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Intel-Chef Lamprechter „Das sind keine Fantastereien“

Der Deutschland-Chef von Intel über autonomes Fahren, künstliche Intelligenz und ihre Auswirkung auf Produktion und Arbeit.

Mobileye
Mit der Übernahme von Mobileye, die Kameras für selbstfahrende Autos baut, will Intel den Weg zum autonomen Auto forcieren. Foto: rtr

Nächste Woche ist wieder Cebit. Die weltgrößte Computermesse ist in diesem Jahr mehr denn je eine Science-Fiction-Show – mit künstlicher Intelligenz, autonomen Autos und Drohnen, die Landwirten die Arbeit abnehmen sollen. Doch mit der allumfassenden Digitalisierung wachsen auch Gefahren für Nutzer. Für Christian Lamprechter, Deutschland-Chef von Intel, ist deshalb klar, dass die IT-Branche bei den Themen Datensicherheit und Datenschutz ihre Anstrengungen deutlich steigern muss.

Herr Lamprechter, die Cebit steht vor der Tür. Zeit für neue IT-Trends. Derzeit reden alle vom Internet der Dinge und von künstlicher Intelligenz (KI). Sind das nur Marketing-Slogans oder steckt mehr dahinter?
Es gibt längst Konkretes beim Thema künstliche Intelligenz. Spracherkennung funktioniert auf jedem Smartphone. Das Gerät „versteht“ den Nutzer im doppelten Wortsinn immer besser. Chatbots setzen sich gerade überall durch. Maschinen ziehen Schlussfolgerungen und geben Antworten. Wir können damit auch Verleumdungen und Hasskommentare im Internet erkennen. Da engagieren wir uns sehr stark. Denn wir brauchen Antworten auf Diffamierungen. Ein Beispiel hierfür ist Hack-Harassment: Die Initiative, mitgegründet von Intel, evaluiert intelligente Werkzeuge und wird diese dann der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen

Was doch nur erneut zeigt, dass mit den wachsenden Möglichkeiten im Cyberspace auch der Missbrauch wächst.
Klar ist, dass wir die kritischen Themen angehen müssen. Etwa in der Finanzbranche: Inwieweit kann man über Mustererkennung feststellen, ob es sich um eine „normale“ Transaktion handelt oder um eine Manipulation, sei es von Menschenhand, sei es von einem Programm gesteuert, um Geldströme illegal umzulenken? Und es geht jetzt darum, wie intelligente Programme reagieren, wenn sie im Ablauf von Transaktionen Abweichungen finden. Wird dann eine Überweisung automatisch gestoppt? An welchem Punkt greifen Menschen ein?

Viele Fragen sind unbeantwortet. Aber die IT-Branche wirbt sehr optimistisch für künstliche Intelligenz. Da werden gerne vermeintliche Fortschritte im Gesundheitswesen als Beispiele benutzt. Ist das nicht manipulativ?
Nein, da ist viel dran. Nehmen Sie das Thema Cancer-Cloud. Es werden weltweit Daten gesammelt und ausgewertet, um Tumore schneller zu erkennen und um wirkungsvollere Therapien zu entwickeln. Beim Erforschen des menschlichen Genoms wollen wir als Intel vorankommen, weil sich daraus enorm viele neue Möglichkeiten für die Behandlung von Krankheiten ergeben.

Da wächst jetzt technologisch zusammen, was zusammen gehört?
In der Tat sind wir jetzt in einem Stadium angelangt, wo viele Komponenten ineinander greifen. Das Internet der Dinge, also Geräte, die miteinander kommunizieren, die Breitbandnetze zum Kommunizieren und die Speicherung der Informationen in der Datenwolke. Wir versuchen, einen positiven Kreislauf aufzubauen, um mehr Intelligenz großflächig zu verteilen.

Damit möglichst viele Unternehmen möglichst schnell neue Produkte und Dienstleistungen entwickeln können?
Genau. Die Anwendung von künstlicher Intelligenz in einem Massenmarkt basiert auf drei Punkten: Offenheit innerhalb des KI-Ökosystems, Offenheit bei der Softwareentwicklung. Das bringt die Massenadaption neuer Anwendungen. Dadurch werden die Kosten reduziert, was ein entscheidender Punkt bei der Durchsetzung von Anwendungen wie autonomem Fahren ist.

Intel will Letzteres nun forcieren mit der Übernahme der Firma Mobileye, die Kameras für selbstfahrende Autos baut. Wie weit sind wir schon den Weg zum autonomen Auto gegangen?
Weiter als viele Autofahrer denken. Die derzeit eingesetzten Assistenzsysteme greifen schon bei kritischen Situationen des Fahrens ein: bei der Distanzerkennung oder beim Spurwechsel. Diese Systeme sind aber autark auf das Fahrzeug und das unmittelbare Umfeld bezogen. Der nächste Schritt ist, dass wir mit BMW gemeinsam bis 2021 ein vollautonomes Serienfahrzeug entwickeln, das mit seiner Umgebung interagiert.

Aber das Problem wird doch sein, dass in vier Jahren viele andere nicht autonome Autos unterwegs sein werden?
Wir können momentan nicht davon ausgehen, dass das Auto dann 800 Kilometer quer durch Deutschland komplett eigenständig fährt. Natürlich wird es noch Grenzen geben, etwa beim Fahren in Städten oder auf Landstraßen in entlegenen Gebieten.

