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Hackathon Banken experimentieren für die Zukunft

Die Finanzindustrie sucht ihren Weg in die digitale Zukunft. Beim dritten Hackathon der Genossenschaftsbanken sollen innovative Dienstleistungen entwickelt werden.

Hackathlon
Bei der Teamarbeit: der Hackathon der DZ Bank im Tech Quartier. Foto: Peter Jülich

Die Minute läuft. 60 Sekunden hat ein Teilnehmer des Hackfestes im Frankfurter Techquartier Zeit, um seine Mitstreiter von seiner Idee zu überzeugen. Dann wird er ausgeklatscht und der nächste kommt an die Reihe. Tempo ist das Gebot der Stunde beim dritten Genohackathon der genossenschaftlichen Finanzgruppe. Denn in nur zweieinhalb Tagen soll aus den besten Ideen ein erster Prototyp entwickelt werden. Am Schluss wartet die Höhle der Löwen.

Paul ist genervt. Er will dies und das und auch jenes, er kauft – und was am Ende bleibt, ist ein Portemonnaie voller Kassenzettel. Paul könnte auch Paula heißen. Er ist der Max Mustermann in diesem Szenario. Das Problem kennt aber jeder aus seinem Alltag: Belege über Belege, zum Teil zerknüllt oder nicht mehr lesbar, einige kann man wegwerfen, andere sollte man zur Geltendmachung etwaiger Garantieansprüche besser behalten.

„Eigentlich will man diese ganze Zettelwirtschaft ja nicht“, sagt Ronald Neuber. Der Kundenbetreuer bei VR-Networld, Teil der genossenschaftlichen Finanzgruppe Volksbanken Raiffeisenbanken, hat den „E-Beleg: Digitaler Kassenzettel“, eine App für das Smartphone, zum Wettbewerb der Ideen mitgebracht. Ziel der Anwendung sei, dass „so viel wie möglich automatisch passiert“, sagt Neuber. Die App soll für den Nutzer die gesamte Organisation der Belege übernehmen, von der Garantieverwaltung bis hin zum Speichern der Kontaktdaten des Händlers. Arbeitet ein Händler noch nicht mit E-Belegen, soll die Anwendung auch anhand von Handyfotos der Kassenzettel funktionieren.

Die Idee ist nicht auf Neubers Mist gewachsen. „Ein Kollege hatte sie“, gibt der Bonner freimütig zu. „Das ging bei uns eher nach dem Losverfahren, wer zum Hackathon darf“, erklärt er. Denn die Plätze sind begehrt. Drei Tage lang nach Herzenslust herumspinnen, das möchten viele. Doch der Chef hat auch noch ein Wörtchen mitzureden, schließlich fällt der Mitarbeiter für den Zeitraum aus. Und die Teilnehmerzahl ist begrenzt.

Heike Reindler, die bei der Fiducia GAD, dem IT-Dienstleister der genossenschaftlichen Finanzgruppe, im Bereich Architektur und Innovation arbeitet, hat bereits das zweite Mal Glück gehabt: Sie war schon beim letzten Entwicklermarathon im vergangenen Jahr in Düsseldorf dabei. Der erste hatte im März 2016 in München stattgefunden. Die drei Organisatoren – die DZ Bank, die Fiducia GAD und die Akademie Deutscher Genossenschaften (ADG) – wechseln sich bei der Ausrichtung ab. Dieses Mal ist die DZ Bank dran.

Weniger Glück hat Reindler mit ihrer Idee. Die virtuelle Assistentin „VRoni24“ soll den Kunden der Volksbanken Raiffeisenbanken die Organisation von Beratungsterminen bei der Bank abnehmen, bekommt aber nicht genügend Klebepunkte. Denn im Anschluss an die kurzen Ideen-Pitches verteilen die rund 100 Teilnehmer ihre Punkte auf den Plakaten. Von den 50 mitgebrachten Ideen bleiben letztlich zwölf übrig.

Nun bricht im „Waldstadion“ – die Räume im Techquartier haben Namen mit lokalem Bezug – Tumult aus. Wer arbeitet mit wem? Regeln gibt es bei der Teamfindung wenige zu beachten. Es sollen nur mindestens zwei Entwickler und zwei Produktexperten in jeder Gruppe sein. Denn jetzt heißt es: Let’s prototype.

Reindler ist im Team von Neuber gelandet. „Ich bin schon etwas enttäuscht“, sagt sie, dass „VRoni24“ nicht unter den Top Twelve sei. Franz Welter empfiehlt, die Ideen-Plakate nicht zu zerreißen. Es sei schon vorgekommen, dass Ideen verfeinert und dann doch irgendwann noch einmal weiterentwickelt worden seien. Er muss es wissen. Schließlich ist er Innovationsleiter bei der DZ Bank und ein alter Hase, was Hackathons angeht.

