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Gute-Arbeit-Index Völlig ausgebrannt

Viele Beschäftigte sind überlastet, vor allem im Sozial- und Gesundheitswesen, zeigt eine Befragung. Der DGB fordert kürzere Arbeitszeiten.

Protest vor der Tarifverhandlung
Protestaktion vor der ersten Runde der Tarifverhandlungen für die Metall- und Elektroindustrie in Berlin. Foto: dpa

Mehr als die Hälfte der Beschäftigten im Gastgewerbe sowie im Sozial- und Gesundheitswesen können sich wegen Erschöpfungszuständen nach ihrer Arbeit kaum mehr um private Angelegenheiten kümmern. Dies geht aus einer repräsentativen Befragung von 4800 Beschäftigten hervor, deren Ergebnisse der Deutsche Gewerkschaftsbund in seinem diesjährigen Gute-Arbeit-Index zusammengefasst hat.

Danach beklagen branchenübergreifend 41 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, dass ihnen aufgrund der starken Arbeitsbelastung häufig die Energie fehle, sich am Feierabend der Familie oder Freunden zu widmen. Im Sozialwesen sind es mit 55 Prozent deutlich mehr, ebenso in Gesundheitsberufen (53 Prozent) sowie im Hotel- und Gaststättengewerbe (51 Prozent).

Die Befragung belege, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht nur „ein Thema für gestresste Mütter“, sondern für weite Teile der Beschäftigten sei, sagte DGB-Chef Reiner Hoffmann am Mittwoch. Vor allem die Arbeitgeber seien gefragt, Arbeitsbelastung und Arbeitszeiten stärker an den Bedürfnissen ihrer Belegschaften auszurichten. Die von Unternehmen geforderte Flexibilisierung der Arbeitszeit dürfe keine Einbahnstraße sein.

1,8 Milliarden geleistete Überstunden im vergangenen Jahr

Hoffmann adressierte seine Worte zum einen an die Metallarbeitgeber, die am Mittwoch zu einer ersten Runde der Tarifverhandlungen mit der IG Metall zusammentrafen. Die Gewerkschaft fordert dabei nicht nur ein Lohnplus von sechs Prozent, sondern auch einen verbrieften Anspruch auf befristete Arbeitszeitverkürzungen bis zu 28 Stunden pro Woche mit partiellem Lohnausgleich.

Zum anderen richtete sich Hoffmann auch an Union, FDP, und Grüne, die derzeit in Sondierungsgesprächen eine Jamaika-Koalition ausloten. Der Forderung der Arbeitgeber nach einem Abschied vom Acht-Stunden-Tag dürfe nicht nachgegeben werden, sagte Hoffmann unter Verweis auf 1,8 Milliarden geleistete Überstunden im vergangenen Jahr. Die Vorsitzende der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten, Michaela Rosenberger, verwies zudem auf den geltenden Manteltarifvertrag der Branche, der ein „wirklich unfassbar hohes Maß an flexibler Arbeitszeitgestaltung“ zulasse. „Unsere Sorge ist, dass die propagandistischen Behauptungen der Arbeitgeber, die geltenden Tarifvereinbarungen und Gesetze zur Arbeitszeit seien zu unflexibel und der Arbeitswirklichkeit nicht mehr angemessen, bei den Jamaika-Parteien verfangen“, sagte Rosenberger.

IG-Metall-Chef Jörg Hofmann betonte, die Befunde zu Arbeitsüberlastung und Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben seien lediglich Momentaufnahmen. Dass nur 27 Prozent der Befragten angaben, private und berufliche Anforderungen nur schwer unter einen Hut zu bekommen, bedeute nicht, dass nur ein Viertel der Beschäftigten davon betroffen sei. „Im Lauf eines Berufslebens gehört fast jeder mal zu diesen 27 Prozent“, sagte Hofmann. Dies gelte sowohl für die Kindererziehung als auch für die Pflege von Angehörigen.

Rosenberger verwies darauf, dass beide Bereiche nach wie vor allem von Frauen abgedeckt werden. Frauen in Vollzeit wendeten im Schnitt 39 Stunden pro Woche für familiäre Verpflichtungen auf, Männer nur 26 Stunden. Bei Teilzeitbeschäftigten seien die Unterschiede noch ausgeprägter: Dort arbeiten Frauen mit 49 Wochenstunden für Erziehung und Pflege fast doppelt so lang wie Männer mit 29 Stunden. Auch vor diesem Hintergrund seien Arbeitszeitregelungen im Sinne der Beschäftigten notwendig.

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