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Karl Marx: „Das Kapital“ Das Drama beschreiben und verstehen

Heute vor 150 Jahren erschien in Hamburg „Das Kapital – Kritik der politischen Ökonomie“. Es ist keine leichte Lektüre, das macht es von Beginn an klar.

Erstausgabe von "Das Kapital"
Erstausgabe von 1867. Foto: dpa

Heute vor 150 Jahren erschien in Hamburg „Das Kapital – Kritik der politischen Ökonomie“. Es war der erste Band: „Der Produktionsprozess des Kapitals“. Mehr erschien zu Karl Marx’ Lebzeiten (1818-1883) nicht. Band zwei und drei stellte Marx’ Freund Friedrich Engels aus riesigen Konvoluten des Nachlasses zusammen. Das Buch war zunächst kein Bestseller, wurde dann aber – vor allem im 20. Jahrhundert – eines der wirkungsmächtigsten Werke der Literatur des 19. Jahrhunderts.

Band zwei und drei stellte Friedrich Engel zusammen

Auf der ganzen Welt gab es Arbeitskreise, in denen „Das Kapital“ gelesen wurde. Von Lenin bis Rüdiger Safranski und Karl Schlögel. Ohne das „Kapital“ sei, so die Idee, die Welt nicht zu verstehen, geschweige denn zu ändern. Der Kommunismus war auch eine Buchreligion. In ihrem Zentrum stand „Das Kapital“. Zu verstehen ist das nicht. „Das Kapital“ ist keine leichte Lektüre. Das macht es von Anfang an klar. Nirgends wird eingeführt. Stattdessen scheinbar scholastische Haarspaltereien über Gebrauchs- und Tauschwert. Nie ein Hinweis darauf, worauf das Ganze hinauslaufen wird. Nirgends ein Cliffhanger.

Ganz am Ende des dritten Bandes des Kapitals, im Kapitel „Die Revenuen und ihre Quellen“ steht zwischen zwei Gedankenstrichen der Satz, den man verstanden haben muss, um zu begreifen, worum es Karl Marx vor 150 Jahren ging: „alle Wissenschaft wäre überflüssig, wenn die Erscheinungsform und das Wesen der Dinge unmittelbar zusammenfielen“.

Wir sehen nicht die Welt wie sie ist. Wir sehen das Bild, das sie von sich macht. Die Verhältnisse, in denen wir leben, schaffen auch die Vorstellungen, die wir von ihnen haben. Marx nannte das Ideologien. Sie dienen – wie alles andere – der Reproduktion des Status quo. Wissenschaft ist der Versuch, so Marx, diese uns natürlich erscheinende Sicht auf die Welt zu durchdringen und hinter den Erscheinungen auf das Wesen zu stoßen. Von ihm aus erst, so seine Behauptung, lässt sich die Wirklichkeit verstehen.

Das macht die Schwierigkeit der Kapitallektüre aus. Man muss die Behauptung der Warenform als des zentralen Elementes der bürgerlichen Welt mehr als zweitausend Seiten lang erst einmal annehmen. Die wirkliche Welt schaut unterwegs zwar ab und zu hinein in das Gedankengebäude, aber systematisch kommt Marx dort nie an.

Ganz am Ende des dritten Bandes erst gibt es ein Kapitel – nicht einmal eineinhalb Seiten hat es – „die Klassen“, womit wir dann endlich dort sind, worum es – nach Marx – in der Wirklichkeit zentral geht: „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen“, hatten 1848 er und Friedrich Engels im Kommunistischen Manifest geschrieben. Von seinem Tauchgang nach dem „Wesen“ ist Marx zwar immer wieder aufgetaucht – er schrieb zwischen 1867 und 1888 eine Menge politischer Abhandlungen, in denen er sich intensiv, mal hellsichtig, mal verbohrt mit der politischen Wirklichkeit seiner Tage aus einander setzte – aber das waren alles Kurzschlüsse im Vergleich zu dem von ihm angestrebten Ziel, nicht nur das Ganze, sondern auch jedes Einzelne systematisch aus dem die Gesellschaft prägenden Kapitalverhältnis abzuleiten.

Das Kapitalverhältnis prägt nicht die ganze Weltgeschichte. Marx sieht die immer wieder einrasten. Sie wird für eine Weile zu einem sich selbst reproduzierenden System. Die Welt ist eben keine Anhäufung von Tatsachen, sondern der Zusammenhang, in dem sie nicht nur stehen, sondern der sie erst macht. Er schafft keine Große Harmonie, wie man sich das in China dachte, sondern er bedeutet Krisen und Krieg. Das „Wesen“ ist nichts Überzeitliches, sondern stellt sich durch die regelmäßige Vernichtung von Menschen, Gütern und Geld hindurch immer wieder her. Man könnte sich darüber streiten, ob „die Ware“ oder aber die Vernichtung den Kern des Systems ausmacht.

 

 

Das System heißt Kapitalismus. In ihm regiert das Kapital. Wir gehen davon aus, dass jedes System materiellen und menschlichen Ausschuss produziert. Marx sieht das nicht anders. Aber die Pointe seiner Theorie liegt nicht darin, dass der Ausschuss sich gegen das System wendet. Marx hängt keiner Randgruppentheorie an. Für das „Lumpenproletariat“ hat er nichts als Verachtung. Sein System produziert seine Abschaffung gleich mit. Das Kapital ist der Herr. Aber es ist völlig abhängig vom Knecht. Hegel hatte das schon gezeigt – menschlich, politisch. Marx glaubt das jetzt durch seinen Tauchgang auch ökonomisch erwiesen zu haben.

Nach Marx ist im Kapitalismus der Gegensatz, der Widerspruch von Gebrauchs- und Tauschwert der Quell aller Konflikte. Oben in der realen Welt scheinen andere Faktoren zu regieren, aber ihnen zugrunde liegen die in den ersten Kapiteln des „Kapitals“ beschriebenen „Mucken der Ware“.

Man muss unterscheiden zwischen der Entstehung eines Systems und der Art, wie es sich immer wieder selbst herstellt. Die Etablierung des Kapitalismus schildert Karl Marx im 24. Kapitel des ersten Bandes des Kapital: „Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation“. Dieses Kapitel gehört zu jenen Stücken Geschichtsschreibung, die sich jedem Leser einprägen. 

Die schonungslose Schilderung mörderischer Raubzüge, der kalte Realismus, mit dem die Vernichtung alter Lebensverhältnisse und die Schaffung neuer durch die Herstellung äußerster Armut und Abhängigkeit dargestellt werden, ist unübertroffen. Hier versucht Marx nicht die „Erscheinungen“ aus einem „Wesen“ abzuleiten. Hier erzählt er mit Blick für charakteristische Details, für herzzerreißende Widersprüche.

Der Erfolg des „Kapitals“ und seine immer wieder aufflammende Aktualität liegt, glaube ich, genau in dieser Verbindung: Einerseits die große Erzählung von Unterdrückung, Entrechtung und Vernichtung. Andererseits die Verheißung, das Drama nicht nur beschreiben, sondern auch verstehen und so ein für alle Mal beendigen zu können.

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