Lade Inhalte...

Hitze und Trockenheit „Der Verbraucher trägt große Mitschuld“

Der Milchbauer Gunnar Hemme spricht im Interview über die Trockenheit und ihre Folgen.

Kühe auf der Weide
Temperaturen über 25 Grad sind Stress für eine Kuh, weiß der Milchbauer. Noch dazu kommen Futtermittelengpässe wegen der Hitze. Foto: dpa

Herr Hemme, der Bauernverband rechnet mit der vielleicht schlechtesten Ernte des Jahrhunderts. Auch bei Milchbauern wird das Futter knapp. Wie ist die Lage bei Ihnen?
Eine Dürre in dieser Intensität, das habe ich noch nie erlebt. Ich habe in der Nachbarschaft auch mal den ältesten Landwirt gefragt, der ist über 80 Jahre alt, auch der hat geantwortet: Nee, das hat es so noch nie gegeben. Hier in der Uckermark ist die Lage richtig brenzlig. Eine Kuh ist schließlich ein Lebewesen, keine Maschine. Wir können uns keine Kurzarbeit leisten. Die Tiere müssen satt werden. 

Was heißt das konkret in Ihrem Betrieb?
Unser letzter ordentlicher Regen war der Schnee in der Zeit um Ostern. Gras wird in der Regel vier- bis fünfmal pro Jahr geschnitten. Der zweite Schnitt ist uns komplett verdorrt. Wir füttern also zurzeit Vorräte vom letzten Jahr, die im Silo lagern. Aber diese Reserven sind irgendwann aufgebraucht. Richtig kritisch wird es für uns spätestens im kommenden Frühjahr. Dann müssen wir Futter zukaufen – wie viele andere aber auch. Da können Sie sich vorstellen, was mit den Preisen passiert. 

Und die Kühe, schadet denen die Hitze?
Jede Temperatur über 25 Grad ist Stress für eine Kuh. Wir lassen unsere Kühe deswegen nur zu den frühen Morgenstunden raus, im Stall drehen die Ventilatoren auf Hochtouren. Statt knapp über 100 Liter saufen die Tiere zurzeit mehr als 150 Liter Wasser pro Tag. Die Wasserversorgung muss top sein, dann ist die Hitze für die Tiere erträglich. 

Was halten Sie von den Forderungen des Bauernverbandes, unter anderem nach einer Milliarde Euro Dürrehilfe für Landwirte?
Ich befürworte es, dass der Bauernverband die Politik um Hilfe anruft. Wir sind eine Solidargemeinschaft und sollten die Schwächeren unterstützen. Die konkrete Umsetzung am Ende – wer bekommt wie viel? – wird allerdings sehr schwierig werden. 

Andere Verbände fordern statt Subventionen Preissteigerungen im Handel. 
Das wäre schön. Aber die meisten Landwirte sind – im Gegensatz noch zu den 50er und 60er-Jahren – heute reine Rohstofflieferanten, die Weltkonzerne beliefern. Preisgestaltung und Vermarktung liegen nicht mehr in ihrer Hand. Und das Verständnis der Bevölkerung für die Landwirtschaft ist dadurch stark zurückgegangen. Die Verbraucher haben deswegen keinen Bezug mehr zum Produkt und wissen nicht, was es wirklich wert ist. Das führt dazu, dass sie auf die Verlockungen des Handels hereinfallen und für einen Liter Milch nicht mehr zahlen als 69 Cent. Der Bauer erhält von den Molkereien maximal 33 bis 35 Cent pro Liter. Das ist die absolute Schmerzgrenze. Und der Verbraucher trägt an dieser Lage der Landwirte eine große Mitschuld. Er sollte mal rausfahren aufs Land und sich mit den Produkten beschäftigen, die er kauft. 

Kann man Verbraucher denn überhaupt noch dazu bringen, mehr zu zahlen? 
Ein Teil der Verbraucher will Regionalität, Transparenz und Authentizität, davon bin ich überzeugt. Wir haben zum Beispiel die gesamte Vermarktung in der Hand: von den Kühen, über die Molkerei bis hin zu unserem eigenen Hofladen. Bei unserem letzten Hoffest waren bis zu 5000 Menschen zu Besuch, was das deutliche Interesse zeigt. Wenn wir es schaffen, dass Verbraucher sich wieder mehr mit den Produkten auseinandersetzen und Vertrauen in die Bauern fassen, dann sind die Menschen auch bereit, höhere Preise zu zahlen. 

Interview: Annika Leister

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen