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Handwerk Viel Arbeit, wenig Geld

Der Flächentarifvertrag hat im Handwerk für gute Löhne und Arbeitsbedingungen gesorgt. Um Kosten zu senken, schließen aber immer weniger Innungen einen ab.

Bäckermeister Zimmermann
Bäckermeister Zimmermann mit Natursauerteig. Foto: imago

Fast 19 000 Lehrstellen sind im Handwerk derzeit noch unbesetzt. Besonders betroffen sind nach Angaben des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) das Elektro-, Sanitär-, Heizungs- und Friseurgewerbe. Trotz eines leichten Anstiegs der Zahl neu abgeschlossener Ausbildungsverträge um 2,9 Prozent gegenüber 2016 wird sich der Fachkräftemangel damit weiter verschärfen. Nach einer Studie der bayerischen Wirtschaftsvereinigung könnten bereits 2020 bundesweit bis zu 1,8 Millionen Gesellinnen und Gesellen fehlen.

Tarifflucht ist im Osten besonders stark

Einer der wesentlichen Gründe für diese Entwicklung ist aus Sicht der Gewerkschaften die schwindende Tarifbindung im Handwerksbereich: Immer weniger Innungen und Innungsverbände schließen Flächentarifverträge ab. „Mittlerweile gibt es im KFZ-Handwerk nur noch in zwei Bundesländern Flächentarifverträge. Im Elektrohandwerk sind es vier, im Heizungsbau sechs Länder“, kritisiert Ralf Kutzner, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall. Noch in den 90er Jahren habe es mit allen Landesinnungen für so gut wie alle Handwerke Flächentarifverträge gegeben. In den ostdeutschen Ländern sei die Tarifflucht besonders stark. Dort sind laut Kutzner mittlerweile nur noch etwa zehn Prozent aller Handwerksbetriebe Mitglied einer Innung. Im Westen seien es noch 40 Prozent.

Für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer hat die Tarifflucht spürbare Nachteile. „Noch vor 20 Jahren lagen Löhne und Sonderzahlungen wie das Weihnachtsgeld im Metall- und Elektrohandwerk im Schnitt nur wenig unter dem Niveau der Industrie. Heute beträgt der Lohnabstand zur Industrie rund 30 Prozent“, betont der Gewerkschafter. Damit steige für einen großen Teil der Beschäftigten die Gefahr der Altersarmut.

Landwirtschaft zahlt besser als das Handwerk

Erhebungen des DGB weisen in die gleiche Richtung: In einer Umfrage zum Gute-Arbeit-Index 2015 äußerten rund 80 Prozent der im Handwerk Beschäftigten die Erwartung, dass ihre gesetzliche Rente kaum zum Leben reichen werde. 53 Prozent empfanden ihren Lohn als nicht leistungsgerecht und zu niedrig.

Das dürfte auch für die Ausbildungsvergütungen zutreffen. Im Handwerk liegen sie nach Daten des Bundesinstituts für Berufsbildung etwa 35 Prozent unter denen in der Industrie. Auch im öffentlichen Dienst, in freien Berufen und sogar in der Landwirtschaft erhalten Azubis durchschnittlich höhere Entgelte als im Handwerk. Dabei spielen die zu erwartenden Einkommen laut DGB für 93 Prozent der Berufseinsteiger die maßgebliche Rolle in der Berufswahl.

Wesentlich verantwortlich für die Tarifflucht sind nach einem Gutachten des Rechtswissenschaftlers Winfried Kluth von der Universität Halle-Wittenberg Innungen und Innungsverbände. Sie nähmen die ihnen ausdrücklich vom Gesetzgeber zugedachte Aufgabe, Flächentarifverträge abzuschließen, kaum mehr wahr, heißt es in dem Gutachten, das von dem gewerkschaftsnahen Hugo-Sinzheimer-Institut in Auftrag gegeben wurde und an diesem Dienstag veröffentlicht wird. Als Beispiel führt Kluth das Bäckerhandwerk an: Seit Mitte der 90er Jahre seien zahlreiche Mantel- und Lohntarifverträge gekündigt worden. „Das hat zur Folge, dass es im Osten kaum noch Tarifbindungen im Bäckerhandwerk gibt“, schreibt der Rechtswissenschaftler.

Dass viele Innungsverbände das ihnen verliehene Privileg, Tarifverträge abzuschließen, nicht nutzen, hat aus Gewerkschaftssicht einen simplen Grund. „Sie wollen aus dem Flächentarif aussteigen, um die Personalkosten durch Löhne unter Tarifniveau senken zu können“, mutmaßt IG-Metall-Vorstand Kutzner. Anstatt selbst Tarifverhandlungen für alle ihre Mitgliedsbetriebe zu führen, hätten Innungen so genannte Tarifgemeinschaften gegründet, die Tarifabschlüsse aushandeln sollen.

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