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Kakao-Anbau Viele Kakaobauern leben in Armut

Schokoladenproduzent Ritter baut als erstes Branchenunternehmen seinen Kakao zum Teil selbst an. Die Motivation: mit Qualität und Nachhaltigkeit besser verkaufen. Noch aber leben die meisten Kakaobauern auf der Welt in Armut.

Kakao-Ernte
Kakaofrüchte sind schön anzusehen. Eine Frucht enthält etwa 50 Kakaobohnen. Foto: rtr

Alfredo Vanegas macht kurzen Prozess. Mit seiner Machete reichen zwei Hiebe – dann ist die Kakaofrucht geöffnet. Im Innern schmiegen sich etwa 50 Kakaobohnen aneinander. Er füllt sie in einen Eimer und nimmt die nächste Frucht zur Hand. Vanegas baut in Rancho Grande, im Norden Nicaraguas, auf sechs Hektar Kakao an und verkauft ihn über eine regionale Kooperative. 

„Ich habe meine Plantage auf Nachhaltigkeit zertifizieren lassen“, sagt er und zeigt auf die kräftigen Bäume um ihn herum. „Ich setze kaum Chemie ein. Insektizide sind nur in Ausnahmefällen erlaubt.“ Außerdem bleibt das Laub der Bäume in der Plantage als Dünger. Vanegas weiß, dass das „gut für die Umwelt ist“. Doch dass ist nicht der wichtigste Grund. „Mit nachhaltigem Kakao erziele ich stabilere Einnahmen“. 

Der Weltmarktpreis ist in den vergangenen zwei Jahren so stark gefallen, dass konventioneller Kakao kaum noch etwas abwirft. Kurz vor Weihnachten war er an der Rohstoffbörse in New York mit 1800 Dollar je Tonne auf den tiefsten Wert seit zehn Jahren abgestürzt. 

Vanegas ist einer von 3500 Kakaobauern, die ihre Früchte in Nicaragua über 20 Kooperativen an den deutschen Schokoladenhersteller Alfred Ritter verkaufen. „Wir zahlen für zertifizierte Ware eine Prämie von 200 Dollar je Tonne auf den Preis für konventionellen Kakao, für den wir 300 Dollar auf den Börsenpreis dazu geben“, sagt Jaume Martorell, der für Ritter Sport Nicaragua in der Provinzhauptstadt Matagalpa arbeitet. Für Vanegas heißt das: sein nachhaltiger Kakao erhält 500 Dollar mehr als an der Börse gezahlt würde. 

Alle zwei Monate werde der Basispreis zur Kalkulation angepasst, niemals aber unter 2000 Dollar, selbst wenn der Kakaopreis an der Börse darunter liege, versichert Martorell. Das Geld geht an die Kooperativen, die Dienstleistungen wie Trocknung und Fermentation des Kakaos übernehmen und den Bauern organischen Dünger und Finanzmittel zur Verfügung stellen. Dafür behalten sie einen Teil der Einnahmen. „75 bis 80 Prozent wird an die Produzenten weitergereicht“, sagt Martorell.

Ritter animiert die Bauern, neue Sorten anzupflanzen, die ertragreicher sind. Das gefällt Vanegas, der dafür finanzielle Hilfe der Kooperative in Anspruch nimmt. „Meine Bäume sind jetzt elf Jahre alt. Ihre Ertragskraft geht zu Ende. Deshalb werde ich meine Fläche mit den Ritter-Sorten neu bepflanzen.“ 20 Prozent mehr Bäume könne er so pro Hektar unterbringen. Das klingt gut, doch das macht ihn – wie alle anderen Bauern, die für Ritter produzieren – auch abhängig vom deutschen Aufkäufer, der in Nicaragua selbst unter die Kakaobauern geht. Was, wenn der künftig keine Ware mehr von Kleinbauern abnehmen sollte? 

