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Heimatüberweisungen Migranten zahlen hohe Gebühren

Die Gebühren für Geldtransfers von Migranten in ihre Heimat sind unverschämt teuer. Das muss sich ändern, fordern Experten.

Heimatüberweisung
Auf die Hand: Heimatüberweisungen machen für viele Haushalte mehr die Hälfte des Einkommens aus. Foto: rtr

Ein Ghanaer, ein Inder, ein Eritreerin und ein Kameruner stehen an diesem Donnerstagmittag in der Warteschlange der Money Gram-Filiale am Frankfurter Hauptbahnhof. Alle wollen sie Geld in ihre Heimat überweisen. Um die Krankenhausrechnung eines Verwandten in Accra zu begleichen, einen Freund in Neu-Delhi zu unterstützen, den Schulbesuch der Nichten und Neffen in Asmara zu finanzieren oder den betagten Eltern beim Lebensunterhalt in Jaunde zu helfen.

Nach Schätzungen der Weltbank haben Migranten 2017 rund 613 Milliarden US-Dollar in ihre Heimat überweisen. Etwa 466 Milliarden dieser sogenannten Remittances gingen in Entwicklungsländer. Die Summe der privaten Überweisungen ist damit weltweit dreimal so hoch wie die offizielle Entwicklungshilfe der Industrienationen, stellt die Weltbank fest. Der Internationale Fonds für ländliche Entwicklung (Ifad) geht davon aus, dass global etwa 200 Millionen Menschen Geld in ihre Herkunftsstaaten überweisen und rund 800 Millionen Personen von diesen Transfers direkt profitieren.

Für Anbieter von weltweiten Überweisungen wie Money Gram und Western Union ist das ein großes Geschäft. Die US-Finanzdienstleister werben damit, Geld innerhalb kürzester Zeit um die Welt zu schicken. In der Filiale am Zielort kann der Empfänger den Betrag schon wenige Minuten nach der Einzahlung in Frankfurt in Empfang nehmen.

„Schnell - günstig - zuverlässig“, so wirbt Money Gram denn auch in seinem Frankfurter Schaufenster. Zumindest das „günstig“ bestreiten die meisten Kundinnen und Kunden. Denn ihren Service lassen sich Money Gram und Co. teuer bezahlen. Für den Transfer von 1300 Euro nach Ghana werden Philipp G. an diesem Morgen in Frankfurt 35,80 Euro berechnet. Für Frédéric P. kostet die Überweisung von 400 Euro nach Kamerun 14,80 Euro.

Die Anbieter langen nicht nur bei der Gebühr ordentlich zu, sondern bieten in der Regel auch einen schlechteren Wechselkurs als am Markt üblich. Und am Ende wird oft noch der Empfänger zur Kasse gebeten. „Das sind schon enorme Kosten“, sagt der Kameruner Frédéric P., der als Mediziner an einem Institut im Rhein-Main-Gebiet forscht und seinen Eltern monatlich bis zu 400 Euro in die Heimat schickt. 

Die Weltbank beobachtet die Preise für die Transfers seit Jahren und vergleicht die Kosten für das Senden von 200 Dollar. Global lagen die Gebühren im dritten Quartal 2017 bei 7,2 Prozent der transferierten Summe. Für eine Überweisung in Subsahara-Staaten sogar bei 9,1 Prozent. Noch viel mehr wurde für Süd-Süd-Sendungen verlangt. So musste, wer Geld von Südafrika nach Sambia schicken wollte, 19 Prozent zahlen.

Pedro Morazán vom Südwind-Institut, das Anfang Juni eine Studie zu Heimatüberweisungen veröffentlich hat, hält solche happigen Kosten für äußerst problematisch. „Es handelt sich bei diesen Tranfers doch in der Regel um vergleichsweise kleine Beträge und die Empfänger und Empfängerinnen sind auf jeden Cent angewiesen“, sagt Morazán. „Die internationale Politik, auch die Bundesregierung, muss da ihre Hausaufgaben intensiver und engagierter machen“, fordert der Entwicklungsexperte. 

Die Ziele sind klar. So verpflichteten sich die G 8-Staaten bereits im Jahr 2009 auf die Formel „5 mal 5“: Binnen fünf Jahren sollten die Kosten für Überweisungen in die Heimat von zehn auf fünf Prozent gesenkt werden. Noch ambitionierter setzten die Vereinten Nationen 2015 die Zielmarke im Rahmen de Agenda 2030 auf „unter drei Prozent“. Die G20-Regierungen verpflichteten sich, diese Plan engagiert zu unterstützen. Ihre Fortschritte müssen die Staaten seit 2015 immerhin mit nationalen Plänen für Heimatüberweisungen dokumentieren, die jährlich überprüft werden. 
Deutschland setzt dabei vor allem auf mehr Markttransparenz, wie das Bundesentwicklungsministerium (BMZ) betont. Bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) hat das BMZ daher die Website geldtrainsfair.de in Auftrag gegeben, deren Relaunch gerade an den Start gegangen ist. Das Portal gibt einen Überblick über die günstigsten und schnellsten Anbieter von Überweisungen in mehr als 25 Länder. 

