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Hubertus Heil „Wir können uns keinen Jugendwahn mehr leisten“

Arbeitsminister Hubertus Heil spricht im Interview über die Lage der SPD, den digitalen Wandel und seine Konzepte für die Arbeitswelt der Zukunft.

Volkswagen startet Qualifizierungsoffensive
Besuch vor Ort: Heil lässt sich in der Ausbildungswerkstatt von Volkswagen die Wartung eines elektronisch betriebenen VW Golf zeigen. Foto: dpa

Herr Heil, die SPD ist bei der bayerischen Landtagswahl unter 10 Prozent gefallen, auch bundesweit liegt sie in Umfragen hinter den Grünen. Wird auf dem Totenschein der SPD die Ursache „Große Koalition“ stehen?
Es wird keinen Totenschein geben. Ich gebe aber zu: Jeder, der ein sozialdemokratisches Herz hat wie ich, ist tief verletzt über dieses niederschmetternde Ergebnis in Bayern. Bei der Landtagswahl in Hessen sind die Chancen allerdings ungleich besser.
 
Die bisherige Regierungszeit mit der Union im Bund lässt sich in etwa so beschreiben: Die CSU sucht die Konfrontation mit der CDU – und am Ende hat die SPD die schlechtesten Umfragewerte und Wahlergebnisse…
Das ist kein Naturgesetz. Richtig ist: Die Koalitionskrisen, die uns die CSU beschert hat, haben die Außenwahrnehmung komplett verhagelt. Wir bringen gute Gesetze auf den Weg. Ich hatte als Minister gerade einen Bürgerdialog in Essen. Die Menschen dort haben gesagt: „Macht doch mal einen sozialen Arbeitsmarkt. Macht ein Gesetz zur Rückkehr von Teilzeit in Vollzeit.“ Das alles tun wir. Doch viele bekommen es wegen des Begleitlärms überhaupt nicht mit. Unsere Aufgabe ist es jetzt, zu vermitteln, dass die Koalition tatsächlich daran arbeitet, den Alltag der Menschen konkret zu verbessern und dem Land Perspektive und Sicherheit zu geben.

Der Bürgerdialog, den Sie gerade in Essen gestartet haben, dreht sich um die Entwicklung der Arbeitswelt in Zeiten der Digitalisierung. Warum müssen Sie noch umständlich und monatelang reden, statt schnell zu handeln?
Wir handeln. Wir wollen aber auch weiterdenken. Die große Aufgabe ist: Wie schaffen wir es, dass die Arbeitnehmer von heute auch die Jobs von morgen ausfüllen können? Die Arbeit geht uns zwar nicht aus, sie verändert sich aber gewaltig. Mit dem Qualifizierungschancengesetz werden wir ganz konkret Unternehmen im Strukturwandel mit Mitteln der Bundesagentur für Arbeit finanziell unterstützen, die selbst in die Weiterbildung ihrer Arbeitnehmer investieren. 
 
Die Arbeitslosenversicherung hat bekanntermaßen nicht endlos Geld. Wie viel kann tatsächlich für Qualifizierungen dazugegeben werden?
Das ist eine Ermessensleistung der Arbeitsagenturen. Kleine Unternehmen, die sich der Aufgabe stellen, werden im Verhältnis stärker unterstützt werden als große Konzerne. Die gute Konjunktur beschert uns Überschüsse in der Arbeitslosenversicherung. Wir investieren den einen Teil davon in die Senkung der Beiträge, den anderen in die Qualifizierung. Das ist der erste wichtige Schritt von einer Arbeitslosenversicherung hin zu einer Arbeitsversicherung. Wir wollen Arbeitslosigkeit durch Qualifizierung verhindern, bevor sie entsteht.
 
Die SPD ist mit dem Arbeitslosengeld Q in den Wahlkampf gezogen, einer Leistung, die für die Zeit der Qualifizierung gezahlt werden sollte. Das haben Sie nicht im Koalitionsvertrag verankern können. Was können Sie dem Facharbeiter, der seinen Job wegen des digitalen Wandels verliert, bieten?
Mit dem neuen Gesetz – das übrigens auch weit über den Koalitionsvertrag hinausgeht – setzen wir bereits vorher an: Wir wollen etwas tun, damit die Menschen gar nicht erst arbeitslos werden. Das ist das beste Mittel. Im Übrigen erleichtern wir Menschen, die häufiger in kurzfristigen Beschäftigungen sind, künftig den Bezug von Arbeitslosengeld I. 
 
Wer mit Mitte 50 arbeitslos wird, hat oft keine Chance, eine neue Stelle zu finden. Wie wollen Sie einen Kulturwandel in den Unternehmen bewirken, mit dem sich das ändert?
Wir können uns keinen Jugendwahn in der Wirtschaft mehr leisten. Fachkräftemangel ist bereits in einigen Regionen Deutschlands eine Wachstumsbremse. Kluge Unternehmen haben das erkannt. Mein Appell an die gesamte deutsche Wirtschaft lautet: Erkennt, was es in diesem Land an Arbeitskräftepotenzial gibt – auch und gerade bei den älteren Beschäftigten!

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