Die kennt man eigentlich aus der Softwareindustrie als Methode, um schnell neue Ideen in Produkte zu gießen oder durch Prototypen zu verfeinern. Doch weil Banken sich im Zuge der Digitalisierung von Finanz-Start-ups nicht die Butter vom Brot nehmen lassen wollen, setzen sie auf kreative Ideen ihrer Mitarbeiter und veranstalten eigene Wettbewerbe. Wobei junge Fintechs oft mit eingesessenen Instituten kooperieren. So sind beim dritten Genohackathon Fino, Figo und Fincite dabei. Und auch Microsoft ist an Bord, dessen Cloud-Computing-Plattform Azure die Basis für die hier entstehenden Prototypen sein soll.

Markus Köhler, Mitglied der Geschäftsleitung von Microsoft Deutschland, gibt beim Journalistenworkshop schon einmal eine Idee, wie die Arbeit der Zukunft aussehen könnte. „Work-Life-Balance wird von Work-Life-Flow abgelöst“, sagt der Personalleiter. „Hierarchien sind von gestern.“ Als einziges Unternehmen in Deutschland hätten sie Vertrauensarbeitszeit und –ort eingeführt. Im Office in München gibt es auch keine festen Arbeitsplätze. Dafür viel „Open Space“, damit die Kreativität frei fließen kann.

Das soll sie auch im Techquartier. Neben den in hippen Büros üblichen offenen Decken und Sitzkissen gibt es hier auch Schlafkojen. Die Teilnehmer des Hackathons können rund um die Uhr an ihrer Idee feilen, denn das Techquartier ist durchgehend geöffnet. Baris Bicer, Business Engineer bei Fino, rechnet mit einer langen Nacht. „Da werden dann die Pizzakartons ausgepackt“, sagt er. Er hat die Idee eines Peer-Vergleichs mitgebracht. Bei der Anwendung kann der Nutzer ermitteln, wie er im Vergleich zu anderen in seiner Altersgruppe dasteht.

Beim Team von Michelle Berger soll gegen 19 Uhr der Stift fallen. Am Tag zwei des Hackathons sind sie mit der Idee „VR Wallet für Kryptowährungen“ schon ziemlich weit. Auf dem Laptop zeigt die 22-Jährige, Junior Consultant Innovation und Digitalisierung bei der DZ Bank, wie das auf einer Website oder in der App funktioniert. „Aktuell muss man ja schon fast studiert haben, wenn man in Währungen wie Bitcoins investieren will“, erklärt sie. Bei ihrer Anwendung soll der Nutzer mit ein paar Klicks Kryptowährungen kaufen und verkaufen können.

Berger ist eines der Küken beim Hackathon. Altersmäßig ist hier alles von Anfang 20 bis Ü50 vertreten. „Diversity“ wird groß geschrieben. Wobei der Männeranteil deutlich überwiegt, wie Martin Langer von der Personalfirma „Tischszene“ sagt. Der Servicemitarbeiter schätzt das Verhältnis auf 1 zu 3. Bei ihm können die Teilnehmer auf einen Kaffee vorbeikommen. Bier steht im Kühlschrank. „Das gibt es aber erst ab 18 Uhr“, sagt Langer. Am ersten Tag gab es keins. „Nicht hier“, schränkt ein Teilnehmer aus Bergers Team ein. „Wir haben uns später zufällig noch in der Kneipe getroffen.“

Berger ist schon aufgeregt. „Gefühlt schon seit drei Wochen“, sagt sie. Denn am dritten Tag haben die Teilnehmer nur noch den Vormittag Zeit. Jetzt wird noch einmal der Pitch geübt, die Vorstellung der Idee vor der Jury. Die Gewinner dürfen ihre Ideen im Schloss Montabaur zwei Tage lang verfeinern. Was danach mit den Prototypen passiert, ist offen. „Zwei sind in der Entwicklung, zwei in verbundweiten Projekten verschmolzen, vier Projekte wurden gestoppt“, bilanziert Innovationsleiter Welter die Gewinnerideen aus den beiden vergangenen Hackathons.

Thomas Ullrich, Vorstand und Arbeitsdirektor der DZ Bank, der in der Jury aus fünf Vorstands- und Führungsmitgliedern der Finanzgruppe sitzt, kann Bergers Aufregung nachempfinden. In seinem Haus wurde nämlich ein Beratungsschein, für den eine virtuelle Beratung durchgeführt werden muss, und ein digitaler Führerschein eingeführt – auch für Führungskräfte. „Mit Prüfung“, betont er. „Wenn dann 50 Manager in einem Raum sitzen, alles Alphatiere, steigt schon mal der Druck.“

Neuber kann sich erst einmal entspannen. „Der digitale Kassenzettel“ gehört zu den vier Gewinnern. Und somit auch Reindler aus seinem Team – trotz ihres Pechs mit „VRoni24“.

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