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Interview mit Kia-Chefdesigner Peter Schreyer „Zuerst wurden die Auspuffrohre versteckt“

Peter Schreyer, Chefdesigner des Automobilherstellers Kia, spricht im Interview über koreanischen Ehrgeiz, Visionäre und Chrom in Krisenzeiten.

18.05.2012 23:42
„Design ist auch Entertainment“, sagt Peter Schreyer. Foto: Laif/Oliver Ruether

Wenn sich Peter Schreyer auf den Weg zur Arbeit macht, kann es mitunter etwas länger dauern. Denn in der Regel ist er transkontinental unterwegs. Schreyer arbeitet in Seoul, Los Angeles und Frankfurt am Main und zwischendurch in der Business Class eines Airbus A340 oder einer Boeing 747. Der 58-Jährige ist einer der erfolg-reichsten Autodesigner der Gegenwart. Einer, der weiß, wie man Bestseller macht. Schreyer hat den Golf IV gestaltet und den ersten Audi TT. Er war Kreativ-Chef des VW-Konzerns. Seit sechs Jahren prägt der gebürtige Bayer den Auftritt der weltweit rasant wachsenden Marke Kia. Sein Büro in der Frankfurter Innenstadt liegt drei Etagen über der Straße. Es ist ein Eckbüro mit gläsernen Wänden von der Decke bis zum Boden und weiter Sicht ohne Hindernisse. Von hier oben aus scheint alles möglich zu sein.

Herr Schreyer, müssen wir unbedingt über Autos reden?

Kommt auf die Alternative an.

Ferdinand Piëch?

Ach, das ist lang her. Aber ich schätze ihn noch immer sehr. Ein bewundernswerter Mann, ein Visionär. Solche Menschen sind selten geworden.

Es heißt, er hätte sich selbst in kleinste Designentwicklungen wie etwa die Gestaltung von Türklinken eingemischt.

Ferdinand Piëch hat einen hohen Anspruch. Ich hatte immer einen sehr großen Respekt vor ihm. Er hat es einem nie leicht gemacht. Mir war das angenehm. Ich wollte es auch nie leicht haben.

Dennoch kam nach 25 Jahren der Bruch mit VW. Haben Sie lange über das Angebot von Kia nachgedacht?

Nicht sehr. Ich war damals Anfang fünfzig. Es ging in die zweite Halbzeit. Da kam das Angebot. Kia wollte nicht mehr nur in der Regionalliga spielen. Ich hatte die Möglichkeit, etwas von Grund auf zu entwickeln. Ich bekam ein weißes Blatt Papier und hatte alle Freiheiten. Solch eine Chance kommt nicht alle Tage.

Klingt auch ein bisschen nach Abenteuerlust.

Die war auch dabei. Ich hatte in der deutschen Industrie Karriere gemacht, die koreanische war eine andere Welt.

Bis heute sind Sie der einzige Europäer in der Chefetage von Kia Motors. Sie können die verschiedenen Welten vergleichen.

Die deutsche Automobilindustrie ist vor allem ingenieurgetrieben. Wir – also die Deutschen – bauen Autos schon seit über hundert Jahren und haben hier sehr viel Erfahrung. Die Deutschen sind innovativ und gehören zu den Besten der Welt. In Korea ist man von dem Ehrgeiz getrieben, der Welt zu zeigen, dass man es auch kann. Dahinter steckt gewissermaßen eine nationale Strategie und der unbedingte Wille und die Leidenschaft, voranzugehen und zu expandieren. Der Hyundai-Kia-Konzern hat vor gerade mal 40 Jahren seine ersten Autos gebaut und ist heute die Nummer fünf in der Welt.

Auch Koreas Elektronikkonzerne wachsen rasant. Samsung sprang binnen eines Jahres von Rang vier der Handy-Hersteller an die Spitze. Was machen die Koreaner anders?

Die Schnelligkeit der Koreaner ist unglaublich. Wenn hier bei Kia die Entscheidung für ein Auto gefallen ist, steht sehr schnell der erste Prototyp da. Das ist für mich immer wieder erstaunlich. Hier geht alles ohne Umwege und Schleifen. Aufholen zu wollen ist ein ungeheuer starker Antrieb.

Gibt es einen anderen Führungsstil?

Die Strukturen sind sehr hierarchisch. Großkonzerne sind wie Familienunternehmen und werden so geführt. Der Vorstandsvorsitzende von Hyundai Motor, unseres Mutterkonzerns, will koreanische Autos in die Welt bringen und die Nummer eins werden.

Das will Ferdinand Piëch auch.

Das ist richtig. Beide sind übrigens etwa der gleiche Jahrgang. Sie haben einige Gemeinsamkeiten. Beide sind Visionäre.

Und Autonarren. Welche Bedeutung hat das Auto für Sie?

Es ist ein Lebensinhalt und gibt uns die Freiheit, jederzeit überallhin fahren zu können. Ich hoffe, dass das erhalten bleibt.

Also ist das Auto doch nicht mehr als ein Gebrauchsgegenstand, mit dem wir von A nach B gelangen?

Natürlich ist es mehr. Mit einem Auto stellt man sich dar, ob man will oder nicht. Außerdem gibt es in der Regel kein Produkt, für das man mehr Geld ausgibt. Das Auto nur als Gebrauchsgegenstand abzutun, ist sehr theoretisch.

Wann ist ein Auto schön?

