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IBM „Ich verstehe die Berührungsängste“

IBM-Deutschland-Chef Matthias Hartmann spricht mit der FR über die Bedeutung von Start-ups, die Sicherung von Kundendaten und Künstliche Intelligenz.

IBM-Roboter auf der Cebit 2016
IBM hat seine künstliche Intelligenz konsequent im eigenen Haus gebaut. Auch dieser Roboter ist Teil des KI-Systems „Watson“. Foto: afp

Gleich bei der Begrüßung outet sich Matthias Hartmann als Eintracht-Fan. Und während des Interviews wird deutlich, dass der gebürtige Frankfurter es auch beruflich sportlich nimmt. Der Deutschland-Chef von IBM preist den Wettbewerb durch die Start-up-Kultur, weil dies die Aufmerksamkeit für Technologiethemen erhöhe. Zugleich warnt er aber vor neuen Geschäftsmodellen, die nur darauf abgestellt sind, Daten von Nutzern auszubeuten. 

Herr Hartmann, in der IT-Branche gibt es eine Tendenz, dass Innovationen wieder verstärkt von großen Konzernen und weniger von Start-ups kommen. Was steckt dahinter?
Ich habe in meiner Karriere 25 Jahre für die IBM gearbeitet. Dann war ich in der Marktforschung und danach habe ich mich sehr intensiv mit der Start-up-Szene – Wagniskapital und so weiter – beschäftigt. Und jetzt bin ich wieder bei IBM. Deshalb weiß ich, worauf Sie anspielen. Ich weiß, dass Innovation und Innovationskraft keine Frage der Größe des Unternehmens ist. Die Landschaft ist bunter. 
 
Was ist denn dann maßgeblich?
Ich glaube, gerade bei neuen Technologien wie Künstlicher Intelligenz ist der entscheidende Punkt, wenn die Phase der Pilot-Projekte verlassen wird und Anwendungen im großen Stil eingesetzt werden sollen. Etwa für einen Kunden, der in 80 oder 100 Ländern aktiv ist. Das müssen sie dann mit einer bestimmen Leistungskraft hinterlegen. Da fehlt Start-ups dann häufig auch die finanzielle Potenz. Deshalb finden kleine, kreative Firmen dann Eingang in große Unternehmen.

Aber IBM hat seine Künstliche Intelligenz, das Watson-System, konsequent im eigenen Haus entwickelt.
Das ist richtig. Der Watson, der einst in der US-Quizshow Jeopardy gewann, hat sich mittlerweile radikal verändert. Was ein Rechner war, der das gesamte Internet eingebunden hatte, ist heute ein über die Daten-Cloud konsumierbarer Service. Diese Technologie verbreitet sich jetzt mit enormer Geschwindigkeit. Ich gehe davon aus, dass Künstliche Intelligenz in absehbarer Zeit zur Standardausstattung von Unternehmen wird. Das alles ist – zugespitzt ausgedrückt – nicht mehr die Welt der Kapuzenpullover und weißen Sneaker. 

Brauchen wir wirklich noch die sogenannte Start-up-Kultur, die von Politikern noch immer in den Himmel gehoben wird? Zumal das doch in der Regel eine ziemlich bittere Angelegenheit ist. Mehr als 90 Prozent der Start-ups scheitern. Die Beschäftigten arbeiten oft für sehr wenig Geld bis zum Umfallen. 
Ich würde das etwas neutraler sehen. Ich glaube, es tut dem Entwicklungs- und Innovationsstandort Deutschland durchaus gut, eine Gründerkultur verstärkt zu haben, die auch mit Geld relativ gut unterstützt wird. Gleichwohl kommt es ganz bestimmt in dieser Szene auch zu Übertreibungen. Aber ich schaue lieber auf das halbvolle als auf das halbleere Glas. Und dann muss man feststellen, dass es wichtig ist, Technologiethemen in Deutschland stärker zu betonen. Start-up muss ja nicht immer der coole Loft in Berlin sein. In Frankfurt oder München tut sich auch sehr viel.

Wollen Sie damit auch sagen, dass es gut ist, wenn Gründer Riesen wie IBM auf die Sprünge helfen?
Ich möchte diese Frage mit dem Blick auf unsere Ökonomie beantworten. Eine wichtige Entwicklung ist, dass sich nach wie vor alle zwei Jahre, die Rechnerkapazität verdoppelt. Zweitens haben wir gesehen, dass sich eine Plattform- und Netzwerkökonomie in beinahe allen Bereichen der Wirtschaft entwickelt hat. Was wir jetzt sehen, ist eine Informations- und Wissensökonomie, die mit exponentieller Geschwindigkeit Informationen erzeugt und über das Internet verbreitet. Das kann nur mit Künstlicher Intelligenz zugänglich gemacht werden. 
 
