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Insolvenz Air Berlin geht das Geld aus

Die Bieter für Air Berlin müssen wohl hohe Risiken in Kauf nehmen. Interessenten, die nicht zum Zug kommen, könnten klagen.

Air Berlin
Die Zukunft von Air Berlin liegt noch im Dunkeln. Foto: dpa

Die Gläubiger von Air Berlin debattieren, wie die insolvente Fluggesellschaft zerlegt werden soll. Ein heikles Unterfangen:  Bieter müssen womöglich hohe finanzielle Risiken in Kauf nehmen,  und die Wettbewerbshüter müssen mitspielen. Wir erläutern, warum ein Kollaps der Airline mit der Einstellung des Flugbetriebs möglich ist.

Worüber diskutieren die Gläubiger?
Lucas Flöther, Insolvenzverwalter für Air Berlin, erläuterte am Donnerstag  den Gläubigern die Angebote, die für die seit gut einem Monat zahlungsunfähige Fluggesellschaft eingegangen sind. Dabei wird es aber nicht nur um Millionensummen gehen, sondern vor allem auch darum, welche Offerten Bestand haben können. Gut möglich, dass noch weitere Gespräche mit potenziellen Investoren nötig werden.  Das Ergebnis der Verhandlungen soll erst Anfang nächster Woche bekannt gegeben werden.

Welche Rolle spielt die Bundesregierung?
Eine entscheidende. Deshalb gab es Medienberichten zufolge auch schon lange vor der Erklärung der Zahlungsunfähigkeit Mitte August Gespräche mit der Bundesregierung über eine Komplett- oder Teil-Übernahme  durch die Lufthansa – schon Anfang des Jahres war klar, dass Air Berlin in akuter Not ist. Branchenkenner sind sich einig: Die Verkündung der Gläubiger-Entscheidung wurde auf nächsten Montag, 25. September, - also nach der Bundestagswahl - verlegt:  Weil mit der Entscheidung auch deutlich werden dürfte,  dass es einen erheblichen Abbau bei den noch rund 8000 Arbeitsplätzen geben wird. Vor allem Jobs in der Verwaltung sind bedroht.

Was  genau hat die Bundesregierung aber nun geregelt?
Die Bundesregierung spielt eine wichtige Rolle, wenn es ums Wettbewerbsrecht geht. Schon seit einigen Wochen soll es deshalb Gespräche mit dem Bundeskartellamt, das dem Wirtschaftsministerium unterstellt ist,  und der EU-Kommission gegeben haben. Mit dem Ziel, eine Lösung zu finden, die die Kartellwächter ohne eine langwierige Prüfung durchwinken können. So soll unter anderen Flaggen ein Großteil des Flugbetriebs nahtlos weitergeführt und ein Großteil der Crews übernommen werden – wenn auch mit einer geringeren Bezahlung.

Warum ist eine schnelle Entscheidung so wichtig?
Air Berlin geht das Geld aus. Die Bundesregierung hat der Airline einen Überbrückungskredit von 150 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Allerdings verbrennt die Gesellschaft auch täglich rund drei Millionen Euro. Ende September soll das Geld aufgebraucht sein, heißt es in der Branche. Bis dahin muss also eine Entscheidung gefallen sein.

Worauf läuft es hinaus?
Es kann nur eine Zerschlagung geben. Das geht auch aus aktuellen Äußerungen von Lufthansa-Chef Carsten Spohr hervor. Er hat betont, dass er an insgesamt maximal 78 der 144 Maschinen von Air Berlin interessiert ist. Dazu zählen die 38 Jets, die die Kranichgesellschaft nebst Crews schon von Air Berlin für sechs Jahre gemietet hat. Die übrigen mindestens 66 Jets würden an andere Airlines gehen. Zu den aussichtsreichsten Kandidaten zählen die britische Easyjet, die IAG , dahinter stehen British Airways und Iberia. Sowie ein Konsortium aus dem Ex-Rennfahrer Niki Lauda und dem Ferienflieger Condor. Wobei diese Bieter ausschließlich an der Kurz- und  Mittelstrecke nebst entsprechender Start- und Landerechte (Slots) und dazu passenden Maschinen und Crews interessiert sind. Vieles spricht dafür, dass das Interkontinentalgeschäft von Air Berlin kurzfristig eingestellt wird – angeblich wollen Leasinggesellschaften  zehn der 17 an die Berliner vermieteten Langstrecken-Jets vom Typ Airbus A330 schon nächste Woche abziehen, um sie an andere Airlines weiterzugeben.

