Lade Inhalte...

Interview „Große wirtschaftspolitische Schwächen“

Der Ökonom und DIW-Chef Marcel Fratzscher warnt angesichts der guten Wirtschaftslage vor Überheblichkeit und die Politiker vor Wahlgeschenken.

Konjunktur
Industriemesse Emo in Hannover: Seit der Einführung des Euro 1999 ist die deutsche Wirtschaft pro Jahr kaum mehr als ein Prozent gewachsen. Foto: dpa

Mit dem Fahrrad kommt Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), zum Redaktionsbesuch ins Hauptstadtbüro dieser Zeitung. Schon sein Vorgänger hatte das auf Politikberatung spezialisierte Institut aus dem Berliner Südwesten in die Mitte der Stadt und in die Nachbarschaft zu den Ministerien geholt. Zum wirtschaftspolitischen Gehalt des Wahlkampfs äußert sich der Ökonom dennoch wenig freundlich.

Herr Fratzscher, nur noch wenige Tage bis zum 24. September. Hat die Wahl für die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands irgendeine Bedeutung?
Aus einer globalen Perspektive eher nicht. Es ist schon erstaunlich, wie gering die Unterschiede in den wirtschaftspolitischen Programmen der Parteien sind. In der deutscher Binnensicht zeigen sich aber schon Abweichungen.

In dem schläfrigen Wahlkampf lassen die sich aber schwer identifizieren.
Man muss schon genau hinschauen. Meine große Sorge ist eine andere. Uns geht es in Deutschland scheinbar so gut, dass sich der Wahlkampf darum dreht, Geschenke zu verteilen – Steuersenkungen und Rentenerhöhungen. Ich fürchte, dass sich die nächste Bundesregierung viel zu wenig darauf konzentriert, Wohlstand, gute Jobs und Chancengleichheit für die Zukunft zu sichern.

Dabei bietet die aktuelle Lage jeden Anlass zum Optimismus. Immerhin erleben wir gerade einen der längsten Aufschwünge der jüngeren Geschichte.
Auch das ist eine Frage der Perspektive. In den vergangenen zwei Jahren steht Deutschland mit seinem Wachstum und der Lohnentwicklung gut da. Langfristig sieht das anders aus. Seit der Einführung des Euro 1999 ist die deutsche Wirtschaft pro Jahr kaum mehr als ein Prozent gewachsen.

Das ist keine beeindruckende Leistung. Viele Länder, auch Frankreich, sind in diesem Zeitraum stärker gewachsen. Wir haben uns eine gewisse Überheblichkeit angewöhnt. Noch vor zehn Jahren galt die Bundesrepublik als kranker Mann Europas. Daher erleben wir einen Aufholprozess nach der verlorenen Zeit der 2000er Jahre. Einen Vorsprung erarbeitet sich das Land im internationalen Vergleich nicht. Im Gegenteil: Deutschland hat große wirtschaftspolitische Schwächen.

Sie nennen Steuersenkungen Wahlgeschenke. Andererseits verzeichnet der Staat Milliardenüberschüsse. Gibt es nicht wieder etwas zu verteilen in Deutschland?
Da bin ich vorsichtig. Die gute wirtschaftliche und finanzielle Lage ist nicht das Resultat einer guten Wirtschaftspolitik. Sie ist das Ergebnis von viel Glück. Den Aufholprozess habe ich angesprochen. Die niedrigen Zinsen entlasten den Staatshaushalt. Ohne die hätten wir keine Schwarze Null und keine Rote Null, sondern ein dickes Minus. Wer die Steuern senkt, verteilt Gelder, die in fünf Jahren nicht mehr da sein werden.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum