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Kampf um Gerechtigkeit Der Migrant stellt die Machtfrage

Aboubakar Soumahoro kam als 20-Jähriger nach Italien. Er wurde zum Illegalen und auf einer Plantage wie ein moderner Sklave ausgebeutet. Jetzt fordert er Landwirtschaft und Regierung heraus.

Proteste in Italien
Führt an: Aboubakar Soumahoro (Mitte) bei Protesten gegen die ökonomische Ungleichheit und die italienische Flüchtlingspolitik in Rom. Foto: getty

Es ist nicht einfach, sich mit Aboubakar Soumahoro zu verabreden. Er ist ständig unterwegs zwischen Südtirol und Sizilien, überall dort, wo Äpfel, Tomaten, Aprikosen, Wein oder Orangen wachsen. Sein Büro in der Zentrale der kleinen Gewerkschaft Unione Sindacale di Base (USB) in Rom mit bunten Bildern von afrikanischen und asiatischen Landarbeitern ist etwas chaotisch, die Klimaanlage tropft. „Hier bin ich so gut wie nie“, sagt Soumahoro und lacht.

In Italien ist der 38-Jährige bekannt als Kämpfer für Erntehelfer und Migranten. Er organisiert Versammlungen, Streiks und Demonstrationen, klärt Arbeiter über ihre Rechte auf, verhandelt mit Landwirten und Agrarkonzernen, will Verbraucher zum bewussten Einkaufen bewegen. Sein Motto: „Es geht nicht darum, ob jemand Migrant ist oder Italiener, sondern darum, dass ein Arbeiter gerecht bezahlt wird.“

Erst am Vortag ist Soumahoro aus Kalabrien zurückgekommen, aus San Ferdinando, einem der berüchtigsten Orte Italiens. In einem riesigen Slum hausen dort mehrere Tausend Menschen, vor allem Afrikaner, die die Felder der umliegenden Ebene von Gioia Tauro bestellen. Seit Jahren leben sie zwischen Plastikplanen und Wellblech, ohne Strom, Wasser, Toiletten, umgeben von Dreck und Schlamm.

Im Januar erst brannte ein Teil des Ghettos ab und eine Afrikanerin starb. Anfang Juni wurde einer der Bewohner, ein Gewerkschaftskollege und Freund von Soumahoro, von einem italienischen Bauern erschossen. Soumaila Sacko, 29 Jahre alt und aus Mali, starb, als er in einer verlassenen Ziegelfabrik Blechteile sammelte, um seine Baracke regenfest zu machen. Ob hinter dem Mord die ’Ndrangheta, die kalabrische Mafia steckt, ob Rassismus das Motiv war, es ist unklar. Fast zeitgleich hatte Italiens Innenminister Matteo Salvini jedenfalls die Parole ausgegeben, mit dem „schönen Leben“ der Migranten in Italien sei jetzt Schluss.

Nach dem Tod seines Freundes organisierte Soumahoro Streiks und Protestaktionen der Erntearbeiter von San Ferdinando. Er hielt flammende, kämpferische Reden, in denen er die unmenschlichen Bedingungen anprangerte, in denen nicht nur illegale Migranten, sondern auch anerkannte Asylbewerber in Italien leben müssen. Er trat im Fernsehen auf, sein Portrait prangte auf der Titelseite des Nachrichtenmagazins „L’Espresso“ neben dem von Salvini – als Gegenentwurf sozusagen. Aboubakar Soumahoro wurde zu einer Symbolfigur des Widerstands gegen die migranten- und menschenfeindliche Politik der neuen populistischen Regierung. In den sozialen Netzwerken wurde er von einigen gar als Hoffnung für Italiens darniederliegende Linke gefeiert.

In San Ferdinando und vielen anderen Orten Italiens werden Afrikaner, Bangladescher, Marokkaner, Osteuropäer und auch Italiener als Billigstarbeitskräfte zu Sklavenlöhnen ausgebeutet. „Die gesamte landwirtschaftliche Produktion lebt davon“, sagt Soumahoro. Bauern und Betriebe sind dem brutalen Preisdiktat der großen Handelsketten ausgeliefert. Sie pressen dann ihrerseits die Landarbeiter aus. „Die schuften vom Morgengrauen bis zur Dämmerung für zwei Euro pro Stunde. Manche Feldarbeiter bekommen sogar statt Geld nur Nudeln oder Olivenöl“, sagt Soumahoro. Dabei gibt es einen Branchentarif. Er sieht 6,5 Arbeitsstunden täglich vor und bezahlte Überstunden. Auch eine Unterkunft müsste der Arbeitgeber laut Gesetz eigentlich zur Verfügung stellen.

Aber die meisten Erntehelfer sind Tagelöhner und arbeiten schwarz. Nicht nur in Süditalien, in den Anbauregionen für Zitrusfrüchte und Tomaten, auch in den norditalienischen Obst- und Weinbauregionen warten sie frühmorgens, noch im Dunkeln, an den Straßenecken. „Caporali“ genannte illegale Arbeitsvermittler sammeln sie mit Kleintransportern ein und bringen sie auf die Felder. Der Caporale kassiert das Geld vom Bauern und behält einen großen Teil ein, sagt Soumahoro. Oft arbeiten die Mittelsmänner mit der Mafia zusammen.

Von den rund 1,5 Millionen Menschen, die in der italienischen Landwirtschaft arbeiten, ist nach Schätzungen der Sozialversicherungsbehörde Inps jeder Vierte irregulär beschäftigt, in Süditalien jeder Dritte. Migranten sind besonders erpressbar. Nach Schätzungen leben rund 80.000 von ihnen in Italien wie moderne Sklaven. Wer eine Aufenthaltsgenehmigung hat, die an einen Arbeitsvertrag geknüpft ist, darf seinen Job nicht verlieren. Und wer illegal im Land ist, ohne Papiere, kann sich schon gar nicht wehren. Das muss Aboubakar Soumahoro immer wieder all den Italienern erklären, die Migranten beschuldigen, ihnen die Jobs wegzunehmen, weil sie für so wenig Geld arbeiten.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Ideealisten

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