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Interview So könnten Land-Apotheken überleben

Die Rolle als Berater wird für Apotheker immer wichtiger, sagt Verbandschef Friedemann Schmidt. Er regt an, die Krankenkassen sollten künftig für diesen Service bezahlen. Das widerum könnte das Überleben von Apotheken auf dem Land sichern.

Apotheker-Verbandschef Friedemann Schmidt. Foto: Paulus Ponizak

Friedemann Schmidt gibt erst einmal eine kleine Geschichtsstunde: Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA), deren Präsident Schmidt ist, sitzt seit 2002 im früheren Geschäftshaus der traditionsreichen Privatbank Mendelssohn & Co. in der Berliner Jägerstraße. Die Bank wurde 1938 von den Nationalsozialisten in die Liquidation gezwungen, das Geschäft wurde von der Deutschen Bank übernommen. Vor der Wiedervereinigung residierte hier zuletzt die DDR-Außenhandelsbank. Schmidt bittet in sein Büro, das über der einstigen Schalterhalle in der früheren Direktionsetage liegt.

Herr Schmidt, Sie sind als ABDA-Präsident Chef-Lobbyist der Apotheker. Ihr Job ist es, vor allem gegenüber der Politik die Lage ihrer Branche in den schwärzesten Farben zu schildern, um eigene Forderungen durchzusetzen. Sie dürfen jetzt einmal so richtig jammern!
Ach wissen Sie, ich jammere nicht gern. Das hat sicherlich mit meiner eigenen Geschichte zu tun. Ich bin in der DDR aufgewachsen und habe die Wiedervereinigung herbeigesehnt. Die Verhältnisse, in denen ich heute leben darf, empfinde ich als außerordentlich beglückend.

Ein glücklicher Verbandsvertreter? Sind Sie da nicht der falsche Mann für Ihren Posten?
Die Kollegen, die mich gewählt haben, haben das offensichtlich anders gesehen. Mit bloßem Jammern kommt man ohnehin nicht weit. Es geht darum, Probleme zu benennen und Verbesserungen vorzuschlagen. Wir kritisieren insbesondere, dass das Potenzial, das wir Apotheker haben, von Politik und Gesellschaft nur ungenügend genutzt wird.

Das müssen Sie erklären.
Letztlich kann man schon sagen, dass wir Opfer des eigenen Erfolges sind. Wir sorgen sehr zuverlässig dafür, dass das richtige Arzneimittel zum richtigen Zeitpunkt beim richtigen Patienten landet. Das wird auch allgemein so anerkannt. Umfragen zeigen, dass das Vertrauen in unseren Berufsstand sehr hoch ist. Aber wir können mehr, als nur Medikamente über den Tisch zu reichen.

Was zum Beispiel?
Die Menschen werden immer älter, sie haben häufig eine Vielzahl von Krankheiten gleichzeitig. Da spielt Beratung und Kontrolle bei der Einnahme von Medikamenten eine immer stärkere Rolle. Ärzte sagen uns, dass sie diese Aufgabe zunehmend überfordert. Wir stellen uns ein enges Dreiecksverhältnis zwischen Arzt, Apotheker und Patient vor. In den vergangenen Jahren hat die Politik unsere diesbezüglichen Angebote zwar positiv kommentiert. Aber das war es auch schon.

Ich ahne, was nun kommt: Sie verlangen mehr Geld. Dabei ist die finanzielle Lage nicht sonderlich beklagenswert: Die durchschnittliche Apotheke brachte 2014 einen Ertrag vor Steuern von 129 000 Euro. Zwei Jahre zuvor waren es 105 000 Euro. Von solchen Zuwächsen träumen die Arbeitnehmer.
In diese Zeit fällt die erste und einzige Honorarerhöhung seit 2004. Davor gab es zehn Jahre nichts. Hintergrund ist auch, dass immer mehr Apotheken schließen müssen. Deshalb arbeitet und verdient der Rest mehr. Das ist zwar schön für den einzelnen Apotheker, aber schlecht für den Berufsstand. Seit 2010 ist die Zahl der Apotheken um etwa 1000 auf 20 500 gesunken. Sie haben wirtschaftliche Probleme oder finden keinen Nachfolger. Denn die Zeiten, wo auch eine kleinere Apotheke ein auskömmliches Leben sicherte, sind vorbei. Viele Apotheker haben etwas, was wir in der Branche bisher nicht kannten: Existenzangst.

