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Honorarkräfte Prekäre Lehrer

Lebenslanges Lernen gilt in Deutschland als gesellschaftliches Ziel. Doch viele Selbstständige in der Weiterbildungsbranche können von den Honoraren kaum leben. Bleiben mehr als 1000 Euro nach Abzug der Sozialabgaben übrig, ist es ein guter Monat. Eine betroffene Lehrerin schildert ihre Lage.

Auch für Integrationskurse ist das Budget knapp. Foto: imago/michael

Was genau bedeutet eigentlich prekäre Beschäftigung? Ruth Welsch kennt die Antwort. Jeden Monat hält die 50-Jährige sie in Form ihres Kontoauszugs in den Händen. Meist sind darauf mehrere Zahlungseingänge verzeichnet – die Honorar-Zahlungen ihrer Auftraggeber. Wenn alles gut läuft, ergeben sie zusammen einen mittleren vierstelligen Betrag. Dann beginnt das Rechnen. Welsch zieht die Krankenkassenbeiträge ab, die Rentenversicherung, manchmal auch schon die Steuer. Wenn am Ende mehr als 1.000 Euro übrig bleiben, ist es ein guter Monat.

Ruth Welsch – die eigentlich anders heißt – ist selbstständige Lehrkraft in der Weiterbildung. Sie gibt Kurse in diversen Programmiersprachen und in Grafikdesign für verschiedene Träger. Darunter solche, die sich der Weiterbildung von Arbeitslosen widmen und ihr Geld von der Bundesagentur für Arbeit beziehen. Eine wichtige Aufgabe, wenn man den Verlautbarungen von Politikern und Wirtschaftsvertretern glauben möchte. Schließlich gilt lebenslanges Lernen als gesellschaftliches Ziel. „Wirklich ernst genommen wird das nicht“, sagt Ruth Welsch. Aus- und Weiterbildung ist längst ein eigenständiger Wirtschaftszweig. In Deutschland sind darin etwa 650.000 Dozenten tätig. Mehr als zwei Drittel der Beschäftigten arbeitet auf eigene Rechnung als Honorarlehrkraft. Für die meisten ist dies eine Nebentätigkeit. Doch rund 150.000 Menschen, zu denen auch Ruth Welsch gehört, üben diese Tätigkeit hauptberuflich aus, versuchen davon ihr Leben zu finanzieren. Das ist nicht einfach.

Kein Ausgleich bei Ausfall

Rund 62 Prozent aller hauptberuflichen Honorarlehrkräfte müssen mit einem monatlichen Bruttoeinkommen von 1.750 Euro oder weniger auskommen. Das ergab eine bislang unveröffentliche Studie des Instituts für berufliche Aus- und Weiterbildung an der Universität Duisburg-Essen, deren Ergebnisse der Berliner Zeitung vorliegen. Zum Vergleich: Der monatliche Mindestlohn für einen nicht-ausgebildeten Hilfsarbeiter im westdeutschen Baugewerbe beträgt 1.915 Euro. Und dieser hat eine deutliche geringere Abgabenlast zu stemmen, als eine selbstständige Lehrkraft. Denn Honorarkraft ist die freundliche Umschreibung für oft unfreiwillige Selbstständigkeit. Rein rechtlich sind die Dozenten nur über einen Werkvertrag mit dem jeweiligen Träger ihres Bildungsangebots verbunden. Das spart dem Träger den Arbeitgeberanteil an den Sozialabgaben, wie Kranken- und Rentenversicherung, der von den Dozenten selbst getragen werden muss.

Bezahlt werden die Lehrkräfte pro gehaltener Unterrichtseinheit – die meist 45 Minuten entspricht. Fällt diese aus, etwa wegen mangelnder Teilnehmerzahl, wird sie nicht vergütet. Ruth Welschs Honorare bewegen sich meist um die 20 Euro. Seit fast 16 Jahren arbeitet sie als Honorarlehrkraft. „Es hat immer mal wieder Schwankungen gegeben, aber im Grunde sind wir immer noch auf dem Niveau von 1997“, sagt sie. Tatsächlich scheinen diese 20 Euro eine Art inoffizielle Obergrenze für die meisten Bildungsträger zu sein. Laut einer Analyse des Netzwerks Weiterbildung innerhalb der Gewerkschaft Verdi lagen Anfang 2012 knapp 65 Prozent der gemeldeten Honorarsätze je Unterrichtseinheit im Bereich zwischen 10 und 20 Euro. „Die große Masse pendelt im Bereich von 20 Euro. Das ist das Standardhonorar“, präzisiert Peter Schulz-Oberschelp vom Netzwerk Weiterbildung.

