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Großstädte Die Invasion der Leihfahrräder

In Großstädten, die im Autoverkehr ersticken, boomt der Markt für Leihfahrräder. In Frankfurt sind inzwischen fünf Systeme mit insgesamt 6500 Bikes auf den Straßen. Anbietern geht es vor allem um die Daten.

Leihfarräder
Leihfahrräder liegen im Wasser. Foto: Imago

Leihräder sorgen in deutschen Großstädten inzwischen täglich für Ärger. Weil sie reihenweise auf Gehwegen liegen, weil kaputte Modelle in Grünanlagen oder in Flüssen landen. So materialisiert sich Globalisierung, denn die Invasion der bunten Räder ist ein sichtbares Zeichen des neuen China mit einer Start-up-Kultur, die eine höhere Geschwindigkeit vorlegt. Wichtigstes Gut der Anbieter sind dabei die Daten der Nutzer. 

In der Geschichte des Internets habe es ein Phänomen wie die Leihradanbieter noch nicht gegeben, sagt Ben Harburg vom Investmenthaus Magic Stone dem Finanzdienst Bloomberg. Noch nie sei so viel Geld so schnell von jungen Unternehmen eingesammelt worden. 2015 kam die damalige Journalistin Hu Weiwei auf die Idee, ihren Landsleuten in den Großstädten das Leben mit Leihrädern zu vereinfachen, die nicht an Stationen, sondern überall in der Stadt stehen (Free Float). Sie gründete mit einem Team das Verleihunternehmen Mobike. 

Etwa zur gleichen Zeit kam Dai Wei, der gerade sein Ökonomiestudium abgeschlossen hatte, auf die gleiche Idee und gründete Ofo. Das Konzept mit den Free-Float-Bikes schlug in den chinesischen Metropolen mit ihren chronisch verstopften Straßen ein. 

Allein in China gab es bald ungefähr drei Dutzend Nachahmer. Von den „Bike Wars“, den Fahrradkriegen, war die Rede, weil ein heftiger Konkurrenzkampf einsetzte. Die Pioniere Mobike und Ofo haben sich letztlich durchgesetzt. Sie kontrollieren heute nach Schätzungen von Bloomberg 90 Prozent des chinesischen Leihrad-Marktes. Auch weil beide von Internetgiganten aus dem Reich der Mitte mit sehr viel Geld unterstützt werden. Mobike unter anderem von Tencent – der Konzern betreibt etwa WeChat, die chinesische Variante von WhatsApp, und investierte mit anderen Unternehmen im Sommer 2017 rund 600 Millionen Dollar in den Radverleih. Ofo wurde zur etwa gleichen Zeit von Alibaba, dem in China allgegenwärtigen Onlinehändler, mit 700 Millionen ausgestattet – Kapital für die Expansion im Ausland. 

In der zweiten Hälfte des Vorjahres startete ein weltweiter Wettlauf um lukrative Städte und Marktanteile. Es ging auch für Start-ups aus anderen Ländern darum, schneller als die Rivalen zu sein. Buchstäblich über Nacht wurden im Herbst Innenstädte mit Zweirädern geflutet – und zwar ohne Warnung und Vorankündigung. Besonders krass war, wie Obike aus Singapur die Münchner mit 6800 Velos beglückte. Die Frankfurter wunderten sich, wo plötzlich 1200 gelb-silbrige Obikes herkamen. Berlin ist indes zu so etwas wie einer Art Experimentierfeld geworden.

Mindestens acht Anbieter sind dort inzwischen aktiv. Auch Experten fällt es mittlerweile schwer, die Übersicht zu behalten. In Frankfurt sind es fünf mit insgesamt 6500 Rädern: Zu Obike kommen Limebike (USA), Byke aus Berlin sowie die heimischen Klassiker Nextbike und Call-a-Bike von der Deutschen Bahn. 

Letzterer bezeichnet sich als hiesiger Marktführer mit insgesamt 15.000 Rädern in 45 Städten. Mobike sieht sich mit acht Millionen Rädern in mehr als 200 Städten als globale Nummer eins. Doch ausgerechnet der Weltmarktführer und Ofo sind hierzulande zu Nachzüglern geworden. Ofo ist derzeit mit lediglich 2000 Rädern in Berliner Bezirken aktiv. Mobike bietet nur in der Hauptstadt seit November rund 3500 Vehikel mit seinen charakteristischen orangefarbenen Fünf-Speichen-Rädern an. 

Nach viel Kritik in den Städten macht sich Vorsicht bei den Anbietern breit: Kommunalpolitiker diskutieren allenthalben heftig, wie sie der Fahrradflut Herr werden können. In Frankfurt bastelt der Magistrat an einem Konzept, um gegen falsch geparkte Leihräder vorgehen zu können. Obike will in München die Zahl der Räder von 6800 auf 1000 verringern, um weiteren Ärger mit der Stadt zu vermeiden. 

Diese Rückzugsbewegung ist gleichwohl eine Ausnahme. Die Vermieter wollen nach wie vor expandieren. So hat Mobike unter anderem Köln im Visier. Und in Berlin soll das Angebot früher oder später auf 10.000 Leihräder gesteigert werden – dreimal mehr als derzeit. Da stellt sich die Frage: Wie lässt sich angesichts des riesigen Angebots Geld verdienen? Zumal in Berlin die Nutzungsintensität gering ist. Statistisch werden viele Räder weniger als einmal pro Tag genutzt. 
Die Antwort: Geld verdienen geht nicht. Bislang seien die Anbieter unprofitabel, sagte Zhang Mengmeng, Analyst bei dem chinesischen Marktforschungsfirma Counterpoint, zu Bloomberg. Die Nutzungsgebühren könnten die Aufwendungen für den Geschäftsbetrieb nicht abdecken. Zu den Anschaffungskosten (ein Mobike soll rund 400 Euro kosten) kommen Serviceteams, die Räder einsammeln, reparieren und neu verteilen. 

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