Lade Inhalte...

Hartz IV Vom Wohlstand abgekoppelt

Die Zahl der Bezieher von Hartz IV ist trotz Arbeitsmarktboom seit 2011 nicht weiter zurückgegangen. Damit darf sich die Politik nicht abfinden. Die Analyse.

Obdachloser
Obdachloser in Köln: Das Land wird wohlhabender, Hartz-IV-Bezieher schauen zu. Foto: Imago

Trotz aller Erfolge am Arbeitsmarkt hat Hartz IV in Deutschland nichts von seinem Schrecken verloren. Vor kurzem erst bekam Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) viel Unterstützung für seine Forderung, das 2005 eingeführte System abzuschaffen und durch ein solidarisches Grundeinkommen zu ersetzen. Für die Suche nach einer Alternative spricht ein ernüchternder bis erschreckender Befund, auf den das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in einer aktuellen Studie hinweist.

Diese Erkenntnis fasst das DIW so zusammen: „Die Zahl der Bezieherinnen und Bezieher von Hartz-IV-Leistungen ist trotz des Arbeitsmarktbooms seit dem Jahr 2011 nicht weiter zurückgegangen – sie liegt relativ konstant in der Nähe der Sechs-Millionen-Marke.“ Selbst der ungewöhnliche Aufschwung mit einem nie für möglichen gehaltenen Aufbau von zusätzlichen Arbeitsplätzen hat also nichts daran geändert, dass eine solch große Bevölkerungsgruppe in einem Fürsorgesystem gefangen bleibt, das sie vom allgemeinen Wohlstand im Lande abkoppelt.

Hartz-IV-Bezieher gehen arbeiten, verdienen aber wenig

Allerdings verbirgt sich hinter den Globaldaten eine starke Bewegung innerhalb der Gruppe der Hartz-IV-Bezieher. Deutlich weniger Arbeitslose als noch vor zehn Jahren beziehen diese Leistung. Ihre Zahl ist um rund eine Millionen von knapp 2,6 Millionen auf 1,6 Millionen geschrumpft. Zwar haben zwei Drittel der arbeitslosen Hartz IV-Bezieher keine abgeschlossene Ausbildung. Dennoch konnten viele eine Beschäftigung finden, da die Firmen angesichts der extrem günstigen Konjunkturlage inzwischen auch wieder vermehrt gering qualifizierte Jobs anbieten. Die sind freilich häufig schlecht bezahlt, vor allem wenn es sich um Stellen in der Dienstleistungsbranche handelt.

Daher sinkt die Zahl der Aufstocker kaum. Diese Menschen gehen arbeiten, verdienen aber nicht genug, um mit ihrem Lohn über die Runden zu kommen. Sie erhalten zusätzlich Hartz-IV-Geld. Dass dies ein Massenphänomen bleibt, hat sich auch durch den Mindestlohn nicht grundlegend geändert. Bezieht man die Männer und Frauen ein, die weniger als 15 Stunden pro Woche erwerbstätig sind und daher nach der offiziellen Definition als arbeitslos gelten, gibt es hierzulande 1,1 Millionen Aufstocker. Auch die Zuwanderung von Asylsuchenden trägt dazu bei, dass so viele auf staatliche Hilfe angewiesen bleiben.

Aus diesen teils sehr widersprüchlichen Entwicklungen zieht DIW-Forscher Karl Brenke den Schluss, dass sich der Charakter von Hartz IV nach und nach verändert habe: „von der Ausrichtung auf die Jobvermittlung Arbeitsloser hin zu einem System sozialer Unterstützung“. Daher könne man Hartz IV auch nicht überflüssig machen, indem man Langzeitarbeitslosen öffentlich geförderte Jobs anbiete. „Denn die Arbeitslosen sind infolge der günstigen Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt nur noch eine Minderheit unter den Bedürftigen.“

Andererseits kann beziehungsweise darf sich die Politik auch nicht damit abfinden, dass eine so gewaltige Bevölkerungsgruppe nicht über Hartz IV hinauskommt und nur zuschauen kann, wie das Land insgesamt immer wohlhabender wird. Die Unterstützung für diese Menschen gehört gerade angesichts des enormen Wirtschaftswachstums und des gewaltig zunehmenden Reichtums in Deutschland zu den drängendsten Aufgaben für jede Regierung.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen