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Internet-Plattform Kleiderkreisel Second-Hand-Paradies Internet

Collaborative Consumption oder Sharing Economy, der Trend zum Tauschen statt Wegwerfen verbreitet sich rasend im Internet. Ein deutsches Beispiel dafür ist die Internet-Plattform Kleiderkreisel. Ein Selbstversuch.

07.10.2012 16:29
Jutta Maier
Die „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“-Mentalität ist vorbei: Im Internet wird fleißig getauscht. Foto: imago stock&people

Collaborative Consumption oder Sharing Economy, der Trend zum Tauschen statt Wegwerfen verbreitet sich rasend im Internet. Ein deutsches Beispiel dafür ist die Internet-Plattform Kleiderkreisel. Ein Selbstversuch.

Immer mehr Menschen wenden sich ab von der „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“-Mentalität und teilen oder tauschen ihre Besitztümer lieber mit Gleichgesinnten. Sie leihen sich Stichsägen von anderen, untervermieten ihre Wohnungen, teilen sich Autos oder Fahrräder, helfen Fremden beim Schreiben von Bewerbungen und die zeigen ihnen dafür, wie man afrikanisch kocht.

Der Trend heißt gemeinschaftlicher Konsum – neudeutsch Collaborative Consumption oder auch Sharing Economy. Die Harvard-Absolventin Rachel Botsman gilt als Vordenkerin der in den USA entstandenen Bewegung. In ihrem Buch „What’s mine is yours“ beschreibt sie, wie das Bedürfnis nach sozialen Erfahrungen einer gesättigten Wohlstandsgesellschaft gepaart mit den Möglichkeiten des Internets den Trend begründet hat. Nach Angaben der Online-Plattform Mesh.it haben sich mittlerweile 7377 Unternehmen in 136 Ländern dem gemeinschaftlichen Konsum verschrieben.

Eine aktuelle Studie der Universität Lüneburg und des Wohnungsportals AirBnB versucht erstmals, das Phänomen in Deutschland in Zahlen zu erfassen. Demnach wird das gemeinsame Organisieren und Konsumieren über das Internet von zwölf Prozent der Bevölkerung genutzt. Die typische Zielgruppe sei der „sozialinnovative Ko-Konsument“. Knapp ein Viertel der 1000 repräsentativ Befragten seien „Menschen mit einer ausgeprägten Sozialorientierung, für die Gemeinschaft und soziale Erfahrungen wichtig sind und die anderen Menschen sehr wenig misstrauen“. Zudem verfügten sie über hohe Bildung und ein höheres Einkommen und bewerteten „postmaterialistische Werte wie Kreativität und Interesse an einem abwechslungsreichen Leben“ hoch.

„Konsum mit neuem Sinn“

Ich will testen, wie gemeinschaftlicher Konsum funktioniert – und entscheide mich für ein Kleidertauschportal. Ein solches zu finden, ist gar nicht so einfach. Die Seite threadflip.com funktioniert nur in den USA, Plattformen wie Kinderado.de beschränken sich auf Kinderkleidung. Schließlich stoße ich auf Kleiderkreisel.de. „Stilvoll gegen Verschwendung kämpfen“, lautet das Motto der Seite, einer Mischung aus Handelsplattform, Tauschbörse und sozialem Netzwerk.

Gegründet wurde Kleiderkreisel 2009 von drei deutschen Studenten nach dem Vorbild einer Homepage in Litauen. Die Betreiber wollen die Nutzer dazu animieren, abgelegten Sachen „ein zweites Leben und dem Konsum einen neuen Sinn“ zu schenken. Denn „die Kleidung, die euch heute langweilt, könnte morgen schon andere glücklich machen!“ Es ist ein Aufruf an die Fashionistas, die bei Ketten wie H&M oder Primark ein- und ausgehen, Teile nach einer Saison satthaben und für wachsende Kleiderberge auf den Müllkippen sorgen.

