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Interview mit Nobelpreisträger Phelps „Der US-Wirtschaft fehlt Innovationskraft“

Der Ökonomie-Nobelpreisträger Edmund Phelps erklärt dem amerikanischen Präsidenten Barack Obama, wie er die Weltkonjunkturlokomotive in Fahrt bringt.

23.08.2010 16:42
Nobelpreisträger Edmund Phelps: „Neue Produkte führen immer zu mehr Jobs.“ Foto: Reuters

Herr Phelps, in den USA verharrt die Arbeitslosenquote bei fast zehn Prozent. Die Hälfte aller Erwerbslosen sucht seit mehr als sechs Monaten nach einem neuen Job. Wann wird es besser?

Das dauert noch. Wir haben eine ungewöhnlich tiefe Rezession hinter uns, bei der acht Millionen Jobs verloren gingen. Es braucht Zeit, um das wieder wettzumachen.

Umsätze und Gewinne der Unternehmen steigen seit einem Jahr wieder, die Zahl der Stellen stagniert dagegen.

Die Verunsicherung in den Chefetagen ist groß. Die Konzerne horten lieber Bargeld statt zu investieren. Das hat mit der Sorge vor einer schnellen Rückkehr der Rezession zu tun. Es liegt aber auch an der Obama-Regierung. Die Unternehmen wissen nicht, woran sie sind; welche Steuern steigen und welche nicht. Die Folgen der Gesundheitsreform etwa sind immer noch nicht klar. Die Ausweitung der Krankenversicherung kostet Geld. So lange die Unternehmen nicht wissen, wie teuer das für sie wird, zögern sie bei Neueinstellungen.

Studien belegen immerhin, dass die Lage ohne das Konjunkturprogramm der Obama-Regierung noch schlimmer wäre.

Naja. Was die Regierung da macht, ist die Folge einer falschen Diagnose. Allein die geringe Nachfrage wird als das Problem angesehen. Konjunkturhilfen wirken in einem solchen Fall aber nur, wenn die Wirtschaften ansonsten intakt ist. Und das ist nicht der Fall.

Woran liegt es denn?

Wir sind nicht nur in einer Wachstumsdelle. Wir stecken in einem strukturellen Schlamassel, den kein Milliardenpaket lösen kann. Der US-Wirtschaft fehlt, was sie stets stark gemacht hat: Innovationskraft. Neuerungen ziehen Investitionen nach sich. Investitionen münden in Jobs. Hier hakt es.

Das heißt?

Manager denken zu kurzfristig. Vielversprechende Forschungsprojekte werden auf Eis gelegt, nur weil sie das nächste Quartalsergebnis belasten könnten. In der Pharmabranche etwa ersetzen Computer die Forscher – mit schlechteren Ergebnissen. Viele Investoren, die früher Geld in neue Unternehmen steckten und so Arbeitsplätze geschaffen haben, zögern.

Obama investiert in Forschung und Entwicklung: Erneuerbare Energien zum Beispiel profitieren besonders davon.

Das alles wird aber nicht in dem Umfang Jobs schaffen, wie es wünschenswert wäre. Der Staat erfindet nichts. Aber er kann Strukturen schaffen, die zu Innovationen führen. In einem Artikel für die New York Times habe ich kürzlich die Schaffung einer First National Bank of Innovation vorgeschlagen. Ein staatlich gestütztes Netzwerk aus Banken, die in Forschungsprojekte investieren. Start-ups sollten zudem von der Steuer befreit werden.

Die Jobs der Zukunft...

...entstehen nur durch Innovationen. Sehen Sie sich Apple an.

Der Konzern produziert in Asien.

Ja, aber es geht auch nicht darum, in Feldern zu konkurrieren, wo die Globalisierung längst Fakten geschaffen hat. Die Produktion wird in Asien bleiben, das ist auch okay. Aber schauen Sie sich die vielen Designer, Marketing- und Vertriebsprofis an. Neue Produkte führen immer zu mehr Jobs. Darauf müssen wir setzen. Amerika muss wieder so innovativ wie in der Vergangenheit werden. Dann folgen Investitionen automatisch; nur das schafft langfristig neue Stellen.

"Wir brauchen höhere Steuern"

Und kurzfristig? Die staatliche Arbeitslosenhilfe läuft für viele gerade aus. Republikaner und konservative Demokraten sperren sich gegen eine Verlängerung. Gleichzeitig wollen sie die von Präsident Bush eingeführten Steuerrabatte für die reichsten Amerikaner verlängern.

Wir brauchen höhere Steuern, um unsere Schuldenkrise endlich anzugehen. Ansonsten fürchte ich, dass der Dollar in Gefahr gerät. Es ist an der Zeit, zumindest einen symbolischen Schritt zu machen, um das Defizit zu senken. Die Steuererleichterungen zu verlängern, wäre deshalb falsch. An einen stimulierenden Effekt für die Wirtschaft glaube ich in diesem Fall nicht.

Und das Arbeitslosengeld? Die Republikaner stemmen sich mit dem Verweis auf das Rekorddefizit gegen eine Verlängerung.

Das alles ist teuer, das stimmt schon, und eigentlich können wir es uns nicht leisten. Doch das sollte der letzte Schritt sein. Zuvor könnten wir zum Beispiel einige Rüstungsprojekte um ein paar Jahre verschieben. Aber ich würde das Geld ohnehin lieber zur Subventionierung von Jobs einsetzen. Wir sollten Unternehmen mit Steuererleichterungen zur Schaffung von Stellen im Niedriglohnsektor bewegen. Dann bezahlen wir die Leute dafür, dass sie arbeiten und nicht dafür, dass sie arbeitslos sind. In Singapur hat so ein Programm die Rezession abgemildert, die Arbeitslosigkeit liegt dort bei weniger als drei Prozent.

Vor zehn Jahren lag die Quote in den USA auch nur knapp darüber, bei vier Prozent. Wann wird dieses Niveau wieder erreicht sein?

Gar nicht. Eine vollständige Erholung wird es nicht geben, fürchte ich. Zwar wird die Arbeitslosigkeit wieder sinken. Wir werden vielleicht 7,5 Prozent erreichen. Aber selbst das wird drei bis vier Jahre dauern.

Vier Jahre? Da könnte der nächste Abschwung bereits beginnen.

Ja, wir werden mit einer insgesamt höheren Arbeitslosigkeit in die nächste Krise gehen.

Interview: Felix Wadewitz

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