Von einem Apothekensterben sprechen Sie allerdings nicht mehr.
Richtig, das war ein vor einigen Jahren verwendeter polemischer Kampfbegriff für die Auseinandersetzung mit der Politik. Wir müssen heute anerkennen, dass der Verlust von Apotheken ein vielschichtiges Problem ist, dessen Ursachen zum Teil nicht beeinflussbar sind. Ein Grund ist die Alterung der Gesellschaft und der Trend weg vom Land in die Städte. Wenn der Landarzt dicht macht, hat auch der Apotheker keine große Chance mehr. Wir beobachten auch, dass immer mehr Fachärzte aus den Vorstädten in die Stadtzentren gehen. Fairerweise müssen wir sagen, dass wir nicht wissen, inwieweit sich durch die Apothekenschließungen der vergangenen Jahre die Versorgung der Bevölkerung verschlechtert hat. Hier fehlen uns noch Daten.

Was ist die Konsequenz dieser Trends?
Es gibt zwei Möglichkeiten: Wir können das hinnehmen und versuchen, die Versorgung der Bevölkerung auf dem Land mit Medikamenten anders zu organisieren, also etwa durch Rezeptsammelstellen oder Botendienste. Oder wir gehen einen ähnlichen Weg wie die Schweiz. Dort streben die Apotheker an, auch ohne Arzt vor Ort zu bleiben. Sie fungieren als erste Anlaufstelle für Patienten und übernehmen somit vom Hausarzt die Lotsenfunktion. Eine bestechende Idee. Sie setzt aber voraus, dass ein Apotheker auch ohne Arzt vor Ort überleben kann.

Womit wir wieder beim Geld wären!
Richtig. Das kann nur funktionieren, wenn zusätzliche Aufgaben wie zum Beispiel die Beratung auch bezahlt werden. So etwas gibt es bisher nicht. Derzeit finanzieren sich die Apotheken überwiegend durch eine Pauschale von 8,35 Euro, die sie von den Krankenkassen für jedes abgegebene Medikament erhalten. Und diese Pauschale ist fix, es gibt keine regelmäßige Überprüfung oder Anhebung. Das muss sich ändern. Es kann doch nicht sein, dass wir vom wirtschaftlichen Wachstum völlig abgekoppelt sind.

Sie können ja doch jammern! Setzt so ein Bezahlmodell aber ohnehin nicht auch völlig falsche Anreize? Schließlich verdienen Sie daran, dass die Menschen möglichst viele Pillen schlucken.
Dem will ich nicht widersprechen. Problematisch ist zudem, dass die Apotheken eben nur dann Geld verdienen, wenn es genügend Patienten gibt. Wenn wir auch künftig die Versorgung der Fläche sicherstellen wollen, müssen wir hier neue Vergütungsmechanismen finden. Wir werden in Zukunft zwar weniger Patienten haben, aber diese sind älter, haben mehr Krankheiten und brauchen daher mehr Beratung. Es sollte sich für den Apotheker auch lohnen, wenn er einem Patienten von einem Medikament abrät.

Eine neue, finanziell lohnende Aufgabe könnte sich aus dem Plan der Regierung ergeben, dass Patienten künftig das Anrecht auf einen Medikationsplan bekommen, also auf eine Übersicht aller eingenommenen Medikamente.
Hier bin ich richtig sauer auf Gesundheitsminister Hermann Gröhe. Er plant, dass nur die Ärzte diese Aufgabe übernehmen sollen. Doch die einzigen, die einen Gesamtüberblick über die Medikamente haben, sind wir Apotheker. Kein Arzt weiß verlässlich, welche rezeptfreien Arzneimittel die Patienten zusätzlich einnehmen. Diese Medikamente können ebenfalls gefährliche Wechselwirkungen mit anderen Präparaten haben. Wir haben diesen Überblick. Nach unserer Auffassung sollen die Patienten entscheiden, ob der Apotheker oder der Arzt den Medikationsplan führt. Ich bin ganz zuversichtlich, dass das noch in den Beratungen im Bundestag geändert wird.

