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Interview "Wir brauchen Zölle"

Ökonom Geoffrey Bakunda über Ugandas Landwirtschaft.

03.06.2008 00:06
WIRECENTER
Der Volkswirt Geoffrey Bakunda ist Experte für Handels und Agrarpolitik sowie Fragen der Globalisierung.

Uganda hat seit Anfang der 1990er Jahre ein hohes Wirtschaftswachstum und beachtliche Steigerungsraten beim Pro-Kopf-Einkommen aufzuweisen.

Ein Erfolg der Liberalisierung des Landwirtschaftssektors und des Handels?

Die Regierung hat unter dem Druck von Weltbank und Internationalem Währungsfonds mit fast religiösem Eifer liberalisiert und privatisiert - ganz im Sinne der geforderten Strukturanpassungsprogramme. Eine reine Erfolgsgeschichte ist das nicht. Im Gegenteil, diese Politik hat zur Ausbreitung der ländlichen Armut beigetragen. Den meisten Bauern geht es heute schlechter, ihr reales Einkommen ist geringer als vor der Liberalisierung.

Warum?

Der Milchsektor, der am meisten unter der Liberalisierung gelitten hat, ist ein gutes Beispiel für diese Entwicklung. Bis Anfang der 90er Jahre hat die staatliche Milchgesellschaft landesweit die Verarbeitung und Vermarktung der Milch organisiert. Sie garantierte den Bauern die Abnahme der Milch und einen Preis, der den Erzeugern ein Auskommen sicherte. Mit der Privatisierung des Sektors sind die Preise in den Keller gegangen, sie schwanken jetzt zum Teil extrem.

Was sind die Ursachen dieser Entwicklung?

Die privaten Molkereien, die entstanden sind, agieren vornehmlich im städtischen Umfeld. Es ist nicht gelungen, das landesweite Netz der staatlichen Milchgesellschaft aufrecht zu erhalten. Es fehlt jetzt die Infrastruktur - also Sammelstellen und Kühlstationen - um Milch, die auf dem Land erzeugt wird, zu verarbeiten.

Warum sind viele der privaten Molkereien, die vor 15 Jahren an den Start gingen, wieder vom Markt verschwunden?

Sie waren nicht wettbewerbsfähig. Schon zwei Jahre nach ihrer Gründung mussten viele wieder aufgeben, vor allem auch, weil sie mit den Importen von Milchprodukten und Milchpulver nicht mithalten können. Die Einfuhren kommen aus der Europäischen Union - oft über Kenia, Südafrika aber auch über Dubai - nach Uganda. Diese Milch ist von höherer Qualität, besser verarbeitet und besser verpackt. In den städtischen Zentren dominieren importierte Milchprodukte den Markt. Einheimische Molkereien können das Geld für Investitionen in eine bessere Milchverarbeitung gar nicht aufbringen.

Welche Auswirkungen wird das Economic Partnership Agreement, das die EU mit der East African Community verhandelt hat, auf die Milchindustrie haben?

Schon jetzt sind Ugandas Einfuhrzölle für Agrarrohstoffe und verarbeitete Produkte sehr niedrig. Wenn die EPAs uns nun zwingen, dass wir die Tarife innerhalb einer Frist von zehn Jahren auf Null runterfahren müssen, dann wird unser Land mit Importen aus der EU erst richtig überschwemmt.

Was raten Sie der ugandischen Regierung?

Sie muss die Ausgaben für die Landwirtschaft erhöhen. Zur Zeit sind das nur vier Prozent des nationalen Etats. Priorität haben für die Regierung immer noch die Verteidigung und die nationale Sicherheit sowie Energieversorgung und Bildung. Die Entwicklung der Landwirtschaft ist für die Zukunft des Landes aber von größter Bedeutung. Wir brauchen profitable Strukturen. Und wir sollten unbedingt die EPAs mit der EU nachverhandeln. Wir müssen den heimischen Agrarsektor schützen, dazu sind Importzölle notwendig. Nach den Regeln der Welthandelsorganisation wäre das auch möglich, doch die EPAs lassen uns keinen Spielraum.

Was sollten die Bauern tun?

Ich rate den Farmern dringend, den Wiederaufbau der Farmer-Kooperativen zu forcieren. Über die Kooperativen könnten die Bauern ihre Milch in größeren Mengen anbieten und höhere Preise aushandeln. Die Kooperativen könnten die Bauern beraten und selbst in die Weiterverarbeitung der Milch investieren. Überall auf der Welt funktioniert dieses System.

Sehen Sie bei der gegenwärtigen Regierung Chancen für eine solche Politik?

Manches, was auf dem Papier politischer Programme steht, ist gar nicht schlecht. Aber in der Praxis, auf dem Land kommt es nicht an. Und es mangelt an Konsequenz, also daran, internationale Abkommen wie die EPAs im Interesse Ugandas zu verhandeln. Da fehlt es bei den Akteuren an Kenntnis, aber auch an Durchsetzungsfähigkeit.

Sie vermissen Weitsicht und wirtschaftliche Kompetenz in der Handelspolitik?

Sagen wir so, ich habe nicht den Eindruck, dass die Studien, die wir verfassen, oder längere analytische Texte gelesen werden und die Politik beeinflussen.

Interview: Tobias Schwab

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