Ruth Welsch bleiben von ihrem Durchschnittshonorar nach Abzug aller Abgaben rund 8,50 Euro. Das ist ihr Lohn für eine Unterrichtseinheit, mit dem aber auch gleichzeitig sämtliche Vor- und Nachbereitung abgegolten ist. Einen Stundenlohn auszurechnen lohnt sich da fast nicht. Würde sie heute in eine Festanstellung im Weiterbildungsbereich wechseln, stünde ihr ein Mindestlohn von Brutto 12,60 Euro die Stunde zu – ganz zu schweigen von bezahltem Urlaub, Weihnachtsgeld und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Doch allein um den Branchenmindestlohn zu erreichen, müsste der Honorarsatz laut Berechnungen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) auf 30 Euro angehoben werden.

Das allerdings würde den Staat teuer zu stehen kommen. Denn es ist in erster Linie die öffentliche Hand, die die großen Weiterbildungsbudgets verteilt. Rund zwei Milliarden Euro hält allein die Bundesagentur für Arbeit für Fortbildungsangebote bereit. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) stellt für Integrationskurse 2013 nochmal 209 Millionen Euro zur Verfügung. Um diesen Kuchen konkurrieren auf dem deutschen Markt mehrere Tausend Träger.

Selten Sanktionen

Diese wiederum müssen mit dem zurechtkommen, was ihnen die staatlichen Institutionen in Form von Bildungsgutscheinen oder Pauschalen zahlen. Das BAMF etwa überweist dem Träger für die Integrationskurse pauschal 2,94 Euro pro Kursstunde und Teilnehmer. Nach GEW-Berechnungen müsste diese Pauschale auf 4,05 Euro angehoben werden, um ein Mindesthonorar von 30 Euro je Unterrichtseinheit zu ermöglichen. Die Chancen dafür stehen schlecht. Zwar wurde Anfang 2012 die Pauschale um 30 Cent erhöht, gleichzeitig aber sank das Gesamtbudget für Integrationskurse. Vorstöße der Oppositionsparteien im Bundestag für ein Mindesthonorar bei staatlich geförderten Weiterbildungsangeboten wurden bislang von der Bundesregierung unter Verweis auf die Vertragsfreiheit zwischen Lehrkräften und Trägern zurückgewiesen.

Das führt dazu, dass Honorarlehrkräfte, die indirekt für den Staat arbeiten, deutlich schlechter bezahlt werden als jene etwa in der beruflichen Weiterbildung, die direkt von der Wirtschaft honoriert werden. Dort lag 2012 laut Netzwerk Weiterbildung der durchschnittliche Honorarsatz bei über 53 Euro.

Ruth Welsch kann von solchen Honoraren nur träumen. Ihre Auftraggeber beziehen ihre Mittel meistens von der Bundesagentur für Arbeit, die den Trägern keine Vorgaben zum Honorarsatz macht. Dabei gäbe es Möglichkeiten. Das BAMF etwa hat inzwischen in seiner Integrationskursverordnung einen Mindesthonorarsatz von 20 Euro festgelegt. Jedoch droht Kursträgern, die sich an diese Vorgabe nicht halten, als einzige Sanktion, dass ihr Angebot auf ein Jahr beschränkt wird und sie sich danach neu um Mittel des Amtes bewerben müssen.

In einer Hinsicht hat Welsch noch Glück gehabt. Weil sie Kurse im grafischen Gestalten gibt, kann sie sich über die Künstlersozialkasse (KSK) versichern, die den Arbeitgeberanteil bei Kranken- und Pflegeversicherung übernimmt. Über die KSK zahlt sie auch in die Rentenkasse ein, womit sie nach Einschätzung des Netzwerks Weiterbildung zu einer kleinen Minderheit der Honorarkräfte zählt. „Am Ende“, sagt Ruth Welsch, „wird es bei mir trotzdem auf Grundsicherung hinauslaufen“. Ihr Partner wird sie kaum unterstützen können. Auch er arbeitet als Honorarlehrer.

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