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Interview mit Ilse Aigner „Tank und Teller zählen“

Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner verteidigt die Produktion von Biokraftstoff, für die auch Teile der Getreideproduktion verwendet werden. Im FR-Interview spricht sie über Biosprit, Biomasse und steigende Nahrungsmittelkosten.

11.04.2011 20:44
Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner verteidigt im FR-Interview den umstrittenen Biokraftstoff E10. Foto: REUTERS

Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner verteidigt die Produktion von Biokraftstoff, für die auch Teile der Getreideproduktion verwendet werden. Im FR-Interview spricht sie über Biosprit, Biomasse und steigende Nahrungsmittelkosten.

Auf den Feldern wird immer mehr Getreide für Biosprit angebaut. Der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks erklärt, in einer Tankfüllung steckten 18 Kilo Brot. Treibt E10 die Lebensmittelpreise in die Höhe?

Wer das behauptet, sollte sich die Zahlen ansehen: Die gesamte Ackerfläche in Deutschland beträgt zwölf Millionen Hektar. Nur auf rund 240000 Hektar werden Getreide und Zuckerrüben für Bioethanol angebaut, das zur Herstellung von E10 dient. Außerdem: Die Kosten, die bei der Brotherstellung auf den Rohstoff Getreide entfallen, sind gering. Löhne und Maschinen fallen da viel stärker ins Gewicht.

Die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie kündigt an, nicht nur Brot, auch Fleisch- und Milcherzeugnisse würden teurer…

Die Lebensmittelindustrie macht es sich zu einfach, wenn sie jede Preiserhöhung mit gestiegenen Rohstoffkosten begründet. Die Kostenfaktoren sind so unterschiedlich wie die einzelnen Produkte. Entscheidend ist zum Beispiel, wie hoch der Anteil der Futtermittelkosten an den gesamten Produktionskosten ist.

Futtermittel machen den größten Kostenfaktor bei der Fleisch- und Milchproduktion aus. Und die Preise sind seit dem vergangenen Sommer um 80 Prozent angezogen…

Dennoch bleibe ich dabei: Die Preise unserer Lebensmittel werden von vielen Faktoren beeinflusst. Dazu gehört insbesondere die Frage, welche Handelsstufe man betrachtet. Nehmen wir zum Beispiel ein Rindersteak: Während der Anteil der Futtermittelkosten beim Landwirt noch rund 40 Prozent beträgt, sind es nur noch etwa 15 Prozent der Gesamtkosten, wenn das Fleisch in der Kühltheke der Metzgers angekommen ist.

Trotzdem ist die Lage am Rohstoffmarkt angespannt. Die Spekulation nimmt zu. Es gibt größere Ernteausfälle und eine stetig steigende Nachfrage. Wenn nun auch noch die Biokraftstoffe eine größere Rolle spielen sollen, sind dann Preissteigerungen auf Dauer auszuschließen?

Nur 6,4 Prozent der weltweiten Getreideernte – das sind rund 144 Millionen Tonnen – fließen in die Produktion von Biokraftstoffen. Andere Faktoren haben einen stärkeren Einfluss auf die globale Preisentwicklung für Agrarrohstoffe als etwa die Nutzung von Bioethanol. Wenn wir die Energiewende wollen, müssen wir Energie-Erzeugung und Ernährung, also Tank und Teller, miteinander vereinbaren. Künftig müssen wir neue Konzepte entwickeln und zum Beispiel die Reststoffverwertung bei der Biogas- und Biokraftstoffproduktion verbessern. Dabei müssen wir Gülle, Stroh, Holz- und Grünschnitte nutzen. In Deutschland wird Bioenergie nachhaltig produziert. Die große Herausforderung ist, die Rohstoffe auch weltweit ökologisch verträglich anzubauen.

In welchem Umfang wird man Biomasse für die Stromerzeugung nutzen können?

Das wird im Rahmen der Umsetzung des Energiekonzeptes der Bundesregierung zu klären sein. Zum gesamten Bereich der erneuerbaren Energien trägt die Landwirtschaft schon jetzt 70 Prozent mit Biomasse bei. Hierfür werden in Deutschland derzeit insgesamt 650000 Hektar für den Anbau von Energiepflanzen zur Biogas-Erzeugung genutzt. Das macht insgesamt nicht mehr als 5,4 Prozent der heimischen Ackerfläche aus – und Biogas hat enorme Vorteile: Biogas ist bei entsprechenden technischen Vorrichtungen gut speicherbar und man kann es für die Zeit vorhalten, in der Solar- oder Windenergie unergiebiger sind, um eine optimale Auslastung der Netze zu gewährleisten. Außerdem lässt sich Biogas auch ins Gasnetz einspeisen.