Alle reden jetzt auch von autonomen Fluggeräten – Drohnen -, die schon vor 2021 zum Beispiel Bauern Arbeit abnehmen sollen. Wird das Thema nicht schon wieder überschätzt?
Mit dem Einsatz von Drohnen mit Kameras können Sie größere Gebiete überfliegen und frühzeitig feststellen, ob die Felder den erwarteten Ertrag bringen oder nicht. Das sind keine Fantastereien. So muss der Bauer nicht mehr den ganzen Tag mit seinem Traktor mehr oder weniger blind über die Felder fahren und Dünger oder Pflanzenschutz ausbringen. Künftig kann er ganz gezielt da vorgehen, wo es nötig ist. In einem nächsten Schritt wird der Traktor das dann autonom machen, vielleicht in einer Interaktion mit den Drohnen.

Wie werden sich durch solche Entwicklungen Arbeitsplätze verändern?
Eine große Frage. Ich gebe Ihnen ein anderes kleines Beispiel. Wir haben an der Mosel ein Projekt mit Sensoren im Weinberg gestartet. Zahlreiche Informationen über Wetter, Bodenbeschaffenheit und den Reifegrad der Reben werden gesammelt. Das lässt sich mit historischen Daten über Klima und Ernten verknüpfen. Das bringt neue Möglichkeiten, den Weinberg auf ökologischer Basis optimiert zu bestellen.

Womit verdienen Menschen dann Geld, wenn Maschinen die Arbeit machen?
Das ist die alte Angst, die jeden Schritt der Automatisierung begleitet hat. Und es hat sich immer gezeigt: Es ist ein Irrtum, dass in der Summe Arbeitsplätze verschwinden. Es werden mehr Arbeitsplätze entstehen. Allerdings mit Tätigkeitsprofilen, die komplett neu sind. Künstliche Intelligenz wird die Arbeitswelt umkrempeln.

Werden tatsächlich nur höhere Qualifikationen verstärkt nachgefragt, so wie man es ständig hört?
Nicht unbedingt. Mein Lieblingsbeispiel ist das des Stromtrassenabläufers. Noch immer sind Beschäftigte von Stromnetzbetreibern unterwegs und gehen Stromtrassen ab, um zu überprüfen, ob noch alles in Ordnung ist. Würde man eine Drohne einsetzen, könnten sich diese Mitarbeiter darauf konzentrieren, dorthin zu gehen, wo Defekte repariert werden müssen.

Und viele Trassenläufer werden arbeitslos?
Nein, auch nicht unbedingt. Vielleicht können Trassenläufer zusätzliche Aufgaben übernehmen, die bislang vernachlässigt werden. Denkbar ist etwa, dass Unternehmen ihren Service verbessern. Fest steht auch: Die digitale Transformation werden wir nicht aufhalten können. Computer werden allgegenwärtig sein. Womöglich kommuniziert eines Tages meine Tischplatte mit mir.

Vielleicht kommuniziert irgendwann auch ihr Laufschuh mit Ihnen und maßgefertigt wird er auch sein. Adidas will solche Schuhe in Deutschland in einer intelligenten Fabrik fertigen. Glauben Sie an die Rückkehr von Produktion nach Deutschland?
Generell gilt, je mehr ich in Echtzeit entscheiden kann, umso effizienter bin ich. Wer etwa bei Konsumentenprodukten schnell auf sich verändernde Nachfrage reagieren kann, hat Vorteile. Das spricht für kurze Wege und für eine flexible Fertigung auf Abruf, ohne irgendetwas auf Lager zu produzieren. Und es kommt dem Trend zur Individualisierung von Produkten entgegen – wie dem Maßlaufschuh. Endpunkt könnte sein, dass ein Laden nur noch aus einem interaktiven Bildschirm besteht, mit dem der Kunde sein Produkt konfiguriert, das dann auch sofort hergestellt wird. Sei es ein Laufschuh oder eine Jeans.

Können sich solche anspruchsvollen und damit teuren Systeme nur Großkonzerne leisten?
Das ist auch so ein Mythos, wie der vom Ende des Mittelstandes. Digitalisierung bringt neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit – gerade für kleine und mittlere Unternehmen. Etwa wenn Windradhersteller sich zusammentun und gemeinsam oder auch mit freien Entwicklern aerodynamisch optimierte Windradblätter gestalten. So werden Chancen vergrößert statt verkleinert.

Aber in der allumfassenden Vernetzung stecken auch Gefahren. Der Winzer mit dem digitalisierten Weinberg kann vielleicht eines Tages auch automatisierte Verkaufsprogramme betreiben und persönliche Assistenten von Weinkennern kaufen seinen Wein automatisch. Doch das alles kann kollabieren, wenn Fake-News über Rebläuse bei dem Winzer die Runde machen und Assistenten automatisch ihre Kaufprogramme stoppen. Das kann den Winzer ruinieren.
Ihr Beispiel zeigt sehr genau, dass man bei intelligenten Systemen von der ersten Sekunde an das Thema Sicherheit mitdenken muss. Wir arbeiten an vielen Punkten daran, Manipulationen von Systemen bis in die Tiefen hinein zu verhindern. Das ist unerlässlich und muss deutlich an Relevanz gewinnen. Das bedeutet auch, dass wir an sehr robusten Lösungen arbeiten müssen – deshalb dauert es zum Beispiel noch vier Jahre bis das mit dem autonomen Fahren funktioniert.

Haben wir ausreichend rechtliche Werkzeuge, um diese Sicherheit zu erreichen?
Sicher ist, wir brauchen globale Standards. Und wir brauchen vor allem die Legitimation durch die Nutzer. Auf Dauer kommen wir nicht weiter, wenn Menschen in einer Art permanenter Angst leben, dass ihre Daten missbraucht werden könnten. Deshalb besteht die Herausforderung für unsere Branche darin, dass die Menschen souverän und bewusst entscheiden können müssen, welche Daten sie preisgeben, was damit passiert und welchen Nutzen sie davon haben.

Interview: Frank-Thomas Wenzel

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Mobilität

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