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Insektensterben Wen kümmern die Insekten?

Das rasante Sterben der Kerbtiere ist alarmierend. Für weiteres Zögern ist keine Zeit mehr, Entscheidungen müssen her. Die Analyse.

Biene an einer Blume
Das Insektensterben nimmt dramatische Züge an. Dabei sind beispielsweise Bienen wichtig. Foto: imago

Krefelder Insektenforscher haben mit fatalen Zahlen zum Schwund der Kerbtiere die Republik wach gerüttelt. Seit 1989 ist die Masse der Insekten um durchschnittlich 76 Prozent zurückgegangen. Doch Konsequenzen zum Verlust der Artenvielfalt kommen nur schleppend voran. Zwar schwärmt Bundesumweltministerin Svenja Schulz (SPD) in ihrem Aktionsprogramm Insektenschutz, das sie Mitte Oktober präsentierte, von einer Landwirtschaft, die „Insekten nicht schadet, sondern ihr Überleben ermöglicht“.

Auch zum Thema Glyphosat hat die Sozialdemokratin einen Fahrplan vorgelegt, der das umstrittene Total-Herbizid vom Acker drängen soll. Leider aber erschöpft sich vieles in Allgemeinplätzen. Eine durchschlagende, in die Fläche der deutschen Land(wirt)schaft wirkende Strategie fehlt.

Zudem redet die Agrarindustrie die überfällige Ökologisierung der Landwirtschaft klein. Wenn etwa Helmut Schramm, Geschäftsführer von Bayer CropScience, im „Tagesspiegel“ behauptet, ohne Glyphosat wäre die Unkrautbekämpfung nicht nur schwieriger, sondern auch weniger nachhaltig, denn Bauern müssten mehr pflügen, was der Biodiversität schade, dann zeigt dies nur eins: Die Industrie legt falsche Spuren. Es bleibt ein Bayer-Geheimnis, wie der Pflug mehr Schaden anrichtet als ein Gift, das alles pflanzliche Leben auslöscht – und das daran gekoppelte Insekten- wie Vogelleben gleich mit.

Der Hilferuf der Wissenschaft hingegen ist deutlich: „Der dramatische Rückgang der Insekten“, heißt es in einem aktuellen Aufruf eines internationalen Insektensymposiums aus Stuttgart, „hat in Mitteleuropa inzwischen alarmierende Ausmaße erreicht“. Ihn zu meistern, „bedarf es jetzt eines gemeinsamen gesellschaftlichen Kraftaktes, um eine der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu bewältigen“.

Klare Worte

Das sind klare, ungewohnte Worte, und tatsächlich mehren sich die Stimmen jener Forscher die den Verlust der Artenvielfalt als verheerender beurteilen als die Folgen des Klimawandels. Diese neue Gewichtung wird von der Politik ausgeblendet, zumal von deren Agrarexperten.

Die Wissenschaft verlangt neue Methoden bei der Zulassung von Pflanzenschutzmitteln: Auch indirekte Wirkung auf Biosphäre sowie Langzeitwirkungen im Ökosystem müssen in das Verfahren einfließen. Neonikotinoide und andere systemisch, also über alle Pflanzenteile wirkenden Pestizide sollten im Freiland vollständig verboten werden. Tatsächlich aber drängen nach dem Verbot von drei Neonikotinoiden andere problematische Insektizide auf den Markt, deren Wirkung ähnlich fatal ist, allen voran das von Dow Chemical entwickelte Sulfoxaflor.

Die Umweltministerin verweist im zentralen Punkt, nämlich einer flächendeckenden Reduzierung der Pestizide, auf weitere Forschung, weitere Programme – und natürlich die Europäische Union. Von der aber wird nichts kommen, denn die Pläne von Agrarkommissar Phil Hogan gehen in eine andere Richtung: Statt die im Kern sinnvollen ökologischen Vorrangflächen endlich auf ein im Sinne der Artenvielfalt ausreichendes Maß auszudehnen, werden sie abgeschafft. Künftig bleibt es den Mitgliedsstaaten überlassen, für ein bisschen Artenvielfalt zu sorgen. Es bedarf keiner großen Phantasie, um sich vorzustellen: Das wird ein Wettlauf der Länder nach unten.

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