Lade Inhalte...

ING-Diba Endloses Wachstum oder der kranke Mann Europas

ING-Diba-Chefvolkswirt Carsten Brzeski spricht im FR-Interview über düstere und schöne wirtschaftliche Zukunftsszenarien für Deutschland, den Handelskrieg und die EZB.

Carsten Brzeski
Carsten Brzeski ist seit 2013 Chefvolkswirt der niederländischen ING Diba in Deutschland. Foto: ING Diba

Als wir Carsten Brzeski in seinem Frankfurter Büro nahe der Messe treffen, sind die jüngsten Konjunkturdaten für die Bundesrepublik wenige Minuten alt. Der Chefvolkswirt der ING Diba in Deutschland hat sich aber am Morgen bereits mit einer Analyse zu Wort gemeldet. So hektisch wie in der Branche üblich geht es also auch beim deutschen Ableger der holländischen Finanzgruppe zu. Insgesamt wirkt bei der ING Diba aber alles etwas legerer und lockerer als bei anderen Großbanken.

Herr Brzeski, wenn wir in zehn Jahren auf heute zurückblicken, werden wir dann voller Wehmut sagen: So gut ging es uns nie wieder?
Ich will nicht schwarzmalen. Die Gefahr besteht aber in der Tat, dass wir 2028 im Rückblick sagen werden: Es ging uns damals extrem gut. Wir haben seit zehn Jahren fast ununterbrochenes Wachstum, Rekordbeschäftigung, eine außergewöhnlich niedrige Arbeitslosigkeit. Es könnte aber vieles auch noch besser laufen. Nehmen Sie die Verteilung, den Niedriglohnsektor mit sieben Millionen Betroffenen. Es geht nicht allen gut, wohl aber der Volkswirtschaft als Ganzem. 

Die Frage zielte auch darauf, ob wir das Beste vielleicht hinter uns haben. Hat der lange Aufschwung seinen Höhepunkt überschritten? 
Die ehemalige Fed-Vorsitzende Janet Yellen sagte einmal, dass Aufschwünge nie an Altersschwäche sterben. Das gilt auch aktuell wieder. Es sind immer wieder externe Faktoren, die einen Aufschwung beenden. Notenbanken, die zu schnell und zu stark die Zinsen erhöhen, Finanzkrisen, oder wie aktuell ein möglicher Handelskrieg. All das nimmt nicht weg, dass wir uns in Deutschland an einer interessanten Kreuzung befinden. Die nächsten zehn Jahre können in zwei Richtungen führen: Nahezu endloses Wachstum à la Australien oder aber erneut der kranke Mann Europas. Wenn weiterhin nicht investiert wird, Strukturreformen verzögert werden und Digitalisierung weiterhin verschlafen wird, werden wir in einem Jahrzehnt sagen: 2018 war das Beste, was wir hatten. Danach ging es langsam bergab.

Was muss passieren, um das zu verhindern?
Das ist die Alternative, die zweite Richtung. Die Verantwortlichen nehmen die Warnungen und Mahnungen von der Europäischen Kommission, von der OECD, von allen internationalen Experten ernst. Sie nutzen die starke Ausgangsposition, um die Infrastruktur, die digitale Ausstattung und Kompetenz und die Bildung zu modernisieren, um neue Arbeitskräfte in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Dann war 2018 ein Zeitpunkt mit Zweifeln, letztlich aber nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zu einer noch besseren wirtschaftlichen Zukunft. 

Aus Ihrer Antwort lässt sich deutlich Ihre Skepsis heraushören, dass der Politik die richtige Weichenstellung gelingt. 
Im jüngsten Ranking des Weltwirtschaftsforums in Davos ist Deutschland von Rang sechs der wettbewerbsfähigsten Standorte im Jahr 2014 auf Platz 15 abgerutscht. Deutschland büßt bei sehr starkem Wachstum an Konkurrenzfähigkeit ein. Es genießt die gute konjunkturelle Lage und ignoriert den Wandel im Hintergrund. Wir haben uns durch die superstarke Industrie einen Vorteil erarbeitet, drohen aber jetzt bei der Digitalisierung diesen Vorsprung zu verlieren.

Also besteht jetzt noch die Chance gegenzusteuern?
Absolut. Wir haben die historische Chance, um in wirtschaftlich guten Zeiten die Weichen für eine noch positivere Zukunft zu stellen, und nicht erst auf die nächste Rezession warten zu müssen. Wenn ich mir aber den Koalitionsvertrag oder auch die Haushaltsplanung der Bundesregierung anschaue, stelle ich fest: Alle guten Absichten stehen darin. Aber es fehlt an Entschlossenheit. Da sehe ich viel deutsche Vorsicht und Behutsamkeit. Die Gefahr ist groß, dass Deutschland die Zukunftsaufgaben halbherzig angeht.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen