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Internetfirma Ecosia Ein Baum für 45 Klicks

Christian Kroll plant nichts Geringeres, als den Kapitalismus zu reformieren. Warum auch klein denken, wenn die Erde vor die Hunde geht? Von einem, der einfach mal macht.

Kroll
Kroll hat die Suchmaschine Ecosia gegründet. Ihr Firmenziel: Bäume pflanzen. 44 Millionen sind es schon. Foto: pr

Das Weltklima wird von einem Hinterhaus im Berliner Bezirk Neukölln aus gerettet. Zumindest ist das nicht ausgeschlossen. In der ersten Etage eines ehemaligen Fabrikgebäudes hat die Internetfirma Ecosia ihren Sitz. Sie betreibt eine Suchmaschine. Doch anstatt damit Millionen zu verdienen, ist das Unternehmensziel, Millionen Bäume zu pflanzen. Mehr als 44 Millionen sind es bereits und jede Sekunde werden es mehr. Gründer und Geschäftsführer ist der aus Wittenberg stammende Christian Kroll.

Auf den ersten Blick sieht Ecosia so aus wie man sich ein Berliner Start-up vorstellt. Im zweiten Hinterhof befindet sich das Backsteingebäude, durch eine schwere Tür geht es in eine Art Loft mit großen, holzgerahmten Fenstern. Gleich am Eingang befindet sich eine offene Küche mit einem langen Esstisch. Dort steht eine junge Frau und bügelt Tischdecken. „Heute ist Weihnachtsfeier“, antwortet sie auf einen fragenden Blick. Keine drei Meter daneben reihen sich weitere Tische mit Monitoren aneinander.

Am Ende der Etage steht ein kleinerer Tisch. „Da sitze ich meist“, sagt Kroll. Der 35-Jährige trägt ein weißes T-Shirt und Jeans. Er spricht leise, seine Gestik ist zurückhaltend. Der Mann mit Dreitagebart hat allerdings etwas mit dem berühmtesten Wittenberger, Martin Luther, gemein. „Wir wollen eine Reformation anzetteln“, sagt er fast nebenbei. Nicht der Religion, sondern der Wirtschaft. Nicht allein, sondern mit Gleichgesinnten.

Kroll ist kein Anti-Kapitalist. Geboren und aufgewachsen ist er in der Lutherstadt. Bereits als Gymnasiast beginnt er mit dem Handel von Aktien. Der Einser-Schüler interessiert sich nach eigenen Worten dafür „wie die Finanzmärkte funktionieren“. Daher geht er zum Betriebswirtschaftsstudium auch nach Nürnberg, da dort ein Spezialist für Kapitalmärkte lehrt. „Den Drang, viel Geld zu verdienen, hatte ich aber nicht“, erinnert er sich.

Nach sieben Semestern macht Kroll vorzeitig sein Diplom und nimmt sich ein Jahr Zeit für Reisen. „Ich habe davon ein halbes Jahr in Nepal verbracht.“ Die Gipfel des Himalayas beeindruckten ihn aber nicht am stärksten. „Armut und soziale Ungerechtigkeit habe ich hautnah erlebt“, berichtet er. „Das konnte ich nicht wegschieben oder vergessen.“ Zurück in Deutschland sucht Kroll dann ein Geschäftskonzept, dessen vorrangiges Ziel es nicht ist, Profite zu erwirtschaften. So entstand die Idee für eine ökologische Internet-Suchmaschine. Ende 2009 wurde Ecosia gegründet.

Das Geschäftskonzept ist leicht zu verstehen: So wie über Google kann über Ecosia.org im Internet nach Inhalten gesucht werden. Neben den Suchergebnissen wird Werbung angezeigt, mit der Ecosia Geld einnimmt. Die Umsetzung des Konzepts ist freilich anspruchsvoll. Weltweit gibt es aktuell nur zwei große Suchmaschinen: Google von der Muttergesellschaft Alphabet und Bing von Microsoft. In die Entwicklung der Suchalgorithmen haben die beiden US-Konzerne Milliarden gesteckt.

Google besitzt in Deutschland einen Marktanteil von mehr als 90 Prozent. „Ecosia hat mit Bing einen Vertrag geschlossen“, erläutert Kroll. Man greife auf den Suchalgorithmus von Bing zurück. Computer-Experte Jo Bager vom Fachmagazin c’t sieht Bing und damit auch Ecosia als echte Alternative zu Google. „Die Suchergebnisse sind in der Qualität inzwischen vergleichbar“, sagt er. Google biete natürlich noch viele zusätzliche Programme wie das Kartensystem Maps, oder den E-Maildienst Gmail und sei insgesamt noch nutzerfreundlicher.