400 Kilometer weiter östlich, unweit der sumpfigen Atlantikküste, zerstreut Ritter-Geschäftsführer Andreas Ronken die Bedenken: „Wir brauchen den Kakao der Kooperativen hier in Nicaragua, und werden künftig gerne auch steigende Mengen kaufen.“ Etwa 1000 Tonnen bezieht das schwäbische Familienunternehmen von dort – rund zehn Prozent seines jährlichen Kakaobedarfs. 

Weitere 20 bis 30 Prozent sollen über die eigene Plantage gedeckt werden, die die Firma im Osten des Landes aufbaut. Das von Ritter vor wenigen Jahren erworbene Land umfasst mehr als 2000 Hektar – rund 40 Prozent davon sind dichter Wald und sollen es bleiben. Die restlichen 1200 Hektar waren ausgelaugte Viehweiden, auf denen nur noch wenige Bäume wuchsen. Die sollen bis zum Ende des Jahrzehnts mit 1,2 Millionen Kakaopflanzen – alle von Hand gezogen und veredelt – und 200 000 weiteren Bäumen bepflanzt sein, die Schatten spenden und die Biodiversität erhöhen. Agroforstsystem heißt die Mischung im Fachjargon. Davon verspricht sich der Schokoladenspezialist eine höhere Resistenz der Pflanzen. Drei Viertel des Plans ist umgesetzt.

Mit einer Ausdehnung von mehr 1500 Fußballfeldern ist das Areal die größte Kakaoplantage der Welt. Ritter will sich damit ein Stück weit unabhängig vom Weltmarkt machen, wo in den letzten Jahren die Qualität des Angebots wegen des niedrigen Preises gelitten hat. „Wir nehmen mit unserer Plantage einen direkten Einfluss auf die Qualität des Kakaos“, so Ronken. Dafür arbeiten 300 Mitarbeiter, die das Unternehmen über Mindestlohn bezahlt. 

Das ist am Markt alles andere als üblich. Noch beziehen Süßwarenriesen wie Nestlé und Mondelez den Kakao vor allem über Großhändler und bauen nicht selbst an. Die Verarbeitungskapazitäten der drei größten Unternehmen Barry Callebaut, Cargill und Olam reichen für zwei Drittel des Weltmarkts. Dem stehen rund fünf Millionen Kleinbauern gegenüber, die mehr als 90 Prozent des Kakaos weltweit ernten und von denen das Gros in Armut lebt, vor allem in Afrika. Dort findet sich auch das große Problem der Kinderarbeit.

„Zwar haben Unternehmen eine Reihe von Projekten angestoßen, um die Lage der Menschen zu verbessern“, sagt Friedel Hütz Adams vom Südwind-Institut aus Bonn. Gebracht habe das aber wenig. Alein der Preisverfall 2017 von 1000 Dollar je Tonne habe bei einer Welternte von knapp fünf Millionen Tonnen den Einkauf für die Konzerne um rund vier Milliarden Euro entlastet. Diese Einnahmen fehlen den Bauern – die Ausfälle sind deutlich höher als die Projekte bringen.
„Existenzsichernde Einkommen sind ein Menschenrecht“, so Hütz Adams. „Die Unternehmen müssen daher veränderte Geschäftsmodelle aufbauen, um die Situation der Bäuerinnen und Bauern nachhaltig zu verbessern.“ Firmen wie Ritter seien eine Ausnahme, die damit auch noch ins Risiko gehen. „Wenn der Preis fällt, sind sie die Dummen, weil sie unverändert hohe Lohnverpflichtungen haben, während die Konkurrenz den Bauern einfach weniger zahlt“, so Hütz Adams. 

Ritter-Chef Ronken sieht das entspannt. „Wir haben unsere Plantage auf Basis aktueller Preise kalkuliert. Wenn sie nicht mehr wettbewerbsfähig sein sollte, weil die Preise so stark fallen, bekommen auch alle Anderen Probleme“. Weil es dann auch am Markt keine vernünftige Qualität mehr zu kaufen gebe. 

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