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Kinderarbeit Grabsteine aus Kinderhand

Schuften statt pauken ist für Millionen Kinder bitterer Alltag. Besonders makaber: Zahlreiche Grabsteine auf deutschen Friedhöfen stammen aus Kinderarbeit in Indien.

Ein Mädchen bearbeitet im indischen Bundi (Rajasthan) Granitblöcke. Foto: Tobias Schwab

Zahlreiche Grabsteine auf deutschen Friedhöfen stammen aus Kinderarbeit in Indien. Für die oft nichts ahnenden Kunden sind diese Grabsteine unschlagbar günstig. Doch den Preis dafür zahlen andere: Kinder, die in indischen Steinbrüchen schuften, sich dabei bereits in frühen Jahren Staublungen, chronische Augenentzündungen und Haltungsschäden einhandeln. Vor allem aber bekommen sie nie eine Schule von innen zu sehen und haben keine Chance auf eine Grundbildung.

Schuften statt pauken, das ist nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) weltweit für mehr als 215 Millionen Kinder bitterer Alltag. Sie schleifen Diamanten, schleppen Kakaofrüchte, knüpfen Teppiche oder behauen in sengender Sonne Steine. 115 Millionen von ihnen gehen laut ILO sogar einer Arbeit nach, die als gefährlich und ausbeuterisch eingestuft wird.

Was die Jungen und Mädchen beispielsweise in den Steinbrüchen des indischen Bundesstaates Rajasthan mit Meißel und Hammer bearbeiten, landet nicht nur auf deutschen Friedhöfen, sondern auch als Pflaster in Fußgängerzonen und Gärten. Branchenkenner gehen davon aus, dass mittlerweile 50 bis 60 Prozent der Gedenksteine auf deutschen Kirchhöfen aus Indien kommen.

Das Statistische Bundesamt weist jedenfalls einen wachsenden Trend aus. Allein in der Rubrik „Polierter, verzierter Granit“ stiegen die Einfuhren aus Indien von rund 41.000 im Jahr 2006 auf 55.000 Tonnen in 2010.

Künftig dürfe es in Deutschland keine Grabsteine mehr geben, die aus Kinderhand stammen, fordert Ulrich Thöne, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), anlässlich des heutigen Welttages gegen Kinderarbeit. „Kinder und Jugendliche gehören in Bildungseinrichtungen und brauchen eine berufliche Perspektive. Wer ihnen Bildung und Ausbildung verweigert, nimmt ihnen die Möglichkeit, den Armutskreislauf zu durchbrechen, und raubt ihnen Lebenschancen“, sagte Thöne der Frankfurter Rundschau.

Auch die Gewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt macht sich für ein Verbot von Steinen aus Kinderhand stark. Wegweisend nennen der stellvertretende IG BAU-Bundesvorsitzende Dietmar Schäfers und GEW-Chef Thöne das Beispiel Baden-Württembergs. Die rot-grüne Regierung hat dort Ende Mai eine Gesetzesänderung auf den Weg gebracht, die es den Kommunen ermöglichen soll, per Friedhofssatzung Grabsteine aus Kinderarbeit zu verbieten.

„Das Beispiel muss auch in anderen großen Ländern Schule machen“, appelliert Schäfers an die Landesregierungen. „Warum geht eigentlich niemand voran und startet eine Bundesratsinitiative, damit wir flächendecken etwas erreichen.“

Saarland und Bremen reformieren Friedhofsgesetze

Saarland und Bremen immerhin haben bereits 2009 beziehungsweise 2010 ihre Friedhofsgesetze entsprechend reformiert. In Bayern wird sich der Verwaltungsgerichtshof (VGH) in München am 4. Juli mit dem Thema beschäftigen. Mitte 2009 hatte der VGH eine Entscheidung der Stadt Nürnberg gekippt, Grabsteine aus Kinderhand auf Kirchhöfen zu verbieten. Ein Steinmetz hatte gegen den Beschluss der Stadt eine Normenkontrollklage angestrengt. Im Oktober vergangenen Jahres kassierte das Bayrische Verfassungsgericht den VGH-Spruch und verwies die Angelegenheit zur erneuten Entscheidung an den VGH zurück. Begründung: Es sei weder sachfremd noch willkürlich, wenn eine Gemeinde davon ausgehe, „dass es im Interesse der Würde des Ortes der Totenbestattung liegen kann, dass dort keine Grabsteine aufgestellt werden, deren Material in einem weltweit geächteten Herstellungsprozess durch schlimmste Form der Kinderarbeit gewonnen werden.“

Auch beim Materialeinkauf und der Vergabe von Aufträgen berücksichtigten immer mehr Kommunen ökologische und soziale Kriterien. Denn wer zum Beispiel Produkte aus ausbeuterischer Kinderarbeit liefert oder verarbeitet, darf seit der Novellierung des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen 2009 von öffentlichen Aufträgen ausgeschlossen werden. Die Liste der Städte, die ihre Vergabeverordnungen entsprechend neu gefasst haben, reicht von Aschaffenburg über Hannover bis Zwickau. Fast alle Kommunen verlassen sich dabei aber auf die Selbstauskünfte der Händler und Baubetriebe, keine Ware aus Kinderarbeit zu verbauen. Doch Papier ist geduldig.

München geht einen anderen Weg und nimmt damit eine Vorreiterrolle ein: Lieferanten müssen seit Ende 2011 für bestimmte Produkte ein Zertifikat eines „unabhängigen Dritten“ dafür vorlegen, dass sie ohne Kinderarbeit hergestellt wurden. Bei Natursteinen beispielsweise kommen da zurzeit drei Siegel in Frage: Xertifix, Fair Stone und Igep.

Während der von Freiburger Steinmetzen und der katholischen Hilfsorganisation Misereor initiierte Verein Xertifix ausschließlich Natursteine aus Indien zertifiziert, ist Fair Stone, verantwortet von der Agentur Win-Win, vor allem in China und der Türkei aktiv. Wie Xertifix siegelt die Igep-Foundation vor allem Steine aus Indien.

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