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Gut für Kita-Kinder 220.000 Erzieherinnen am Ziel

Ende des Tarifkonflikts bei den kommunalen Kindertagesstätten: Nach den Arbeitgebern und der Bildungsgewerkschaft GEW stimmt auch ver.di einem Kompromiss zu. Der Jammer bei Städten und Gemeinden ist groß. Von Eva Roth

Frankfurt. Sie haben’s geschafft. Nach acht Verhandlungsrunden und mehr als zwei Monaten Streiks in Kitas haben sich Gewerkschafter und kommunale Arbeitgeber auf einen Tarifkompromiss verständigt. Damit sind die Streiks in Kitas vorerst vorbei. Über das Ergebnis werden noch die Gewerkschaftsmitglieder abstimmen, doch eine Ablehnung ist sehr unwahrscheinlich. In einer Versammlung von 300 Streikdelegierten habe es "sehr kontroverse Diskussionen" gegeben, berichtete Frank Bsirske, Chef der Gewerkschaft Verdi. Doch letztlich hätten bis auf einen alle Landesverbände dem Kompromiss zugestimmt.

Bedeutet der Abschluss eine Aufwertung von Erziehungs- und Sozialberufen?

Das war Ziel der Gewerkschaften. Fragt man sie, ob das gelungen ist, formulieren manche vorsichtig: "Es ist ein erster Schritt in die richtige Richtung", sagt Ilse Schaad, Verhandlungsführerin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) der Frankfurter Rundschau. Insbesondere "junge Erzieherinnen, die ein erbärmliches Einkommen hatten, wurden aus dieser Lage herausgeholt." Auch für andere Beschäftigte bedeute das Ergebnis ein Plus. Nicht beseitigt worden sei ein Grundproblem: Typische Frauenberufe wie Erzieherin würden weiter schlechter entlohnt wie typische Männerberufe. Auch Christian Rothländer, einer der Verdi-Verhandler, spricht von einem "Einstieg in die Aufwertung" von Erziehungs- und Sozialberufen, weil höhere Grundentgelte vereinbart worden seien.

Wie stark steigen die Einkommen?

Das könne man so pauschal nicht sagen, bedauern Gewerkschafter. Denn das bisherige Lohngefüge ist kompliziert, und das neue ist es auch. Fest steht: Seit Inkrafttreten des komplett neuen Tarifvertrags für den öffentlichen Dienst (TVöD) im Jahr 2005 werden Erzieherinnen vielerorts vorläufig in die Entgeltgruppe sechs einsortiert. Sie erhalten je nach Erfahrung 1920 bis 2470 Euro brutto im Monat. Manche Alt-Beschäftigte, die noch nach dem früheren BAT entlohnt werden, bekommen mehr Geld. Ab November sollen Erzieherinnen "mit Normaltätigkeiten" 2040 bis 2860 Euro erhalten, berichtet der kommunale Arbeitgeberverband VKA. Bei "schwierigen Tätigkeiten" gibt es bis zu 3250 Euro. Damit erhielten Erzieherinnen im Schnitt rund 150 Euro mehr, sagen die Arbeitgeber. Gewerkschafter sprachen von einem Plus von bis zu zehn Prozent.

Was nützt das Ergebnis Kita-Kindern?

Generell lasse sich sagen: Wenn Erzieherinnen ordentlich bezahlt werden, dann kommt das bei Kindern in Form einer besseren Förderung an, betont Fabienne Becker-Stoll, Leiterin des Staatsinstituts für Frühpädagogik. Gehälter, Personalschlüssel und Qualität der Leitung gehörten zu den Rahmenbedingungen von Krippen und Kitas. Und die Forschung zeige: Je besser diese Bedingungen sind, umso besser ist die Bildungsarbeit an Kindern, zu der etwa die Sprach-, Musik- und Gesundheitsförderung gehören. Die Gehälter seien auch ein Faktor, um gute Leute für den Beruf zu gewinnen. Der seit 2005 geltende Tarifvertrag sei ein "Riesenrückschritt" gewesen, weil er zu niedrige Einkommen vorgesehen habe.

Was hat die Unterstützung der Polit-Prominenz gebracht?

Mehrere Politiker haben sich klar auf die Seite der Gewerkschaften geschlagen, was in einem Tarifkonflikt ungewöhnlich ist. Insbesondere Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) sprach sich für höhere Erzieherinnen-Gehälter aus. Auch SPD-Chef Franz Müntefering trat auf einer Streikkundgebung auf. Die Unterstützung sei erfreulich, so Verdi-Mann Rothländer. Doch "am Verhandlungstisch haben wir davon nichts gemerkt". Man habe nicht gespürt, dass die Kommunen deshalb kompromissbereiter waren.

Was bringt der Tarifvertrag zum Gesundheitsschutz?

Jeder Beschäftigte soll künftig einen Anspruch auf eine Gefährdungsanalyse haben, berichten Insider. Dabei würden die konkreten Gesundheitsrisiken am Arbeitsplatz geprüft. Dies erhöhe die Chancen, dass der Arbeitsplatz "gesünder" werde.

Mit welchen Kosten rechnen die Kommunen?

Der Abschluss koste die Kommunen 500 bis 700 Millionen Euro im Jahr, so die Arbeitgeber. Bund und Länder müssten sich "in erheblich größerem Umfang" als bisher finanziell an der frühkindlichen Bildung beteiligen, forderte VKA-Präsident Thomas Böhle. Dies gelte "vor allem nach den öffentlichkeitswirksamen Sympathiebekundungen für eine finanzielle Aufwertung des Erzieherinnenberufs von Spitzen- politikerInnen jeglicher Couleur", stichelte Böhle mit Blick auf von der Leyen und Co.

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