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Innovationen Das Kaninchen vor der Schlange

Die Investitionen der Autobauer in neue Fabriken brechen laut einer Studie ein.

BMW
Produktion von Elektroautos im BMW-Werk in Leipzig. Foto: rtr

So viel Wandel war noch nie in der Autobranche. Und dann das: Die 16 größten Autobauer der Welt haben im vergangenen Jahr die Investitionen in ihre Werke massiv zurückgefahren. Doch bei genauerem Hinschauen wird klar: Beides passt zusammen. Die Lage ist extrem vertrackt. Zu neuen Technologien wie der E-Mobilität kommen potenzielle Handelshemmnisse – siehe Brexit und US-Präsident Donald Trump. Gleichwohl könnte der Standort Deutschland langfristig profitieren.

Nach den Erhebungen des Beratungsunternehmens EY haben die wichtigen Hersteller im vergangenen Jahr weltweit nur noch 16,3 Milliarden Euro investiert – nach 52,4 Milliarden im Vorjahr. Aufgeschlüsselt nach Regionen ging es am stärksten in Westeuropa zurück. Allein in Deutschland schrumpfte die Investitionssumme um rund elf Milliarden Euro auf noch 1,3 Milliarden. Das alles hängt noch immer mit der schweren Autokrise der Jahre 2009/2010 zusammen. Damals wurden Projekte gestoppt. Nach der Erholung folgte ein Boom. 2012 bis 2015 wurden Investitionen mit einem Gesamtvolumen von 140 Milliarden Euro angestoßen. Das alles müsse nun erst einmal umgesetzt und abgeschlossen werden, so Peter Fuß, EY-Experte für den Automobilsektor. Vor allem in den USA wurden in den vergangenen Jahren teils völlig überalterte Fertigungsanlagen modernisiert. Zugleich entstanden aber auch neue Werke. Hier lag der Schwerpunkt aber auf China.

Unterm Strich wurden die Produktionskapazitäten der Branche spürbar ausgebaut. Doch in Anbetracht des erwarteten schwächeren Absatz-Wachstums dürfte die Branche für die nähere Zukunft „mehr als gerüstet sein“, betont der EY-Experte. Größere Investitionen in Produktionskapazitäten seien vorläufig kaum zu erwarten und wären auch nicht zu rechtfertigen. Viele Branchenkenner gehen sogar davon aus, dass es in Europa mit einer stagnierenden bis rückläufigen Nachfrage sogar zu viele Fabriken gibt – so wird etwa gemutmaßt, dass es im Zuge der Übernahme von Opel durch die französische Peugeot-Mutter PSA hierzulande Jobabbau und Werkschließungen geben könnte – in der Periode 2010 bis 2016 sind laut EY-Berechnungen in Deutschland indes rund 19 000 neue Arbeitsplätze entstanden. Fest steht: Ein Investitionszyklus in der Autobranche ist im vergangenen Jahr zu Ende gegangen, doch ein neuer hat noch nicht begonnen. Wo es langgehen soll, ist den Managern im Moment offenbar noch nicht ganz klar.

Fuß bezeichnet die aktuelle Lage als „unübersichtlich“. Er meint damit einerseits geopolitische Verwerfungen. Noch ist offen, was der Brexit für die Autobranche bedeutet: Fallen für die Einfuhr von Fahrzeugen nach Großbritannien künftig Importzölle an? Gilt das auch für Komponenten, die für dortige Werke deutschen Firmen etwa BMW bestimmt sind? Macht US-Präsident Trump seine Drohungen wahr, bei denen es ebenfalls um Abgaben auf Importe geht? Lassen sich diese umgehen? Fuß spricht von einer neuen Qualität, was die Vielzahl und die rasche Abfolge „unvorhergesehener Veränderungen“ anlangt.

Doch die schwierigste Frage ist: In welche Technologien soll investiert werden? Die Automobilindustrie steht an einer Zeitenwende. Beinahe sprichwörtlich ist der Slogan von General-Motors-Chefin Mary Barra, wonach sich die Branche in den nächsten fünf Jahren stärker verändern wird als in den 50 Jahren davor.

Es geht um Elektromobilität

Der Autoforscher Stefan Bratzel erwartet, dass Stromer 2025 einen weltweiten Marktanteil von bis zu 25 Prozent haben könnten. Das heißt aber auch, dass drei von vier Autos noch immer mit konventionellen Antrieben unterwegs sein werden, dass es noch immer Antriebsstränge mit Verbrennungsmotoren und angehängten Getrieben geben wird. Auch die müssen effizienter werden, wollen die Autobauer die weltweit schärferen Abgasnormen erfüllen. Zugleich muss Neues aufgebaut werden. Bratzel beschreibt 2016 als „mentalen Tipping-Point“ für die Durchsetzung der E-Mobilität. Der Abgasskandal, die Umweltziele der Regierungen und die staatliche Förderung der Stromer hätten eine „enorme Eigendynamik“ ausgelöst.

Doch für die Produktion eines Elektroautos benötige man weniger und zum Teil völlig andere Hardware-Komponenten, betont Oliver Schweizer, EY-Experte für Gewerbeimmobilien. Die Anforderungen an Fertigungsstätten und Infrastruktur würden sich ändern. Insbesondere die Produktion des Antriebsstrangs bei E-Autos ist einfacher als bei Verbrennern. Der bislang wichtige Faktor Lohnkosten wird deshalb in den Hintergrund treten, Logistik bedeutender werden. Deutschland könnte davon profitieren. Die Herausforderung sei einen möglichst großen Teil der anstehenden Großinvestitionen – etwa in der Batterieproduktion – in Deutschland anzusiedeln.

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