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„Heißzeit“ droht „Lebensbedingungen werden sich fundamental ändern“

Der heiße und trockene Sommer gibt einen Vorgeschmack auf das, was uns bei fortschreitender Klimaerwärmung erwartet. Hans-Joachim Schellnhuber über die drohende „Heißzeit“.

Verdorrte Wiese bei Frankfurt
Folge der Hitze und der Trockenheit: Verdorrte Wiese in der Frankfurter Innenstadt. Foto: Michael Schick

Wer Hans-Joachim Schellnhuber besucht, muss den Potsdamer Telegrafenberg erklimmen. Denn Deutschlands renommiertester Klimaforscher hat sein Büro im dortigen Wissenschaftspark, in dem bereits Albert Einstein forschte. Der scheidende Chef des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung ist nicht erst seit dem „Jahrhundertsommer“ 2018 ein gefragter Mann. Er hat an Berichten des Weltklimarats (IPCC) mitgearbeitet und unter anderem Kanzlerin Merkel, die EU-Kommission, den UN-Generalsekretär und den Papst beraten. 

Professor Schellnhuber, die meisten Kinder, die heute geboren werden, werden das Jahr 2100 erleben. Wie wird die Welt dann aussehen?
Es gibt vermutlich nur zwei Möglichkeiten. Entweder wir schlafwandeln hinein in eine Klimakrise mit dramatischen Folgen für die Weltgemeinschaft. Oder wir führen bewusst die rasche Transformation zur Nachhaltigkeit herbei, die uns dann sogar einen neuen globalen Entwicklungsschub bescheren würde. Wir haben es noch immer in der Hand, die richtigen Weichen zu stellen.

Was bedeutet die erste Variante?
Sie bedeutet, dass wir angesichts der großen Herausforderungen – Klimaproblem, aber auch Übernutzung der natürlichen Ressourcen, Artenschwund, Erosion der Böden – versagen. Wir geben den Multilateralismus auf, also den Versuch, mit knapp 200 Staaten in der Welt grenzüberschreitende politische Lösungen zu finden. Wir überlassen die digitale Revolution einigen Großkonzernen, so dass dieser Fortschritt die Unterschiede zwischen Arm und Reich vertieft, statt sie zu mildern. Ohnehin schwelende Konflikte werden angefacht, manche flammen gewaltsam auf. Möglicherweise wird dann nur noch eine Minderheit der Menschen auf diesem Planeten ein gutes Leben führen können, und der Mehrheit wird es schlecht ergehen. Es wäre ein Rückfall in den historischen Normalzustand, wo die Wenigen im Luxus schwelgten, während die Vielen gerade so über die Runden kamen – wenn überhaupt. Jedes Geschichtsbuch gibt darüber Aufschluss. Sich das im globalen Maßstab vorzustellen, ist deprimierend, aber genau dies könnte geschehen.

Und die positive Vision?
Es ist zumindest vorstellbar, dass die moderne Industriegesellschaft jenen Herausforderungen etwas unwillig, aber am Ende tapfer begegnet, und dadurch die Menschheit einen neuen Entwicklungsschub erfährt. In der Vergangenheit gab es zwei mächtige zivilisatorische Neuerungen, die Neolithische Revolution, also die Erfindung von Ackerbau und Viehzucht, und die Industrielle Revolution. Die Nachhaltigkeitsrevolution wäre die nächste Steilstufe, die wir jetzt erklimmen könnten. Es kann sein, dass die Klimakrise hier sogar als Antrieb wirkt und wir die Möglichkeiten zu ihrer Lösung – die erneuerbaren Energien, smarte Materialien, die künstliche Intelligenz – für den allgemeinen gesellschaftlichen Fortschritt nutzen können.

Welche der beiden Zukünfte ist wahrscheinlicher?
Wissenschaftlich kann man das nicht quantifizieren. Intuitiv würde ich derzeit beide für etwa gleich wahrscheinlich einstufen.

Sie haben die Krisenvison für den Klimasektor jüngst zusammen mit Forscherkollegen ausbuch-stabiert. Sie warnen vor einer „Heißzeit“ selbst bei Einhaltung des Zwei-Grad-Limits, das im Paris-Klimavertrag steht – ausgelöst durch Kippelemente wie das Abschmelzen des Grönland-Eises und das Austrocknen des Amazonas-Regenwaldes. Was bedeutet das konkret für das Leben auf dem Planeten?
Wir haben uns dabei an der Erdgeschichte der letzten 30 Millionen Jahre orientiert und untersucht, wann die Atmosphäre ähnlich viel CO2 enthielt wie heute. Dabei zeigt sich: Der Planet war etwa bei vergleichbarer Kohlendioxidkonzentration wie jetzt im mittleren Miozän vor 15 bis17 Millionen Jahren um bis zu sechs Grad wärmer, und der Meeresspiegel lag bis zu 60 Meter höher. Der Rückfall der heutigen Welt in eine solche Heißzeit würde zwar vielleicht 1000 Jahre dauern, doch das wäre immer noch 100mal schneller als solche Veränderungen typischerweise in der Erdgeschichte abgelaufen sind. Vor allem aber gab es solche raschen und heftigen Klimaveränderungen noch nie in der Geschichte der menschlichen Zivilisation, also im sogenannten Holozän der vergangenen 11 000 Jahre. Fachen wir wirklich eine Heißzeit an, dann wird das alle Lebensbedingungen fundamental verändern. 

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