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Heimpflege Pflege ist eine Frage des Wohnorts

Ob Senioren einen Heimplatz bezahlen können, hängt davon ab, wo sie leben. Im Westen Deutschlands reicht die Kaufkraft nach einer Studie oft nur für zehn Monate Pflege im Jahr.

Demenzpatienten werden ab 2017 in der Pflege besser gestellt. Für viele im Westen bleibt ein Heimplatz wohl trotzdem unbezahlbar. Foto: epd

Ein Platz in einem Pflegeheim ist eine teure Angelegenheit. Im Schnitt müssen in Deutschland dafür pro Monat um die 3000 Euro bezahlt werden. Die Pflegeversicherung übernimmt davon nur einen Teil. Trotz wachsender Leistungen aus der Versicherung müssen die Pflegebedürftigen einen immer größeren Teil der Kosten selbst schultern. Dass die Senioren damit zunehmend finanziell überfordert werden, untermauert eine neue Studie der Bertelsmann-Stiftung, die am Mittwoch veröffentlicht wurde. Sie zeigt jedoch auch, dass es bei der Kostenbelastung enorme regionale Unterschiede gibt.

Können die Senioren ihre eigene Pflege noch bezahlen? Dieser Fragestellung ist die Bertelsmann-Stiftung nachgegangen und hat ausrechnen lassen, wie viel Zeit in einem Pflegeheim sich Menschen über 80 mit dem zur Verfügung stehenden Haushaltseinkommen leisten können. Das Ergebnis ist eine Art „Pflege-Kaufkraft-Atlas“: Bundesweit reicht in 44 Prozent der Landkreise das jährliche Durchschnittseinkommen der alten Menschen rechnerisch nur für maximal elf Monate stationärer Pflege. In einem Viertel der Kreise liegt die durchschnittliche Kaufkraft sogar so niedrig, dass die über 80-Jährigen nur maximal zehn Monate stationäre Pflege finanzieren können. Die Eigenanteile für Pflegeheime liegen je nach Pflegestufe und Region in etwa zwischen 1000 und weit über 2000 Euro im Monat.

Besonders überlastet sind die Senioren in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, dem Saarland und Baden-Württemberg sowie in den Stadtstaaten. Hier sind die zu zahlenden Heimkosten zum Teil deutlich höher als die Einkommen. In den ostdeutschen Bundesländern, Schleswig-Holstein und weiten Teilen Niedersachsens ist die durchschnittliche Kaufkraft der Senioren dagegen mehr als ausreichend, um die stationären Pflegekosten zu tragen. In einem Fünftel der Kreise könnten sie sich theoretisch sogar 13 Monate Pflege und mehr pro Jahr leisten.

Ein Grund für das Gefälle zwischen Nordost und Südwest sind die Unterschiede bei der Bezahlung der Altenpflegekräfte. Sie werden im Norden und insbesondere in Ostdeutschland deutlich schlechter entlohnt als in den übrigen Bundesländern. Nach einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung verdient eine Pflegekraft in Sachsen-Anhalt im Monat im Schnitt 1743 Euro brutto. In Baden-Württemberg beträgt das Bruttomonatseinkommen hingegen 2725 Euro. In Nordrhein-Westfalen werden 2692 Euro gezahlt, in Hessen 2484 Euro. Auch bei den Hilfskräften gibt es deutliche Unterschiede bei der Bezahlung.

Eine weitere Ursache sind unterschiedliche Vorgaben für Pflegeheime, die Ländersache sind. Daher variiert der Personalschlüssel, der ebenso wie die Löhne Einfluss auf die Kosten eines Heimplatzes hat. So ist zum Beispiel in Bayern vorgeschrieben, dass auf drei Pflegebedürftige mit Pflegestufe I eine Vollzeitkraft kommen muss. In Schleswig-Holstein dagegen können von einer Pflegekraft bis zu sechs Senioren mit Pflegestufe I betreut werden.

„Ist das Geld zu knapp für die Versorgung im Heim, hat das zur Folge, dass häufiger Angehörige einspringen oder Pflegebedürftige zusätzliche Sozialleistungen beantragen müssen“, sagte Stefan Etgeton von der Bertelsmann-Stiftung. Er verwies darauf, dass 2013 bundesweit 41 Prozent der Pflegebedürftigen auf Sozialhilfe angewiesen waren. Das Geld holen sich die Ämter in der Regel von den Angehörigen zurück.

Etgeton kritisierte, bislang fehle es der Politik an einer Lösung, wie Altenpflegekräfte leistungsgerecht bezahlt werden könnten, ohne die Pflegebedürftigen und deren Familien finanziell zu überfordern. Neben den Tarifpartnern, die für eine angemessene und verbindliche Bezahlung sorgen müssten, sei deshalb auch die Politik gefragt, so der Gesundheitsexperte.

Ab 1. Januar 2017 bekommen viele Bedürftige mehr Geld aus der Pflegeversicherung, wodurch die von der Bertelsmann-Stiftung beschriebenen Probleme oftmals entschärfen werden. Grund ist das Inkrafttreten der umfangreichsten Reform in der Pflegeversicherung seit ihrer Einführung 1995. Bisher galten letztlich nur Menschen mit körperlichen Gebrechen als pflegebedürftig. Hilfsbedürftige mit geistigen Problemen wie Demenz erhielten nur eine unzureichende Unterstützung. Das wird geändert.

Bisher gibt es drei Pflegestufen. Maßstab für die Eingruppierung in eine der Stufen ist ein in Minuten gemessener Hilfebedarf. Er orientiert sich allein an den körperlichen Einschränkungen. Damit wurde aber der Bedarf von Demenzkranken nicht richtig erfasst. Künftig wird es fünf Pflegegrade geben. Dabei spielt es keine Rolle mehr, ob die Selbstständigkeit aufgrund von körperlichen oder psychischen Einschränkungen beeinträchtigt ist. Es geht allein darum, ob die Person der jeweiligen Tätigkeit gewachsen ist oder nicht. Der jeweilige Pflegegrad wird in einem neuen Begutachtungsverfahren ermittelt, das auch die kognitiven Fähigkeiten, Verhaltensweisen und die Möglichkeit zur Gestaltung des Alltags in den Blick nimmt. Über ein Punktesystem wird dann der Pflegegrad festgelegt. Je höher der Grad, desto umfangreicher die Leistungen.

Die aktuell knapp drei Millionen Versicherten, die bereits Leistungen aus der Pflegeversicherung erhalten, werden automatisch in das neue System überführt. Pflegebedürftige mit ausschließlich körperlichen Einschränkungen erhalten anstelle der bisherigen Pflegestufe den nächsthöheren Pflegegrad. Pflegebedürftige mit Demenz werden stets zwei Pflegegrade höher eingestuft.

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