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Jens Weidmann Der Souffleur rückt ins Rampenlicht

Jens Weidmann, enger Berater der Kanzlerin, wird Präsident der Deutschen Bundesbank: Kann Jens Weidmann das? Und: Kann Weidmann, Merkels Mann, Unabhängigkeit?

18.02.2011 21:33
Robert von Heusinger und Markus Sievers
Jens Weidmann: In Kürze wechselt der enge Berater von Angela Merkel nach Frankfurt zur Deutschen Bundesbank , wo er die Nachfolge von Präsident Axel Weber antritt. Foto: dpa

Die Europäische Währungsunion 2.0 sollte sein Meisterstück werden. Die Reform der wackeligen Architektur, die die Euro-Krise ausgelöst hatte. Jens Weidmann wusste, wie er die deutschen Vorstellungen von Ordnungspolitik mit den französischen einer Wirtschaftsregierung fusionieren wollte. Und wer mit dem 42-jährigen, groß gewachsenen Makroökonomen im Kanzleramt sprach, der spürte, dass diese Aufgabe ihn sehr reizte – mehr als die Aussicht, er könne zur Jahresmitte Vize-Chef der Bundesbank werden. Sein ganzer Elan galt dem EU-Gipfel im März, auf dem die Vorentscheidungen für die Vertiefung der Währungsunion fallen sollen. Das war Mitte Januar.

Mitte Februar ist klar: Aus dem Meisterstück wird nichts. Den EU-Gipfel wird Weidmann aus dem einstweiligen Ruhestand beobachten müssen, der seit Donnerstag für ihn gilt. Und den freiwerdenden Vize-Posten bei der Bundesbank bekommt er auch nicht. Am 1. Mai wird er gleich Bundesbankpräsident. Der jüngste aller Zeiten. Sein Gehalt wird mit 400.000 Euro fast doppelt so hoch liegen wie das der Kanzlerin. Und seinen Worten werden nicht nur Wertpapierhändler rund um den Globus lauschen. Auch die Menschen in Deutschland wollen wissen, dass ihr Geld weiter in guten Händen ist.

Direkt vom Kanzleramt an die Spitze der Bundesbank – auch das hat es noch nie gegeben. Kann Weidmann Unabhängigkeit? Kann Weidmann Bundesbankpräsident? Wer die öffentliche Debatte verfolgt, merkt, dass nur die erste Frage ernsthaft gestellt wird. „Wer sich fünf Jahre so exzellent auf dem Berliner Parkett hält, der kann auch Bundesbankpräsident“, sagt ein hochrangiger Frankfurter Banker. Denn es waren ja nicht irgendwelche Jahre: Es war die Zeit der schlimmsten Finanz- und Wirtschaftskrise seit 80 Jahren. Und Deutschland steht drei Jahre nach dem Beinahezusammenbruch des Weltwirtschaftssystems sehr gut da.

Auch Weidmann war ja nicht irgendwer: Er war der Souffleur der Kanzlerin in Wirtschaftsfragen. Sie hat ihm vertraut. Das wird an diesem Mittwoch noch einmal deutlich, als Angela Merkel den Wechsel verkündet. Da wirkt sie fast sentimental, was ganz untypisch ist für die nüchterne Protestantin. Der Abschied von Jens Weidmann falle ihr schwer, „sowohl fachlich als auch menschlich“, gesteht sie. Und einmal im Schwärmen preist sie den 42-Jährigen als „unabhängigen Kopf“ mit einem „brillanten Intellekt“. Erstaunlich ist, dass selbst die notorischen Lästermäuler im Regierungslager ganz ähnliche Dinge erzählen, sogar die aus der FDP.

Sein Rezept: Er ist weder eitel noch arrogant, sondern offen und neugierig. Man bekommt immer dieselben Beschreibungen: Er höre zu. Er sei anderen Argumenten gegenüber aufgeschlossen. Es fehle ihm die Attitüde des Oberwichtigen. Wer ihn trifft, ist angetan von seiner zuvorkommenden, unprätentiösen Art. Seine Mitarbeiter und Kollegen mögen sein ruhiges Wesen, das selbst in Krisensituationen nie aufbrausend geworden sei. Und sie schätzen seine Lust an der Debatte.

Kein Wunder, dass er in der Bundesbank mit offenen Armen empfangen wird. Aber wird er die Bundesbank umkrempeln? „Eher nicht“, sagt einer, der viele Jahre dem Leitungsgremium angehört hat. Die Entideologisierung, die unter Axel Weber begonnen habe, werde weiter gehen, genau wie die Neuausrichtung mit Schwerpunkten auf Finanzmarktstabilität und Makroökonomie.