Ecosia und Bing teilen sich die Werbeeinnahmen – der Großteil fließt nach Berlin. In monatlichen Berichten informiert das Unternehmen seine Nutzer darüber, was mit den Einnahmen passiert: So wurden im September 666 163 Euro eingenommen und davon 301 903 Euro in Forstprojekte unter anderem in Ghana, Madagaskar und Äthiopien gesteckt. Rund 55 Millionen Suchanfragen gibt es inzwischen im Monat, auf der Startseite von Ecosia ist ein Baumzähler, der sekündlich weiterspringt.

Doch ist es überhaupt machbar, jede Sekunde einen Baum pflanzen zu lassen? Ecosia arbeitet laut Kroll mit etwa 20 Organisationen zusammen. Eine davon ist Tree Aid, die gerade Pflanzungen in Ghana vornimmt. Die in dem afrikanischen Land neu gesetzten Bäume sollen nicht nur das Klima schützen und der Bodenerosion vorbeugen. Die Früchte der Bäume dienen auch als Nahrung für die Landbevölkerung.

Lediglich 40 Mitarbeiter beschäftigt Ecosia derzeit. Ein Tree-Planting-Officer – eine Art Baum-Pflanzungs-Vorstand – hält mit seinem Team den Kontakt zu den Organisationen und verteilt das Geld. Per Satellit wird überwacht, ob die Bäume auch tatsächlich gepflanzt werden. Die Kosten sind in den Entwicklungsländern niedrig. „45 Suchanfragen reichen im Schnitt aus, um einen Baum zu pflanzen“, erläutert Geschäftsführer Kroll.

Klicken und dabei Gutes tun, soll es so einfach sein? Der Ecosia-Chef sagt: „Ja.“ Den Klimawandel bezeichnet er als eine der größten Herausforderungen für die Menschheit. Die Pflanzung neuer Bäume sei eine „echte Lösung“ für das Problem.

Das sehen inzwischen nicht nur viele private Internetnutzer so, sondern auch Großunternehmen. Bei der Metro, einem der größten Handelskonzerne Deutschlands, ist Ecosia seit Juni auf allen Computern als Standardsuchmaschine installiert. „Ziel ist es, dass die weltweit 150 000 Metro-Mitarbeiter nach und nach allesamt die grüne Suchmaschine nutzen“, sagte Metro-Vorstandsmitglied Heiko Hutmacher der „FAZ“. Die Resonanz im Unternehmen sei sehr gut. Auch einige Universitäten in Europa haben laut Kroll ihre Standard-Einstellungen bereits auf Ecosia.org gestellt.

Mediale Aufmerksamkeit erregte der Wittenberger auch in diesem Sommer. Während der Demonstrationen im Hambacher Forst (Nordrhein-Westfalen), der dem Braunkohle-Tagebau weichen soll, machte Kroll RWE-Chef Rolf Martin Schmitz das Angebot, dem Energiekonzern das Waldstück für eine Million Euro abzukaufen. Dieser lehnte ab.

Nur eine Marketingaktion? „Eine Million Euro ist für uns viel Geld, doch wir hätten es gemacht“, sagt Kroll. Damit wäre in Deutschland ein Zeichen gesetzt worden. Der Ecosia-Chef ist selbstbewusst, wenn er sagt: „Irgendwie tut mir RWE-Chef Schmitz auch leid, denn er muss die Bad-Bank der deutschen Energiewirtschaft verwalten.“

Ecosia sieht Kroll dagegen im Aufwind: „Wenn wir eine Stelle ausschreiben, dann haben wir mehrere hundert Bewerbungen.“ Fachkräftemangel kennt das Unternehmen nicht. „Software-Programmierern müssen wir auch ein marktübliches Gehalt bezahlen, doch unsere Mitarbeiter wollen auch eine sinnvolle Arbeit ausüben.“ Der Geschäftsführer ist nach eigenen Worten schon längst nicht mehr der bestbezahlte Angestellte in dem Unternehmen.

Damit die Unternehmens-Philosophie erhalten bleibt, haben Kroll und sein Mitgesellschafter Tim Schumacher in diesem Jahr noch einen ungewöhnlichen Schritt getan. Sie haben das Unternehmen an die Schweizer Purpose-Stiftung verschenkt. Diese wacht nun darüber, dass der Unternehmenszweck auch künftig eingehalten wird – die Firma kann nicht mehr verkauft werden. Kroll bleibt aber weiter an der Firmenspitze.

Dabei hätte es auch Alternativen gegeben. Ecosia ist viele Millionen Euro wert und hätte den Firmengründer schon längst reich machen können. Doch das widerspricht seinem Wirtschaftsmodell: „Bisher ist die Denkweise: Konzerne machen Profite und etwas kaputt. Soziale und ökologische Organisationen versuchen, es zu reparieren. Wir wollen dagegen, dass die Leute dafür bezahlen, soziale und ökologische Probleme zu lösen.“ Was Kroll will und im Kleinen bereits umsetzt, ist nichts Geringeres als den Kapitalismus zu reformieren.

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