Bioenergie ist ja nicht per se nachhaltig. Die Umwidmung von Nutzungsflächen birgt Risiken für die biologische Vielfalt, vor allem, wenn dabei Wald und Feuchtgebiete zerstört werden. Wie wollen Sie das verhindern?

Deutschland ist das erste EU-Land, das die europäische Nachhaltigkeitszertifizierung eingeführt hat. Zur Nachhaltigkeit gehört, dass zertifizierte Biomasse nicht in artenreichen Gebieten, auf kohlenstoffreichen Böden oder Torfmooren gewonnen werden darf. Auch Gebiete mit hohem Naturschutzwert sind ausgenommen. Im internationalen Rahmen bedeutet das, es darf kein Regenwald abgeholzt werden, um auf dieser Fläche Energiepflanzen anzubauen. Auch in Deutschland haben wir entsprechende Standards eingeführt, um Grünland und artenreiche Flächen zu schützen. Und bei Holz haben wir generell mehr Zuwachs als wir verbrauchen.

Und wenn es zu Flächennutzungskonkurrenzen kommt, zum Beispiel für die Biogasproduktion, wie wollen Sie das verhindern?

In Deutschland sehen wir, dass es gebietsweise verstärkt zu Verschiebungen im Maisanbau hin zu einer energetischen Verwertung kommt. Das hat auch mit der Förderstruktur zu tun. Hier werden wir gegensteuern, indem wir das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) ändern. Das Bonussystem wird umgestellt und spätestens ab 2012 werden für Biogasanlagen neue Fördergrundsätze gelten. Auf diese Weise entschärfen wir die Flächenkonkurrenzen.

Wie lässt sich eine Bioenergiepolitik über den nationalen Kontext hinaus gestalten. Müssten nicht die Ministerien für Landwirtschaft, Umwelt und Entwicklung vermehrt gemeinsame Konzepte entwickeln?

In unserem Auftrag erarbeitet die Welternährungsorganisation FAO gegenwärtig ein Instrumentarium für die Ausgestaltung einer internationalen Bioenergiepolitik. In den Entwicklungsländern gibt es durchaus noch Potenzial. Allein durch bessere Lagerung und Transportmöglichkeiten könnten Ernteverluste von bis zu 40 Prozent vermieden werden. Wir werden uns mehr als früher auf die ländliche Entwicklung in den ärmsten Ländern konzentrieren. Es geht darum, die Landwirtschaft zu fördern und besonders kleinbäuerliche Betriebe zu unterstützen, um die akute Versorgungssituation zu verbessern. Bei solchen Projekten arbeitet mein Haus verstärkt mit dem Entwicklungsministerium zusammen.

Wie lässt sich die Bioenergie in eine internationale Klimaschutzpolitik einbinden? Wie soll eine Anrechnung oder Verrechnung von CO2-Emissionen funktionieren?

Durch den Einsatz von Bioenergie wird die Freisetzung von vielen Millionen Tonnen CO2 aus der Verbrennung von fossilen Rohstoffen vermieden. Aus diesem Grund werden die CO2-Emissionen der Bioenergie auch nicht direkt unter der nationalen Treibhausgasbilanz angerechnet, sondern lediglich nach der Klima-Rahmenkonvention berichtet. Diese Rechnung geht aber nur auf, wenn die Bioenergie auch nachhaltig erzeugt wird. Es ist bereits Teil des europäischen Nachhaltigkeitskonzeptes, dass Energie aus nachhaltiger Biomasse einen signifikanten Beitrag zur Treibhausgasminderung leisten muss. Entlang der gesamten Wertschöpfungskette werden die Treibhausgas-Emissionen bilanziert. Am Ende der Lieferkette muss nachgewiesen werden können, dass beim Einsatz der Bioenergie im Transportsektor oder zur Elektrizitätsproduktion mindestens 35 Prozent weniger Treibhausgase freigesetzt wurden als bei der Verwendung von fossilen Energieträgern. Ab 2017 steigt die Prozentzahl auf mindestens 50 und ab 2018 dann auf mindestens 60 Prozent.

Interview: Katja Tichomirowa

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