Der IT-Pionier Jaron Lanier hat kürzlich berichtet, dass so ziemlich alle Start-ups im Silicon Valley es letztlich darauf abgesehen haben, Nutzerdaten zu sammeln und zu verwerten – sei es mit Leihfahrrädern oder mit Kochrezepten. Werden solche Geschäftsmodelle nicht langsam prekär – nach Datenskandalen bei Facebook und Co?
Das ist jedenfalls nicht unser Geschäftsmodell. Ganz klar: nein. Wir spüren ganz deutlich, dass die Sensibilität in puncto Daten auch bei Unternehmen massiv steigt. Unsere Grundsätze sind Klarheit und Offenheit, und ich spüre deutlich, das wird honoriert.
 
Welche KI-Anwendungen sind schon heute erfolgreich?
70 Prozent der Anfragen in Call Centern sind Standardfragen, die Chat-Bots beantworten können. Schauen Sie sich eine Versicherung an: Über einen Chat-Bot können Sie als Kunde der Versicherung sehr schnell und effektiv Informationen bekommen. Etwa wenn Sie bei einem Autounfall Hilfe brauchen. Sie rufen an und merken gar nicht, dass Sie mit einem Computer reden. Solche Anwendungen werden sich immer tiefer in den Alltag integrieren.
 
KI und Wissensökonomie schrauben zugleich die Anforderungen an die Sicherheit der Daten und an einen transparenten Umgang mit Daten exponentiell in die Höhe. Zeigt nicht die massiv steigende Zahl von Hackerangriffen, dass die IT-Branche mit ihren Sicherheitskonzepten da nicht mehr mitkommt?
Zunächst einmal: Ich stimme Ihnen zu, was Sicherheitsanforderungen angeht. Aber ich sage zugleich, dass wir die Aufgaben der Sicherheit und Transparenz bewältigen können. Erstens bauen wir die Schutzmechanismen mit großem Aufwand permanent weiter aus. Auch dabei spielt KI eine immer wichtigere Rolle, etwa um Angriffe analysieren und voraussehen zu können. Zweitens machen wir transparent, was und wie Watson lernt und wie Watson zu Schlussfolgerungen kommt. Drittens sagen wir, die Daten sind Daten unserer Kunden. 
 
Was bedeutet das konkret?
Wenn ich beispielsweise mit einer Krankenkasse ein Konzept für den Einsatz der Gesundheitsakte entwickele, dann nehme ich nicht die Erkenntnisse aus diesem Projekt, um bei anderen Krankenkassen daraus Profit zu schlagen. Das halte ich für ganz wesentlich. Da haben andere Wettbewerber ganz andere Mechanismen. Und Sicherheit muss da oberste Priorität haben. Wenn Kunden uns nicht vertrauen, können wir keine Geschäfte machen. So einfach ist das. Aber wissen Sie, warum immer mehr Unternehmen ihre Daten in die Cloud auslagern?
 
Verraten Sie es?
Weil die Firmen die Sicherheitssoftware im eigenen Haus gar nicht mehr betreiben können.
 
Schon allein, weil es schwer ist, Fachleute dafür zu finden?
Wir haben alle das gleiche Problem. Neue Technologien entwickeln sich rasend schnell, wir haben nicht genug Menschen, um das zu vermitteln und das einzusetzen. Wir suchen alle die gleichen Fachleute für Datenanalysen, wir suchen alle die gleichen Studenten für maschinelles Lernen, von denen es zu wenige gibt. 
 
Zurück zum Schutz der Daten. War die Datenschutzgrundverordnung der EU überfällig? 
Wir brauchen klare Regeln, keine Frage. Datenschutz ist das A und O für unsere Branche, deshalb macht die Branche auch enorme Anstrengungen, um dies zu gewährleisten. Die Datenschutzgrundverordnung ist der richtige Weg, um Daten besser zu schützen. Über das „Wie“ der Umsetzung können wir lange streiten. Wir brauchen strenge Regeln, aber die dürfen nicht so restriktiv sein, dass wir in Europa nicht mehr wettbewerbsfähig sind.
 
Zynisch formuliert, müssen wir uns da doch keine Gedanken machen. Die Datenschützer kritisieren viele fragwürdige Bestimmungen, etwa dass die als relativ lax geltende irische Datenschutzbehörde jetzt unter anderem für Google und Facebook europaweit verantwortlich ist. 
Geschäftsmodelle, die darauf ausgelegt sind, die Daten von Nutzern auszunutzen, gehören zu Recht auf den Prüfstein.
 
Aber wenn ich beispielsweise an den Chef eines mittelständischen Autozulieferers denke, der Achsschenkel herstellt, dann kann ich mir gut vorstellen, dass allein der Begriff Künstliche Intelligenz ihn abschreckt. Erst recht wenn er negative Erfahrungen mit Sprachassistenten gemacht hat.
Watson kann ja deutlich mehr als ein Sprachassistent. 2017 hatten wir weltweit eine Milliarde Konsumenten die auf irgendeine Art und Weise an Watson partizipieren. Auch der neue Sprachassistent von Daimler, „Ask Mercedes“, arbeitet mit Watson. Das Watson-System ist längst integraler Bestandteil vieler Software-Produkte. Gleichwohl, ich verstehe die Berührungsängste. Aber ich kann Mittelständlern nur empfehlen, sich KI genauer anzuschauen. Aber bitte nicht gleich mit dem dicksten Brett beginnen! 

Interview: Frank-Thomas Wenzel   

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