Das wird jeder für sich entscheiden. Es heißt, guter Stil sei es, die Übertreibung möglichst gering zu halten. Man muss dem modischen Effekt widerstehen. Dinge, die einem auf Anhieb gefallen, sieht man sich oft auch schnell über. Für mich ist gutes Design der Mix aus Chic und Langlebigkeit.

Sie haben den Golf IV gestaltet, der insgesamt vier Millionen Mal gebaut wurde. Ist es für Sie noch immer etwas Besonderes, das selbst entworfene Auto im Alltag auf der Straße zu entdecken?

Absolut. Schließlich wird auf der Straße ein Schönheitswettbewerb ausgetragen. Und wenn man dabei gewinnt, dann schmeichelt das natürlich. Ich freue mich, wenn ich sehe, dass einer stolz am Lenkrad eines Kia sitzt. Je öfter ich unsere Autos sehe, ist umso besser. Vor allem aber beruhigt es mich. Denn ein neues Auto ist in der Regel eine Milliarden-Investition.

In Euro?

Ja, in Euro. Das heißt, der Erfolg eines Autos kann die Zukunft des Unternehmen bestimmen. Da geht es auch um Menschen und Existenzen.

Wer entscheidet eigentlich, wie ein Auto letztlich aussehen wird?

Der Vorstand natürlich. Aber da der Designer die Varianten liefert, über die entschieden wird, entscheidet doch der Designer.

Können gesellschaftliche Prozesse Automobildesign beeinflussen?

Ja. Allerdings ist das Automobilgeschäft ziemlich träge. Mindestens vier Jahre vergehen von der ersten Designskizze bis zum Verkaufsstart. Danach muss sich das Auto wenigstens fünf Jahre lang gut verkaufen lassen. Aber langfristige Trends sind sichtbar. Als sich vor Jahren das Umweltbewusstsein in der Gesellschaft entwickelte, wurden zuerst die Auspuffrohre der Autos versteckt, bevor die Entwicklung sparsamer Antriebe begann. Jetzt sieht man den Auspuff immer noch, aber die Autos sind deutlich umweltfreundlicher geworden.

Ist Chrom in Krisen noch zeitgemäß?

Chrom ging bislang immer. Aber in letzter Zeit haben sich matte Lacke zu einem Trend entwickelt, vor allem bei großen Fahrzeugen. Das Auto ist dann nicht das funkelnde Schmuckstück. Man ist lieber etwas zurückhaltender. Auf diesem Weg kann Chrom auch ganz verschwinden.

Wovon hängt das ab?

Von einer starken Marke. Tätowierungen sind gesellschaftsfähig, seit Hollywoodstars ihre Tattoos zur Schau tragen. Apple hat Computer bunt gemacht und mit weißen iPod-Ohrhörern Weiß zur Trendfarbe werden lassen. Das hätte sonst keiner geschafft.

Was macht Apple anders?

Die Firma hat Computer geschaffen, die jedermann ohne Erklärungen nutzen kann. So hat Apple auch Kunden gewonnen, die bis dato gar nicht daran dachten, einen Computer zu nutzen. Apple beglückt seine Kunden mit etwas, und sie wussten bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht, dass sie es schon immer haben wollten.

Ist das eine Frage des Designs?

Natürlich ist da ein gutes Design hilfreich. Aber zuerst muss die Technik überzeugen. Ohne die Technik hätten weiße Kopfhörer nie funktioniert.

Wird Design überbewertet?

Nein, Designer sind eher unterbewertet. Aber sie sind auch nicht nur Einkleider. Designer entscheiden über Materialien, sie gestalten, entwickelt, konstruieren. Und Design ist natürlich auch Entertainment.

Inwiefern?

Design vereint Inhalte und Werte mit Technik. Sieben Jahre Herstellergarantie kann man auch sehen und fühlen. Design muss authentisch sein.

Architekten träumen davon, einmal ein Hochhaus oder eine Brücke zu entwerfen. Oder einen Flughafen. Was wäre für Sie das Größte?

Ein Sportwagen. Ich würde für Kia gern ein Cabrio entwerfen oder ein großes Coupé.

Sie sehen Kia nicht als Billiganbieter, oder?

Nein. Kia war einer. Mittlerweile kommen unsere Kunden aber nicht, weil sie ein billiges Auto wollen, sondern weil unsere Autos Begehrlichkeiten geweckt haben. Wir sind ein bisschen wie Ikea. Da gibt es oft Sachen, die ich mir kaufe, weil sie mir einfach gefallen. Wenn es günstig ist, auch gut.

Seit Sie bei Kia sind, haben Sie ein großes Team aufgebaut. Es gibt drei Studios in Seoul, Los Angeles und Frankfurt am Main mit insgesamt 250 Designern. Woher holen Sie Ihre Leute?

Von überall her. Wir versuchen, junge Leute direkt von den Hochschulen in Deutschland, London oder Paris zu holen. Wir haben aber auch mehrere erfahrene Designer mit internationalem Hintergrund in unserem Team.

In Ihrer Freizeit malen Sie gern. Was bedeutet Ihnen die Malerei?

Sehr viel. Ich muss keine Kompromisse machen. Das ist nur für mich.

Während der Internationalen Autoausstellung in Frankfurt am Main im vergangenen Herbst hat sich VW-Chef Winterkorn einen Hyundai genauer angesehen und war offensichtlich verärgert, weil ihm die Qualität besser gefiel als die der eigenen Autos. Was dachten Sie, als Sie das sahen?

Alles richtig gemacht.

Das Gespräch führte Jochen Knoblach.

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