Bei ihren Geldforderungen ist die Apothekerschaft vielleicht nicht so erfolgreich. Auf einem anderen Feld schon: Apothekenketten sind hierzulande weiter verboten. Erlaubt sind nur drei Filialen, Inhaber muss immer ein Apotheker sein. Keine einzige Partei traut sich mehr, dieses Monopol infrage zu stellen. Wie haben Sie das geschafft?
Die Politik hat verstanden, dass bei diesem Punkt mit uns überhaupt nicht zu spaßen ist. Da laufen wir zur Hochform auf, das haben wir mehrfach praktiziert. Unsere Kampagnenfähigkeit, auch vor Ort in den Wahlkreisen, ist bei den Abgeordneten nachdrücklich in Erinnerung geblieben.

Die OECD hat von Griechenland gefordert, das auch dort bestehende Verbot aufzuheben. Das Betreiben einer Apotheke durch professionelle Manager werde die Effizienz und den Wettbewerb in diesem Markt steigern. Wer Apothekenketten verbiete, der verhindere auch Innovationen, argumentieren die Experten.
Unsinn. Es gibt doch abschreckende Beispiele. In Norwegen wurden Ketten in der Hoffnung zugelassen, eine flächendeckende Versorgung sicherzustellen. Heute gibt es in den dünn besiedelten Regionen nach wie vor keine Apotheken. Billiger ist es auch nicht geworden. Die Apotheken ähneln eher Gemischtwarenläden, wo es auch Badelatschen gibt. Und der Apotheker ist nur noch ein einfacher Verkäufer, der keine Zeit mehr für Beratung hat.

Vehement bekämpft haben Sie bisher auch den Versandhandel mit Medikamenten. Es scheint so, als hätten sie ihren Kampf aufgegeben?
Wir müssen einfach akzeptieren, dass sich das Einkaufsverhalten der Menschen geändert hat und sie heutzutage auch Medikamente im Internet bestellen wollen. Wir wollen uns nicht mehr in dieser Schlacht aufreiben. Auch eine Reihe unserer eigenen Mitglieder betreibt schließlich neben der Apotheke vor Ort das Online-Geschäft. Wir bleiben allerdings dabei, dass der Versandhandel immer nur die zweitbeste Lösung ist. In einem so sensiblen Bereich wie der Medizin ist die direkte Beratung vor Ort durch nichts zu ersetzen.

Politiker von Grünen und der Linkspartei denken daran, den Apotheken eine neue Aufgabe zu geben: Sie fordern eine Legalisierung von Cannabis, wollen die Abgabe zur besseren Kontrolle aber in die Hand der Apotheker legen. Sie wollen doch neue Betätigungsfelder, oder?
Zunächst einmal: Die Apotheker als Berufsstand sind eher gegen eine Freigabe von Cannabis. Wir sehen als Pharmazeuten vor allem die gesundheitlichen Risiken. Insofern kann ich nicht sehen, dass wir uns freiwillig als Vertriebskanal zur Verfügung stellen. Ein Monopol der Apotheken auf die Abgabe von Drogen? Das wollen wir nicht.

Sie geben aber auch andere Drogen ab, etwa Diamorphin als Substitution für Heroinabhängige.
Hier gibt es aber einen medizinischen Grund, eine Indikation. Bei Cannabis zur Behandlung bestimmter schwerer Erkrankungen wäre das auch der Fall. Aber bei Haschisch zum Kiffen aus Spaß? Da gibt es keinen medizinischen Grund. Aber klar ist auch: Wenn Politik und Gesellschaft den Apothekern diese Aufgabe zuweisen, werden wir sie übernehmen. Ob wir das gut finden oder nicht.

Interview: Timot Szent-Ivanyi

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