben sind widersprüchlich. So steht in dem Entwurf auf Seite 115, dass 17,8 Prozent aller Kinder mit Migrationshintergrund armutsgefährdet seien. Ist die Lage also doch nicht so schlimm? Seils indes hält diese Angabe für unplausibel. Sie basiert auf Umfragen, die schon einige Jahre alt sind.

Die Bundesregierung selbst verweist zehn Seiten später auf ihren eigenen Integrationsbericht. Und dort ist nachzulesen, dass bereits im Jahr 2010 rund 30 Prozent aller Minderjährigen mit Migrationshintergrund armutsgefährdet waren. Der Integrationsbericht beruft sich – wie die Böckler-Analyse – auf den Mikrozensus. Über diese Erhebung schrieb das Statistische Bundesamt vor anderthalb Jahren: „Der Mikrozensus ist die einzige Datengrundlage, die belastbare Zahlen zur Bevölkerung mit Migrationshintergrund bietet.“ Dies gelte noch heute, heißt es aus der Behörde. Denn in der Umfrage würden die Menschen sehr genau nach ihrer Herkunft befragt. Auch DIW-Forscher Grabka hält eine Armutsquote um die 30 Prozent für plausibel.

Berufsabschlüsse einfacher anerkennen

Die Ungereimtheiten in dem Armutsbericht zeigen nach Seils Ansicht vor allem eins: Die Bundesregierung interessiere sich nicht sonderlich für die finanzielle Lage von Menschen mit Migrationshintergrund. Das Bundesarbeitsministerium betonte, dass es bisher nur einen Entwurf des Armutsberichts gebe. Voraussichtlich im März werde die endgültige Fassung vom Kabinett verabschiedet, hieß es. Vorher äußere sich das Ministerium nicht zu Inhalten.

Grabka plädiert dafür, Kinder von Einwanderern in Vorschule und Schule zielgerichteter zu fördern. Berufsabschlüsse von Immigranten müssten einfacher anerkannt werden, fordert er. Arbeitslose Menschen müssten besser gefördert und weitergebildet werden, anstatt die Mittel – wie geschehen – zusammenzustreichen. „Hier ist ein starker Staat gefragt“, sagt Grabka.

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