Lade Inhalte...

Investieren per Schwarm Crowdfunding: Die Bank sind wir

Wer eine Geschäftsidee finanzieren will, muss nicht unbedingt ein Kreditinstitut fragen. Die Schwarmfinanzierung im Internet wächst zum ernstzunehmenden Modell. Dort wimmelt es von Ideen. Uli Marschner hatte so eine: für ein Germknödelrestaurant.

20.09.2012 19:40
Felix Helbig
Crowdfunding wird zum ernstzunehmenden Modell für Unternehmer. Für das Knödelrestaurant von Uli Marschner war es genau das Richtige. Foto: Lital Marom

Natürlich, sagt Uli Marschner, sie hätte auch zur nächsten Bank gehen können, so macht man das ja eigentlich. Sich in ein kleines Büro mit Lamellenvorhang setzen, Auge in Auge mit einem Mann im farblosen Anzug, zwischen ihnen ein paar Formulare auf einem penibel aufgeräumten Schreibtisch. Der Mann hätte freundlich gefragt, was er für sie tun könne, und Uli Marschner hätte freundlich gesagt: „Ich brauche Geld, ich plane die Eröffnung eines Germknödelrestaurants.“

Marschner, 29, hat jahrelang in einer großen Hamburger Werbeagentur gearbeitet, davor hat sie Betriebswirtschaftslehre studiert, sie weiß ganz genau, dass dieses Gespräch in diesem Moment beendet gewesen wäre. Wahrscheinlich wäre der Bankberater freundlich genug gewesen, um sie nicht auszulachen.

Tofu-Erdnuss-Curry-Mischung

Aber machen wollte sie es ja trotzdem, das Germknödelrestaurant. „Also habe ich überlegt, wie ich das Kapital anders zusammen bekommen kann“, sagt Marschner. Es sprudelt nur so aus ihr heraus, wenn sie über Knödel spricht, von denen sie nicht verstehen kann, warum sie immer süß sein müssen und mit Vanillesoße obendrauf, warum sie ihr kulinarisches Potenzial noch nicht ausgeschöpft hätten, dass man sie doch auch mit Lachs und Frischkäse und Kapern befüllen könne oder mit einer Tofu-Erdnuss-Curry-Mischung, dass man mit ihnen die Menschen glücklich machen könne. Auf einer ausgedehnten Asien-Reise entwickelte Uli Marschner ihr Konzept für ein Restaurant mit einer Speisekarte voller Knödel, die die Welt noch nicht gesehen hat. „Häppies“ sollen sie heißen. Und auch die Antwort auf die Kapitalfrage fand Marschner, im Internet: Crowdfunding.

Auf den noch wenigen deutschen Crowdfunding-Plattformen wimmelt es von Ideen dieser Art. Von Menschen, die Geld brauchen für ein Buch über das Hamburger Gängeviertel, für einen Dokumentarfilm über einen Mann namens Al Jolson, für eine Mikrobrauerei zur Errettung der Berliner Weiße, für die Programmierung neuer Computerspiele, das Einspielen eines Musikalbums. Das Prinzip der Schwarmfinanzierung ist denkbar einfach: Man präsentiert sich und sein Konzept, gibt Finanzierungsziel und Dauer vor und lobt eine Belohnung für Spender aus – bei Uli Marschner reicht das von einer Erwähnung auf einer Wand im künftigen Restaurant über die persönliche Knödel-Variation bis hin zur Verewigung des eigenen Namens als Tätowierung auf der Innenseite ihrer Unterlippe (wofür allerdings schon der Höchstbetrag gespendet werden muss). Wird das Finanzierungsziel durch viele kleine Spenden (oder auch wenige große) erreicht, wird das Projekt umgesetzt. Wenn nicht, bekommen alle ihr Geld zurück – ein Alles-oder-nichts-Prinzip.

In der amerikanischen Fundraising- und Charity-Kultur ist das Modell schon seit Jahren zur Finanzierung erprobt, inzwischen wachsen Plattformen wie Startnext, Inkubato oder Pling auch in Deutschland kräftig. Beim deutschen Marktführer Startnext waren nach eigenen Angaben bislang insgesamt 133 Projekte erfolgreich und sammelten insgesamt 1,2 Millionen Euro. Der deutsche Crowdfunding-Monitor ermittelte einen deutlichen Zuwachs bei den Plattformen, auf denen allein im ersten Halbjahr dieses Jahres 122 Projekte 400.000 Euro einsammelten.

Dass es so weitergeht, ist nicht unrealistisch, das belegt ein Blick in die Bilanz der erfolgreichen US-Plattform Kickstarter. Ende Juni publizierte das Unternehmen erstmals Zahlen, danach wurden 2010 auf der Plattform 11.130 Projekte vorgestellt, davon bekamen 3910 genug Geld von Spendern, insgesamt wurden 28 Millionen Dollar umgesetzt. 2011 haben sich sowohl die Zahl der Projekte als auch das vermittelte Kapital schon verdreifacht. Im laufenden Jahr scheint sich das rasante Wachstum noch zu beschleunigen, allein im ersten Halbjahr wurden für 65.000 Projekte 245 Millionen Dollar gezahlt.

Geld für 3D-Drucker

Steve Jobs und Steve Wozniak verkauften 1976 ihren Taschenrechner (Wozniak) und ihren VW-Bus (Jobs), um das Kapital zur Gründung des inzwischen wertvollsten Unternehmens aller Zeiten zusammenzukratzen. Heute würden sie wohl einfach zu Kickstarter gehen und sagen: „Hey, wir bauen euch schicke Computer.“

Berühmt wurde über Kickstarter die Popsängerin Amanda Palmer, die für die Produktion ihres neuen Albums eine Million Dollar erhielt. Aufsehen erregten auch Projekte für Weltraumsatelliten oder zur Herstellung neuartiger Spielekonsolen, für eine Armbanduhr, die sich automatisch mit dem Smartphone verbindet oder für einen 3D-Drucker zum Selberbauen. Allerdings gibt es auch Gerüchte, wonach Plattformen wie Kickstarter die weniger erfolgreichen Projekte vor Suchmaschinen verstecken, um vor allem positive Aufmerksamkeit zu erzielen.

Überhaupt scheint es beim Crowdfunding einfach zu sein, die Spender zu betrügen, etwa indem ein Projekt nach erfolgreicher Finanzierung nur zum Schein umgesetzt wird. Dagegen spricht allerdings eine Studie der University of Pennsylvania, die untersucht hat, was aus erfolgreichen Kickstarter-Projekten geworden ist. Danach waren zwar drei Viertel aller Projekte später fertig, nur sehr wenige aber enttäuschten ihre Geldgeber.

Erfolgreich sind auf deutschen Plattformen bislang vor allem pfiffige Nischenideen, die bei einem Bankberater ohnehin keine Chance hätten. Uli Marschner hat es jedenfalls geschafft, sie hat die notwendigen 10.000 Euro zusammenbekommen. Ein Bankberater hätte ihr das Geld wohl kaum gegeben, für die Idee eines Knödelrestaurants.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen