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Karstadt in der Krise Die großen Zeiten sind vorbei

Das Geschäftsmodell Warenhaus ist in der Krise. Laut Experten wird von den 190 Kaufhäusern hierzulande höchstens die Hälfte überleben.

Der Kaufhof an der Frankfurter Hauptwache im Jahr 1975. Auch dank seiner hervorragenden Lage ist das Warenhaus heute die Nummer eins der Kette in Frankfurt.

Derzeit wirbt Karstadt mit „Überraschungs-Wochenenden“. Gemeint sind Super-Sonderangebote. Vieles gibt es 50 Prozent billiger. Die Beschäftigten fürchten Überraschungen ganz anderer Art: Neue Hiobsbotschaften über die Zukunft des Unternehmens. Die dürften früher oder später mit einer gewissen Zwangsläufigkeit kommen. Nach Einschätzung von Handelsexperten gibt es schlicht viel zu viele Warenhäuser.

Zuerst machte sich Karstadtchefin Eva-Lotta Sjöstedt plötzlich und unerwartet aus dem Staub, dann kündigte Aufsichtsratschef Stephan Fanderl an, dass mindestens 20 von 83 Standorten vor dem Aus stehen. Jetzt kursiert unter Beschäftigten die Angst, dass es bereits Listen mit den Filialen gibt, die geschlossen werden sollen. Verdi versucht gegenzuhalten und fordert ein Programm zur Standort- und Beschäftigungssicherung.

Diese Turbulenzen beim zweitgrößten hiesigen Warenhausbetreiber sind nur die schrillen Symptome einer Dauerkrise des Geschäftsmodells Warenhaus. Die großen Zeiten liegen schon gut 100 Jahre zurück. Zwischen 1900 und 1913 entstanden in den deutschen Metropolen riesige Warenhäuser mit pompöser Architektur, sie waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts die wichtigste Innovation des Einzelhandels. Die zweite Blüte kam in der Wirtschaftswunderzeit. In großer Zahl entstanden Filialen auch in mittelgroßen Kommunen.

Sie lebten von Kunden aus dem Umland, die oft noch mit Bus oder Bahn kamen. Doch immer mehr Pkw machten die Kundschaft mobiler. Und zum Einkaufen am Wochenende wurde bald in die Großstadt gefahren. Links liegen gelassen wurde der Einzelhandel in der Provinz. 1993 gab es bundesweit noch 375 Warenhäuser, heute betreiben Kaufhof und Karstadt zusammen noch etwa halb so viele Standorte.

Online-Shopping immer wichtiger

Für Jörg Funder von der FH Worms steht fest, dass sich die Zahl der Filialen abermals halbieren wird. Warenhäuser benötigten Städte mit mehr als 200 000 Einwohnern. Rund 90 der derzeit noch geöffneten Geschäfte befinden sich aber in kleineren Kommunen, fallen damit in die Kategorie „gefährdet“. Ganz ähnlich argumentiert der Handelsexperte Gerd Hessert von der Uni Leipzig: „Ich gehe davon aus, dass von den derzeit knapp 190 insgesamt nur 70 bis 80 Warenhäuser auf Dauer überlebensfähig sind.“ Er kalkuliert mit 20 „exklusiven Häusern“ in Städten mit mehr als 500 000 Einwohnern. An weiteren 50 bis 60 Standorten in größeren Kommunen könnten attraktive Geschäfte aufgebaut werden.

Für Hessert hängen die Größe der Stadt und der Glamour des Warenhauses unmittelbar zusammen. Es müsse sich als „Gesamterlebnis der Vielfalt“ inszenieren. Dafür braucht es viel Platz. Nötig sind zusätzlich Ruhezonen und gastronomische Bereiche. Es braucht also noch mehr Platz. Das alles lasse sich aber nur rentabel bewirtschaften, wenn die Frequenz der Kunden hoch sei. Voraussetzung für hohe Kundenfrequenzen sind aber attraktive Innenstädte, die Konsumenten von weiterher anziehen, weil es nicht nur das eine Kaufhaus, sondern auch Cafés, Boutiquen und am besten auch noch Weinfeste, Weihnachtsmärkte und andere Spektakel gibt – eben das, was in den Innenstädten von Frankfurt, Hamburg oder München insbesondere an Samstagen inszeniert wird.

Hinter dieser Allianz von Warenhaus und Urbanität steckt betriebswirtschaftliches Kalkül. Die Betreiber machen das Gros der Einnahmen mit wenigen profitablen Häusern. Für Hessert steht deshalb fest, dass Karstadt und Kaufhof „noch zu viele unrentable Standorte“ mitschleppen. Wenn sie die Hälfte ihrer Filialen schließen würden, müssten sie nur 20 Prozent an Umsatz und an Beschäftigten einbüßen. „So lässt sich Produktivität erhöhen“, sagt Hessert.

Dies wird in Zukunft nach Einschätzung von Marktforschern auch bitter nötig werden. Denn für die Kaufhof- und Karstadt-Manager kommt erschwerend hinzu, dass Online-Einkaufen massiv an Bedeutung gewinnt. Eine Studie der Unternehmensberatung Roland Berger und der Uni Münster hat ergeben, dass schon jetzt bei fast jedem zweiten „nicht-routinierten Einkauf“ das Internet eine Rolle spielt. Da geht es um Textilien und andere Dinge, die es im Kaufhaus gibt.

Problem erkannt

Dependancen im Netz sind als zusätzlicher Absatzkanal wichtig, aber auch um ein Wechselspiel zwischen Online- und stationärem Handel anzukurbeln: Kunden suchen zu Hause am Computer aus, shoppen dann aber in der City. Umgekehrt geht es auch: Beraten lassen im Kaufhaus, kaufen zu Hause. Hier ist der Nachholbedarf groß. Kaufhof macht derzeit genau 2,3 Prozent seines Umsatzes online. Britische Warenhausbetreiber bringen es schon auf 15 Prozent und mehr. Von Karstadt gibt es dazu keine Zahlen. Der zuständige Manager Terry von Bibra räumte kürzlich aber ein, dass die Online-Umsätze „noch nicht zufriedenstellend“ seien.

Problem erkannt, aber nicht gebannt. Karstadt leidet seit Jahren unter einem Investitionsstau, nicht nur beim E-Commerce. Nicolas Berggruen hat kaum eigenes Kapital in das Unternehmen gesteckt, nur sehr zaghaft wurde mit Geld, das in die Kasse kam, Neues angegangen. Nach Ansicht von Hessert gibt es inzwisdfschen bei Karstadt „zu viele Baustellen“. Und je länger eine Sanierung aufgeschoben werde, umso schwerer werde diese Aufgabe.

Hessert und Funder sehen in einer Warenhaus AG eine mögliche Lösung der Warenhaus-Malaise: Eine Fusion von Kaufhof und Karstadt, um Kräfte zu bündeln. Doch davon will im Moment niemand etwas wissen. Es wäre sowieso nur ein schwacher Trost für die Beschäftigten. Denn auch die Warenhaus AG würde Filialschließungen im großen Stil bedeuten.

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