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Italien Ein Marshall-Plan für Süditalien

Hohe Arbeitslosigkeit, kaum Industrie: Italiens Süden ist abgehängt, sogar in Griechenland entwickelt sich die Wirtschaft besser. Jetzt will Rom Milliarden in den Mezzogiorno pumpen. Doch ist das der richtige Weg?

Im Stadtviertel Scampia von Neapel wohnen die, die nichts haben. Der Drogenhandel blüht. Foto: Reuters

Wer in Kalabrien aufwächst, kann von der Zukunft nicht viel erwarten. Jeder Vierte in der süditalienischen Region ist arbeitslos, unter den Jüngeren sogar mehr als jeder Zweite. Mit 60 Prozent Jugendarbeitslosigkeit gehört die Spitze des italienischen Landkarten-Stiefels zu den zehn am schlimmsten betroffenen Regionen Europas. Industrie gibt es so gut wie keine, nur Italiens größten Containerhafen in Gioia Tauro. Und der wird als Drogenumschlagplatz genutzt, von der heimischen Mafia, der ’Ndrangheta, die Kalabrien fest im Griff hat. Kein Wunder, dass viele junge Leute nach Norditalien oder Nordeuropa emigrieren, wie einst ihre Groß- und Urgroßeltern.

Italien ist ein gespaltenes Land, schon lange. Seit Ende des 19. Jahrhunderts ballen sich im Norden Industrie und Handwerk, während der von Landwirtschaft geprägte Mezzogiorno, der unterhalb von Rom beginnt und wo knapp ein Drittel der Italiener lebt, abgehängt ist.

Prekärer als in Griechenland

Wie dramatisch die Kluft aber inzwischen ist, hat ein Bericht des Wirtschaftsinstituts Svimez jetzt bewusst gemacht. Weit schlechter als in Griechenland ist demnach die Wirtschaftsentwicklung nicht nur in Kalabrien, sondern in allen Regionen Süditaliens – Kampanien, Abruzzen, Molise, Basilicata, Apulien und Sizilien. Zwischen 2000 und 2013 wuchs das Bruttoinlandsprodukt dort mit mageren 13 Prozent nur halb so stark wie im griechischen Krisenstaat. Seit 2008 ist die Beschäftigung um neun Prozent gesunken, zurück auf den Stand von 1977. In Südtirol lag 2014 das Jahres-Einkommen pro Kopf bei 37 000 Euro, in Kalabrien bei nur 16 000 Euro. Dem Süden drohe eine dauerhafte Unterentwicklung, warnt Svimez. Jeder Dritte sei nah an der Armutsgrenze. Und es werden noch weniger Kinder geboren als im übrigen Land, obwohl die Geburtenrate im einst kinderfreundlichen Italien sowieso schon beim Rekordtief von 1,3 Kindern pro Frau angelangt ist. Dem Mezzogiorno droht die Ausblutung.

Die alarmierenden Daten haben viele Italiener aufgerüttelt. Roberto Saviano, neapolitanischer Autor des internationalen Bestsellers „Gomorrha“, schrieb einen offenen Brief an Premier Matteo Renzi. „Der Süden stirbt“, klagte er an. Ein Kind in die Welt zu setzen, sei zum Luxus geworden. „Und wer geboren wird, wächst mit der Idee auf, zu flüchten: Vor der Erniedrigung, dass seine Fähigkeiten nicht anerkannt werden.“ Sogar die Mafia verlasse Süditalien und mache ihre Geschäfte im Norden, konstatierte Saviano, der unter Polizeischutz steht, seit er in seinem Buch die Methoden der Camorra beschrieb. „Sie haben die Pflicht einzuschreiten“, forderte Saviano von Premier Renzi.

Auch süditalienische Politiker beklagten, die Regierung tue zu wenig für den Mezzogiorno. Renzi tat die Kritik in Teilen als übliches Gejammer ab und versuchte Optimismus zu verbreiten. „Genug mit den Weinerlichkeiten“, beschied er, „wir müssen die Ärmel hochkrempeln.“ Noch am selben Tag verkündete seine Ministerin für Wirtschaftsentwicklung, Federica Giudi, die Regierung habe ein Infrastruktur- und Investitionsprogramm geplant, mit dem in den kommenden 15 Jahren mehr als 80 Milliarden Euro in den Mezzogiorno gepumpt werden sollen – ein Marshall-Plan.

Schlendrian und Bürokratie

Doch an Geld mangelt es dem Süden gar nicht. Schon ab 1950 flossen mit der Cassa del Mezzogiorno (Südkasse) Milliarden an Subventionen und Transfermitteln, es war als Aufbau-Süd-Programm gedacht. Das Geld landete teils in den Taschen korrupter Lokalpolitiker und der Mafia oder wurde für überflüssige Autobahnbrücken und überdimensionierte Sportstadien ausgegeben, die nun als halbfertige Ruinen die sizilianische und kalabrische Landschaft verschandeln. Oft werden Fördermittel auch gar nicht genutzt. Für die Jahre 2007 bis 2013 standen 49 Milliarden Euro aus EU-Fonds und dem Staatshaushalt für Süditalien zur Verfügung. Ein Viertel davon, zwölf Milliarden, wurde gar nicht abgerufen, wie jetzt bekannt wurde. Schuld sind Schlendrian, ineffiziente Verwaltung, aufgeblasene Bürokratie.

Nicht mehr Geld brauche der Mezzogiorno, antwortete denn auch Saviano der Regierung. Der Staat müsse vielmehr dafür sorgen, dass ein Unternehmer, der Leute einstellen will, nicht mehr von Bürokratie, Steuern und Korruption aufgefressen wird.

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