Was könnte das Aufteilen von Air Berlin noch blockieren?
Klar ist, die Entscheidungen Anfang nächster Woche können nur vorläufig sein.  Bis alles auch rechtlich unter Dach und Fach ist und alle Verträge unterschrieben sind, werden nach Einschätzung von Experten noch  drei Monate vergehen. Bieter, die zum Zuge kommen, sollen verpflichtet werden, für diese Zwischenzeit für die Unternehmensteile, die sie haben wollen, finanziell gerade zu stehen. Das kann ganz schnell zu finanziellen Belastungen von mehreren hundert Millionen Euro pro Bieter führen.

Worin liegt das Risiko?
Es besteht die Möglichkeit, dass Interessenten, die nicht zum Zuge kommen, gegen die Entscheidung des Gläubigerausschusses klagen. Das kann einerseits  endgültige Entscheidungen erheblich herauszögern und sogar dazu führen, dass Beschlüsse revidiert und umgestrickt werden müssen. Wer sich da finanziell engagiert, läuft also Gefahr, viel Geld zu verlieren. Die Lufthansa soll dennoch bereit sein, dieses Risiko einzugehen. Bei Easyjet etwa soll diese Bereitschaft erheblich geringer ausgeprägt sein.

Wer könnte klagen?
Offerten für Air Berlin als Ganzes, die sich erheblich über einem angemessenen Wert bewegen sollen,  liegen unter anderem von den Unternehmern Hans Rudolf Wöhrl und Utz Claassen vor, wobei Zweifel bestehen, ob deren Angebot seriös finanziert sind. Beide gelten in der Branche als schwer berechenbar. Sie könnten Klagen einreichen. Es kursiert in diesem Zusammenhang die Spekulation, dass sie bluffen und es nur darauf abgesehen haben, von ernsthaften Bietern für einen Verzicht auf Klagen eine Gegenleistung zu verlangen – etwa in Form von Geld.

Worauf könnte das Pokerspiel  hinauslaufen?
Der Plan mit der Zerlegung von Air Berlin, aber einer weitgehend nahtlosen Fortführung des Flugverkehrs könnte in sich zusammenbrechen:  Wenn Investoren sich zurückziehen, würde Air Berlin das Geld sehr schnell ausgehen. Eine Einstellung des Flugbetriebes, das sogenannte Grounding, wäre die Folge. „Ich gehe davon aus, dass am 25. September der Drops noch längst nicht gelutscht sein“, sagte Gerald Wissel, Chef des Beratungsunternehmen Airborne Consulting, dieser Zeitung und fügt hinzu. „Die Wahrscheinlichkeit eines Groundings von Air Berlin schätze ich auf 50:50.“       

Welche Folgen hätte die Einstellung des Flugbetriebes?
Airlines, die nicht mehr fliegen können, müssen ihre Slots abgeben, sie werden dann von der Flughafenkoordination der Bundesrepublik Deutschland neu verteilt. Die Behörde bevorzugt dabei an den jeweiligen Airports Fluglinien, die bislang dort noch nicht präsent sind. Wer dann zum Zuge kommt, muss aber sofort einen Flugbetrieb aufziehen, um seine Slots zu nutzen.

Wer könnte zu den Nutznießern eines Groundings gehören?
Vor allem der Billigflieger Ryanair. Wissel vermutet, dass die Iren auch aus diesem Grund derzeit Flüge in größerer Zahl absagen. So können Flugzeuge und vor allem Crews geschont werden – für den Fall dass kurzfristig Slots hinzukommen. Es könnten bis zu 40 zusätzliche Jets inklusive Besatzung benötigt werden. Dabei muss man wissen, dass bei Ryanair die Personaldecke bei den Piloten extrem dünn ist. Die Einsatzzeiten der Flugzeugsführer werden ohnehin schon bis an die Grenze des Zulässigen ausgereizt. Und Ryanair könnte im Gegensatz zu Easyjet oder Lufthansa kaum  Flugzeuge und Piloten von Air Berlin  übernehmen. Denn die Iren setzen nur die 737 von Boeing ein. Air Berlin verfügt aber nur über einige wenige Maschinen diesen Typs.           

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