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Iran Kein Reis und kein Mais

Im Iran fehlt es womöglich bald am Notwendigsten, die Wirtschaft liegt am Boden. Das Hauptproblem sind des Landes sind nicht die Ölsanktionen, sondern Finanzsanktionen.

13.02.2012 17:11
Martina Doering
Öl gibt es zur Genüge im Iran - Reis, Mais und Speiseöl könnten dagegen knapp werden. Foto: dpa

Reis, Mais und Speiseöl könnten im Iran in den nächsten Wochen knapp werden. Malaysische Exporteure schicken kein Palmöl mehr, das im Iran zur Produktion von Speiseöl benötigt wird. Aus Malaysia stammte bislang die Hälfte des im Iran verbrauchten Palmöls.

Seinem Hauptlieferanten Indien blieb der Iran Geld für 200.000 Tonnen Reis schuldig. Händler aus Thailand, Vietnam und Pakistan gewähren iranischen Partnern keine Kredite mehr, die Ukraine hat ihre Mais-Lieferungen um fast die Hälfte gekürzt. Die Sanktionen gegen den Iran wegen dessen Atomprogramm, so heißt es, zeigten Wirkung.

Ineffizienter Staatssektor

Welche Engpässe im Iran aber tatsächlich auf die Sanktionen zurückzuführen und welche das Resultat hausgemachter Probleme sind – das ließe sich nicht ausmachen, meinen Iran-Kenner. Die Sanktionen verstärkten wohl nur die Misere, in der die iranische Wirtschaft schon seit langem steckt.

Als einer der Hauptgründe für die Krise wird der völlig aufgeblähte und ineffiziente Staatssektor genannt, der heute 85 Prozent der Wirtschaft ausmacht. Dieser Sektor arbeite höchst ineffizient, die Bürokratie sei aufgebläht und die Entscheidungsverfahren verliefen völlig intransparent. Eine Konsequenz ist die enorme Korruption. Laut Transparency International liegt der Iran in der Statistik von 2010 unter den dort 178 gelisteten Ländern auf Platz 146.

Die schlimmsten Folgen dieser desolaten Struktur hat die iranische Führung – abhängig vom Öl-Preis mal besser, mal schlechter – bisher ausgleichen können. Hart getroffen jedoch wurde das Land in jüngster Zeit durch die Finanzkrise in Dubai, die zu einem massiven Einbruch der Wirtschaftsleistungen auch im Iran geführt hat. „Die Iraner haben dort viel investiert und damit viel verdient,“ sagt ein Iran-Kenner. Die Krise in den Golfstaaten habe dem ein Ende gesetzt. Jetzt kämen die neuen Sanktionen der EU hinzu. Und diese Sanktionen, so der Wirtschaftsfachmann, „sind von ganz anderer Qualität als alles zuvor“.

Offizielle Angaben gibt es nicht

Der Staat werde Probleme bekommen, den Apparat zu finanzieren und die Angestellten und Arbeiter zu bezahlen, wenn die Zentralbank die Ölgeschäfte nicht mehr abwickeln könne, sagt ein Iran-Kenner. „Unternehmen werden Pleite gehen, neue Projekte müssen auf Eis gelegt werden, die Subventionen werden weiter abgebaut.“ Damit würden sowohl Arbeitslosenzahlen als auch Inflation weiter steigen.

Verlässliche, offizielle Angaben gibt es nicht. Aber die Inflationsrate wurde schon im Januar 2010 offiziell auf 15 Prozent geschätzt, inoffiziell soll es das Doppelte sein. Die geschätzte Arbeitslosenrate beträgt bis zu 30 Prozent, 2012 könnte sie auf 50 Prozent schnellen, so die Prognosen. In den vergangenen Monaten stieg der Wechselkurs des Rial zum US-Dollar und zum Euro auf dem freien Markt gegenüber dem Zentralbank-Kurs um fast 100 Prozent, was im Iran panikartige Gold- und Devisenkäufe auslöste.

Die Entscheidung der Europäer, kein iranisches Öl mehr zu kaufen, ist dennoch nicht das größte Problem für die Führung in Teheran. Indien, China, Südkorea und selbst Japan, das seine Kernkraftwerke abschaltet und mehr Öl braucht, haben schon signalisiert, dass sie mehr Öl kaufen würden.

Finanzaktionen treffen die Iraner

Sehr hart treffen die Iraner hingegen die Finanzsanktionen, die die USA im Herbst 2010 verhängten. In diesen US-Sanktionen enthalten ist ein Passus, dass Firmen sowie Banken, die mit Iran und auch den USA Geschäfte tätigen, in den USA belangt werden können. Ab Herbst 2010 sollen US-Regierungsvertreter bei europäischen Managern vorstellig geworden sein und entsprechenden Druck ausgeübt haben, berichteten internationale Medien. Macht ihr weiter Geschäfte mit dem Iran, so kurz gefasst die Drohung, wirkt sich das auf das US-Geschäft eures Unternehmens aus.

Das ist zwar juristisch kaum durchsetzbar, war aber psychologisch effektvoll und führte zum Rückzug europäischer Banken aus dem Iran-Geschäft: Banktransfers wurden nicht mehr getätigt und Konten geschlossen, wenn der Inhaber im Iran war – unabhängig von Firma, Branchen, Produkten oder Nationalität. Vertreter deutscher Firmen mit Sitz in Teheran zum Beispiel konnten fortan ihre Konten im Iran nicht mehr betreiben, vor allem aber iranische Firmen ihre Importe nicht mehr bezahlen.

Gewinner des EU-Beschlusses werden die Chinesen, sagt ein Iran-Kenner. Peking hätte schon lange Irans wichtigster Wirtschaftspartner werden und Konsumgüter gegen Rohstoffe tauschen wollen. China werde nun wohl sein Ziel erreichen Schürfrechte im Iran zu bekommen. „Dagegen haben sich die Iraner bislang gesträubt. Aber wenn man mit dem Rücken zur Wand steht, müssen sie darauf eingehen.“

Gewinner sind die Chinesen

Zu den Verlierern gehören auch deutsche Firmen, vor allem der Mittelstand. Die EU hat zwar die Liste der sanktionierten Güter um alle petrochemischen, alle Öl- und Gasprodukte erweitert. Aber noch immer sind 85 Prozent der deutschen Exportprodukte – Maschinen- und Anlagenteile – nicht betroffen, ihre Lieferung wäre legal. Doch Anti-Iran-Lobbygruppen behaupten, die deutschen Exporte in den Iran würden steigen und argumentieren dabei mit Finanz-Volumen-Statistiken – die jedoch die gestiegene Preise nicht berücksichtigen. Ein Blick auf die Tonnage-Statistiken hingegen zeigt: Die Exporte sinken gravierend. Doch die Kampagne hat Erfolg, viele Mittelständler ziehen sich entmutigt aus dem – legalen – Iran-Geschäft zurück. Iranische Kunden finden zudem kaum noch Wege, das Geld für Lieferungen zu überweisen.

Keiner dieser Unternehmer, kein Wirtschaftsexperte oder Iran-Kenner will sich mehr öffentlich zu Iran äußern. Zumindest das ist eindeutig eine Folge der Sanktionen, des Drucks durch die Lobby-Gruppen sowie der Drohungen der USA gegen Firmen und Geldinstitute.

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