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Heimatüberweisungen „Transfers von Mensch zu Mensch“

OECD-Experte Liebig spricht im Interview über die volkswirtschaftliche Bedeutung von Heimatüberweisungen.

Marokko
Das geschickte Geld wird zum Beispiel dafür verwendet, dass Kinder in Marokko zur Schule gehen können. Foto: afp

Herr Liebig, in den Haushalten, die Heimatüberweisungen bekommen, machen diese nach UN-Angaben in der Regel ungefähr 60 Prozent des Einkommens aus. Sind diese Remittances die bessere Entwicklungshilfe?
Die Geldtranfers sind keineswegs ein Ersatz für Entwicklungszusammenarbeit, aber eine Ergänzung. Im Gegensatz zur Entwicklungshilfe fließen die Geldtransfers direkt in die privaten Haushalte, die dann nach ihren Präferenzen entscheiden, wofür das Geld verwendet wird. 
 
Langfristige Wirkungen bleiben also aus?
Früher ging man davon aus, dass Entwicklungshilfe in die Infrastruktur geht und  Remittances vor allem in den Konsum und damit ohne positive Langfristwirkung bleiben. Dies ist aber eine überholte Vorstellung, da auch der private Konsum durchaus entwicklungsfördernd sein kann. 

Geben Sie uns ein Beispiel.
Man muss unterscheiden. Wenn das Geld in den Kauf eines neuen Fernsehers investiert wird, dann hat es vermutlich wenig Entwicklungswirkung. Beim Kauf eines Kühlschranks kann es im Blick auf Lebensmittelsicherheit und Gesundheit schon anders aussehen. Klar positiv sind die Wirkungen, wenn die Transfers in die Heimat in eine bessere Schul- und Ausbildung fließen. Oder aber in gemeinsame lokale Projekte zum Aufbau von wichtiger Infrastruktur.
 
Das wäre dann echte Entwicklungshilfe?
Ja, aber diese Programme sind meistens sehr bescheiden, was auch für die volkswirtschaftlichen Effekte gilt.
 
Nutzen die Regierungen das volkswirtschaftliche Potenzial dieser Heimatüberweisungen?
Es gab und gibt Versuche von Staaten wie Mexiko, diese Transfers für Gemeinschaftsprojekte zu mobilisieren. Die Regierung sagt dann den Empfängern von Remittances zum Beispiel: Wenn Ihr Geld in Projekte der Dorfentwicklung investiert, dann gibt der Staat Geld hinzu, gewährt steuerliche Anreize oder zinsgünstige Kredite.
 
Eine gute Idee?
Zunächst einmal zeichnen sich die Überweisungen vor allem dadurch aus, dass sie direkt von Mensch zu Mensch gehen und kein Staat vorschreiben kann, wie das Geld ausgegeben werden soll. Das ist ihr großer Vorteil. Die Menschen können selbst entscheiden. Viele der Migranten haben ihre Heimat ja verlassen, weil sie keine Perspektive mehr für sich gesehen haben. Die haben dann oft nicht das Vertrauen in die Regierungen ihrer Herkunftsländer und zweifeln, dass mit ihrem Geld das passiert, was sie sich wünschen.

Welche volkswirtschaftliche Bedeutung haben Transfers in die Heimat? 
In den Familien, die davon profitieren, wird zunächst die Armut reduziert. Wie sich die Remittances volkswirtschaftlich auswirken, hängt unter anderem davon ab, wie stabil die Gelder fließen. Ein positives Beispiel sind hier die Philippinen, die im Übrigen ihre zahlreichen Arbeitsmigranten für das Thema auch stark sensibilisieren. Während der Asienkrise Ende der 90er Jahre haben die philippinischen Arbeitsmigranten weiter verlässlich Geld nach Hause überwiesen – davon hat das Land profitiert. Etwas anders war es zehn Jahre später in der globalen Finanzkrise, von der sowohl potenzielle Sende- als auch Empfängerländer betroffen waren.
 
Schaffen Heimatüberweisungen nicht auch Abhängigkeiten? In manchen Ländern machen die Geldströme aus der Diaspora schon bis zu einem Viertel des Bruttoinlandsproduktes aus. 

Natürlich kann das problematisch werden. So können die Geldtransfers die Inflation erhöhen und damit die Lebensverhältnisse der Ärmsten – derjenigen, die keine Arbeitsmigranten im Ausland haben – verschlechtern. Wenn viele Migranten etwa in ein Haus in der Heimat investieren, steigen die Grundstückspreise. 
 
Die Kosten für Heimatüberweisungen sind noch immer überteuert. Müsste die Politik stärker eingreifen?
Es ist ein Erfolg des G 20-Prozesses, dass man sich auf das Ziel geeinigt hat, die Gebühren auf fünf Prozent zu drücken. Die Staaten berichten regelmäßig, welche Maßnahmen sie getroffen haben. In der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass die Preise sinken, wenn der „Markt“ hinreichend groß ist, da es dann zunehmend Wettbewerber gibt, die etwas von diesem Kuchen haben wollen. Auch neue Technologien wirken wettbewerbssteigernd und preissenkend. Ein Problem sind jedoch versteckte Kosten – wir brauchen auch mehr Preistransparenz.

Interview: Tobias Schwab

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