Tatsächlich ist der Großteil der mehr als 160.000 Mitglieder offenbar weiblich und jung. Auch das Angebot ist stark auf den weiblichen Teil der Bevölkerung ausgerichtet: 1,9 Millionen Artikel für Frauen, nur etwa 68.000 Teile für Männer: Kleider, Schuhe, Accessoires, Schuhe, Kosmetik. Im Forum und in Blogs wird nicht nur über neue Trends bei Leggins, sondern auch über Kochrezepte, Beziehungsprobleme oder Haarbruch diskutiert.

Schlappe vier Euro

Das Registrieren dauert wenige Minuten, dann geht es los: Ich suche nach einem ärmellosen, grünen Shirt. Optional ist dazu noch ein Ort wählbar. „Grünes Tanktop, Berlin“ ergibt 96 Treffer. Lisa aus Berlin bietet das Tanktop meiner Wahl für schlappe vier Euro an, der Zustand scheint dem Foto zufolge gut zu sein. Lisas durchschnittliche Antwortzeit ist mit einem Tag angegeben. Als „Verhandlungsoption“ hat sie neben „Verkaufen“ auch „Tauschen“ angegeben.

Ich beginne, meinen Kleiderschrank auszumisten und finde drei Shirts, von denen ich mich trennen würde. Mittlere Qualität, mittleres Alter, halbwegs modern, wie ich finde. Ich mache jeweils zwei Fotos. Den Tipp, die Sachen angezogen abzulichten, ignoriere ich. Dann gebe ich Größe, Marke und Material ein, wähle nach einem Blick auf andere Angebote Preise zwischen fünf und sieben Euro und „Tauschen“ als Verhandlungsoption. Dann schicke ich Lisa eine Nachricht, ob sie ihr Tanktop gegen eines meiner Shirts eintauschen würde. Ihre Antwort kommt am nächsten Tag – meine Sachen überzeugen sie nicht.

Geschenkt ist noch zu teuer

Dann eben doch kaufen. Da Lisa 1,45 Euro für den Versand haben will, biete ich ihr an, das Top abzuholen. Lisa könnte das Shirt zwar in Berlin-Mitte übergeben, fährt aber am nächsten Tag in den Urlaub. Erst zwölf Tage später meldet sie sich: Sie habe Probleme bei der Arbeit und am nächsten Tag Geburtstag, will das Top aber spätestens in zwei Tagen abschicken. Acht Tage später frage ich nach, sie entschuldigt sich: Urlaub, Streit mit dem Mitbewohner – und verspricht, das Shirt sofort zur Post zu bringen. Drei Tage später dann ist es da: In einem zerfledderten Umschlag, aber in tadellosem Zustand und es passt wie angegossen. Ich überweise Lisa die 5,45 Euro und bedanke mich.

Für meine Sachen hat sich übrigens nur Janina interessiert. Sie fragte, ob ich am Preis für das graue T-Shirt noch etwas machen könne. Ein Tausch scheiterte daran, dass Janina ihr einziges interessantes Angebot – eine bronzefarbene Halskette – schon anderweitig versprochen hatte. Und ein Verkauf daran, dass Janina mein Shirt für zu weit befand, nachdem ich es ausgemessen hatte. Die Resonanz auf meine Sachen blieb sogar dann gleich null, nachdem ich „Verschenken“ als Option gewählt hatte.

Fazit: Gemeinschaftlicher Konsum von Kleidung ist in Deutschland nur eingeschränkt praktizierbar. Wer nur eine kleine Auswahl anbietet, muss damit rechnen, dass er Wunschartikel kaufen muss, statt zu tauschen. Der Vorteil gegenüber dem Flohmarkt: Es lässt sich viel zielgerichteter und aus einer größeren Auswahl schöpfen. Das Einkaufen ist weniger anonym als im Laden, man erfährt etwas über die Vorbesitzer und kann Kontakte zu anderen Nutzern knüpfen. Wer wenig Geduld hat und schnell mal etwas braucht, ist aber schlecht beraten.

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