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Interview „Etwas von den Botschaften wird bleiben“

Aktivist Dave über die Suche nach dem richtigen Baum und seine Lehren aus den Jahren im Hambacher Forst.

Braunkohlerevier Hambacher Forst
Hinterm Hüttendorf geht's weiter: Ein Protestcamp am Eingang zum Hambacher Forst. Dahinter ein Braunkohlebagger. Foto: dpa

Es ist der Tag, bevor die Räumungen beginnen. In Daves Heimatsiedlung Beechtown – einst ziemlich weit im Forst, nach den Rodungen der vergangenen Jahre nun nahe des Waldrandes gelegen – wird konzentriert gearbeitet. Erst vor ein paar Tagen haben sie eine entastete, abgestorbene Fichte in die Wipfel gezogen. Dave als Dirigent von oben, ein Aktivist namens Frodo, der den Stamm barfuß kletternd stabilisiert, und eine junge Frau am Boden, die den Flaschenzug bedient. Unter dem Motto „noch einen draufsetzen“ findet der Stamm schließlich seinen Platz über dem Blätterdach des Hambacher Forstes, wo er in 36 Metern Höhe ein Krähennest trägt. Dave, wie sich der Luft- und Raumfahrttechniker nennt, lebt seit mehreren Jahren im Hambacher Forst.

Dave, wie gehen Sie und die anderen Bewohner von Beechtown damit um, dass dieser Ort nun verschwinden wird?
Wir haben uns immer Gedanken gemacht, ob wir ein Provisorium bauen oder für die Ewigkeit – und die Perspektive ist immer die Räumung gewesen. Letzten Herbst haben wir zum ersten Mal die Erfahrung gemacht, dass nicht gerodet wurde. Den ganzen Winter haben die Kettensägen geschwiegen. Und wir dachten, krass, auf einmal gibt es doch die Chance, dass etwas bleiben könnte.

Diese Chance wird nun täglich kleiner.
Ja, dabei ist der Wald doch ein Ort für alle. Und für alles. Ein Ort für Abenteuer, ein Ort, sich selbst zu finden, ein Ort der Kunst. Hier bringen viele Menschen, die für den Erhalt des Waldes kämpfen, Wissen mit ein, das so gar nicht dem öffentlichen Image der „Ökoterroristen“ entspricht. Ich habe zum Beispiel Luft- und Raumfahrttechnik studiert – und dann ernüchtert festgestellt, dass ich am ehesten einen Job in der Waffenindustrie bekommen könnte. Mir war schnell klar, dass ich das nicht will. Und es war der Wald, der mir geholfen hat zu erkennen, was ich wirklich möchte. Hier geht es ja um viel mehr als nur gegen Braunkohle zu sein. Der Wald ist ein gesellschaftliches Experiment, das von den unterschiedlichsten Menschen geprägt wird.

Inwiefern?
Wir alle haben etwas, was uns hier hineintreibt – manche suchen Raum zum Nachdenken, manche sind von der Umsiedlung betroffen, andere befassen sich mit der Thematik von Bergschäden oder Grundwasser oder sind einfach vom Leben draußen traumatisiert. Alle Menschen hier können etwas, und die Gesellschaft verschwendet Potenzial, indem sie gegen diesen Ort arbeitet.

Immer wieder bleiben Menschen stehen und schauen staunend hoch zu den Häusern in mehr als zwanzig Metern Höhe, die über Hängebrücken miteinander verbunden sind. Was unterscheidet Beechtown von den anderen Waldsiedlungen?
Dieser Ort lag einmal tief im Wald. Durch die Rodungen ist er jetzt dicht an den Rand gerückt, und wir bekommen die Stürme unmittelbar zu spüren. Deshalb haben wir unsere Häuser nicht durch Seiltraversen und Strickleitern verbunden wie in den anderen Dörfern, sondern durch Hängebrücken. Auf diesen kann nicht nur mein Mitbewohner Einrad fahren, sondern sie dienen auch als Schwingungsdämpfer, damit sich die Bäume bei starkem Wind besser ausbalancieren können. Durch unsere Baumhäuser bewegen sich die Bäume anders und können mehr Standfestigkeit entwickeln.

Apropos Standfestigkeit: Was nehmen Sie aus Ihrer Zeit im Wald mit, sollte es nicht gelingen, den Hambacher Forst zu retten?
Ich habe in meiner Zeit im Wald gelernt, wie man den geeigneten Baum aussucht. Natürlich gab es dabei architektonische Aspekte, aber auch strategische und soziale Aspekte. Die Baumansprache, die man sonst vor dem Fällen oder der Baumpflege durchführt, ist für uns genau so wichtig. Wie ist die Statik des Baumes, wie sein Wurzelwuchs? Auch wenn ein Baumhaus gebaut ist, hört die Arbeit daran nicht auf. Die Spuren des Klimawandels, die wir zum Beispiel an Rissen in den Bäumen wahrnehmen, das durch den Tagebau schwindende Grundwasser, all das zwingt uns, immer wieder zu reagieren und zu lernen. Erfahrung und Wissen, das wir alle aus dem Wald wieder mitnehmen werden.

Und was ist mit der Angst?
Die Abbruchunternehmen müssen erst einmal das komplexe Konstrukt von Beechtown durchschauen. Außerdem haben wir wenig Zeit zum Angst haben. Viel wichtiger ist, dass wir hier durch unsere Anwesenheit Druck aufbauen können. Es bleibt doch die Frage, wieso Menschen immer noch beim Naturschutz selbst Hand anlegen müssen? Und selbst wenn es das alles hier nicht mehr geben wird: Etwas von den Bildern und Botschaften aus den Baumhäusern wird bleiben, davon sind wir alle überzeugt. Auf einem Transparent in Oaktown steht: „Sie wollten uns begraben, aber sie wussten nicht, dass wir Samenkörner sind“. Für uns hier im Wald ist die Räumung Ende und Neuanfang zugleich.

Interview: Barbara Schnell

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Hambacher Forst

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