Denn wissenschaftlich betrachtet sind Weber und Weidmann aus demselben Holz. Weber war an der Uni Bonn gar Zweitgutachter bei der Dissertation. Beide sind orthodoxe Ökonomen, die fest in der deutschen Tradition verankert sind, also in erster Linie Verkrustungen etwa am Arbeitsmarkt erkennen, als Probleme auf der Nachfrageseite. Aber beide hätten auch „Ehrfurcht vor den Daten“, sagt ein enger Vertrauter. Deshalb gelten beide als moderne Ökonomen. Ihre Wahrheiten müssen zumindest ansatzweise durch Daten gedeckt sein.

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Als Weidmann seine Überzeugungen noch öffentlich machen durfte, etwa 2002 als Generalsekretär der Wirtschaftsweisen, ließ er keinen Zweifel daran, dass die Hartz-Kommission zu kurz springe. Die Arbeitsgruppe stelle Sozialleistungen „nicht grundsätzlich“ in Frage und verspreche einen Abbau der Arbeitslosigkeit, ohne Besitzstände anzugreifen. Als Kanzlerberater hat er indes Realitätssinn bewiesen, Tabus gebrochen und Kompromisse geschlossen. 500 Milliarden für die Rettung der Banken, Verstaatlichung von Geldhäusern, Enteignung der HRE-Aktionäre, Opel-Rettung, Konjunkturprogramme. An allen diesen Entscheidungen war er beteiligt.

Als Gesellenstück im Kanzleramt gilt die Bankenrettung. Die Schaffung des Soffin. Es sind die Tage im Herbst 2008, in denen der Beamte die Stunden im Büro nicht mehr zählt, genauso wenig wie die Milliarden. Die Märkte gehorchen nicht mehr den Modellen, wie sie Weidmann gelernt hat in den Tagen als Volkswirtschaftsstudent in Aix-en-Provence, Paris und Bonn. Es ist die Zeit, als er zusammen mit Finanzstaatssekretär Jörg Asmussen, der für Finanzminister Peer Steinbrück die Geschäfte führt, und Bundesbankpräsident Axel Weber ein fast magisches Trio bildet. Beide Beamte haben in Bonn studiert, an der Uni mit Weber gearbeitet. Das hilft, sich zu verstehen. In engster Abstimmung schmieden sie Rettungspläne für Banken, bereiten Gesetze vor, die in die Geschichte eingehen werden. Es war die Zeit, in der die beiden eine für Demokratien seltene Machtfülle besaßen. Spricht man sie darauf an, reden sie ihren Einfluss herunter. Macht? Nein. Wir sind Beamte, die politische Entscheidungen vorbereiten. „Deutschland kann von Glück reden, dass in den dramatischen Tagen die zwei Ökonomen an den Schalthebeln gesessen haben“, sagt ein Insider.

Wie steht es nun um seine Unabhängigkeit? Die Frage entzweit die Republik. Doch langjährige Beobachter der Bundesbank wissen: Die Institution hat noch jeden Präsidenten geprägt und nicht umgekehrt. Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank, beobachtet seit mehr als 20 Jahren die deutsche Geldpolitik. Er sagt: „Die Erfahrung zeigt, dass alle Präsidenten eine besondere Unabhängigkeit für sich beansprucht haben – auch gegenüber denjenigen, die sie ins Amt gebracht haben.“

Nüchtern betrachtet ist die Debatte aufgeblasen. Denn die einstige Macht der Notenbank, Zinsen zu ändern und Wechselkurse zu beeinflussen, um das Wachstum im Land und damit die Wiederwahl der Regierung positiv zu beeinflussen, ist seit Einführung des Euro sowieso dahin. Wie soll Weidmann als eine Stimme unter 23 Ratsmitgliedern der Europäischen Zentralbank dafür sorgen, dass der deutschen Kanzlerin geholfen wird?

Die andere Unabhängigkeit, die die Bundesbank früher gerne nutze, nämlich permanent die Regierung in wirtschaftspolitischen Fragen zu kritisieren, sollte wie schon unter Weber weiter in den Hintergrund rücken. Denn das zählt nicht zu ihren gesetzlichen Aufgaben. Dennoch darf man wetten, dass Weidmann seinen ersten Test im Mai bestehen wird. Es werden die Vorschläge der Bundesbankvolkswirte zum Haushaltsentwurf für das kommende Jahr sein. Wird der neue Bundesbankpräsident Weidmann die Regierungspläne, an denen er als Kanzlerberater mitgearbeitet hat, via Bundesbank-Monatsbericht zerpflücken lassen? Er wird.

Der zweite schwierigere Test wird seine Antwort auf die Gretchenfrage sein: Wie halten Sie es mit Anleihekäufen durch die Zentralbank? An dieser Frage ist sein Lehrmeister und Vorgänger gescheitert. Weber wollte mit dem Kopf durch die Wand, die Anleihekäufe im Alleingang verhindern. Das misslang. Seine Sturheit machte ihn in Europa unbeliebt. „Das wird Jens Weidmann nicht passieren“, glaubt ein Vertrauter aus dem Finanzministerium. Dazu habe er zu viel erlebt und dazu- gelernt. Außerdem sei er dafür „einfach zu schlau“.

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