Unter den Migranten ist die Website allerdings noch wenig bekannt. Keiner der vier Kunden in der Frankfurter Money Gram-Filiale hat je von geldtransfair.de gehört. Pro Monat bringt es die Seite auf 2500 und 3000 Nutzer, sagt Onike Shorunkeh-Sawyerr, die das GIZ-Projekt mit betreut. Viele Nutzer besuchten die Seite nur einmalig oder in größeren Abständen. Das liege wahrscheinlich auch daran, dass viele Menschen sich immer noch schwer tun, einen einmal erprobten Anbieter infrage zu stellen und zu wechseln. 

Kein Wunder also, dass nach wie vor die big four Western Union, Money Gram, Ria Financial Services und Sigue den Markt dominieren. Dabei gibt es mitunter viel günstigere und seriöse Wettbewerber. Dazu gehören beispielsweise die britischen Start-ups Azimo und Worldremits, die ebenfalls auf geldtransfair.de gelistet sind. Die beiden Londoner E-Geldinstitute unterstehen der britischen Finanzaufsicht, werden also reguliert und müssen strenge Auflagen einhalten. Transaktionen sind mit Unternehmen wie Azimo und Worldremits nur online möglich. Auch Überweisung aufs Handy in die E-Wallet - die digitale Geldbörse – oder in Form von Telefonguthaben bieten die Dienste an.

Schätzungen zufolge werden weltweit erst fünf Prozent der Heimatüberweisungen online ausgeführt. Dabei sehen Experten gerade in innovativen Finanztechnologien viel Potenzial, weltweite Transfers einfacher und billiger zugleich zu machen. „Und sie könnten dem Ausschluss vieler Menschen von Geldgeschäften entgegenwirken“, sagt Südwind-Experte Morazán. Bestes Beispiel ist da Subsahara-Afrika, wo nur etwa 15 Prozent der Menschen ein Bankkonto besitzen, aber schon annähernd jeder Zweite mindestens ein Handy hat. 

Das erklärt auch den Erfolg von Mobile-Money-Dienstleistern wie M-Pesa in Kenia, Ruanda, Tansania und Uganda, wo laut der Industrievereinigung der Mobilfunkanbieter (GSMA) bereits zwei Drittel der Erwachsenen mit Mobil Money wirtschaften. Das Handy ersetzt dabei den normalen Bankaccount und die Kreditkarte. Die elektronische Brieftasche ermöglicht es, Geld über das Handy zu senden, zu empfangen und zu speichern.

Damit ist Mobile Money auch für Transfers in die Heimat interessant, wie die Autoren der Südwind-Studie feststellen. Im vergangen Jahr zahlten Nutzer für diesen Weg der Überweisung laut Weltbank zwischen 4,2 Prozent und 5,3 Prozent - günstigster geht es auf legalen Wegen bislang nicht.

Noch nicht - denn Krytowährungen und deren Grundlagentechnologie Blockchain könnten den Markt geradezu revolutionieren. Das versprechen jedenfalls Start-ups wie das britische Unternehmen Cashaa. „Unsere Priorität ist es, die Welt des Bargeldtransfers gerechter zu machen“, erklärte Cashaa-Mitgründer und CEO, Kumar Gaurav, jüngst in einem Interview. Gegenwärtig beuteten Überweisungsinstitute jeden Dollar aus, der aus Afrika gesendet oder empfangen werde. Den „erpresserischen Gebührenstrukturen“ werde Cashaa auf dem afrikanischen Kontinent ein Ende bereiten, verspricht Gaurav vollmundig.

Transferiert wird das Geld bei Cashaa mittels der Blockchain. Dabei akzeptiert ein Netzwerk von Kryptowährungshändlern das physische Geld des Absenders und reicht es an den Empfänger an einem anderen Ort weiter. Händler tauschen dann das Geld durch Kauf und Verkauf ihrer Kryptowährungen aus. Milliarden Dollar an Gebühren, so Gaurav, könnten auf diese Weise gespart werden.

In der Tat geht die Weltbank davon aus, dass eine Senkung der Kosten um fünf Prozentpunkte weltweit bis zu 16 Milliarden Dollar freimachen würde für die Armutsbekämpfung. Die multinationale Entwicklungsbank sieht als Ursache der hohen Gebühren vor allem das risikoscheue Verhalten der Geldinstitute und exklusive Verträge zwischen nationalen Post- und einzelnen Transferdienstleistern.

Hier setzt auch die Forderung von Südwind-Studienautor Morazán an. „Wir brauchen mehr Konkurrenz auf diesem Markt“, sagt der Entwicklungsexperte und fordert eine Lockerung der Regulierung. Die Verschärfung der Aufsicht im internationalen Zahlungsverkehr infolge der Terrorakte in New York 2001 treffe mit den Sendern der Heimatüberweisungen die Falschen. „Das sind Menschen, die mit durchschnittlich 200 Euro ihre Familien unterstützen und keine Terrorfinanciers,“ betont Morazán. Kleinere Beträge könnten durchaus von einer strengen Regulierung ausgenommen werden – diesen Spielraum biete eine entsprechende EU-Richtlinie. Auch die Zulassung bankenexterner Systeme wie Mobile Money oder das traditionelle Hawala (siehe Infobox) könne zu geringeren Gebühren führen. „Die Politik muss hier aus einer Logik des Verbraucherschutzes handeln.“

Der Kameruner Frédéric P. will vor seiner nächsten Überweisung das Portal geldtransfair.de besuchen, um einen günstigen Anbieter zu finden. Selbst ein Krypowährungshändler käme für ihn infrage, „Ich würde das ausprobieren“, sagt der Mediziner.“

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