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Großkonzerne Das verschwiegene Netzwerk

Wie Sicherheits-Abteilungen großer Unternehmen sich informell austauschen - und wie sie mit dem Staat verwoben sind.

12.06.2008 00:06
Von MATTHIAS THIEME
Durchsuchungen bei Siemens
Gefahren-Abwehr mit Zaun und Kamera. Foto: ddp

Wenn es um Auskünfte zur Abteilung Konzernsicherheit geht, hüllen sich viele Großunternehmen in Schweigen. Streng geheim, heißt es bei Siemens. Kein Kommentar, bei Daimler. Zu sensibel, meint Volkswagen.

Doch hinter vorgehaltener Hand sprechen in Sicherheitskreisen viele über die verschwiegenen Abteilungen der Konzerne. Über ihre republikweiten Kontakte untereinander. Über ihre enge Verbindungen zum Staat. Und über ihre personelle Verflechtung mit Bundeskriminalamt, Verfassungsschutz und Bundeswehr.

Seit dem Telekom-Skandal hat das Wort Konzernsicherheit in der Öffentlichkeit einen bösen Klang, steht für Paranoia, Bespitzelung und Datenmissbrauch. War es wirklich nur das "Fehlverhalten Einzelner", wie der Konzern beschwichtigt, oder waren die Telekom-Späher mit anderen Firmen und sogar Behörden vernetzt? Wer dieser Frage nachgeht, entdeckt ein enges Geflecht aus privatwirtschaftlichen und staatlichen Sicherheitsinteressen.

Zweimal im Jahr bittet der Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), Jörg Ziercke, die Sicherheitschefs der "Global Player" nach Wiesbaden. Hier treffen sich die Geheimnis-Schützer der Großkonzerne, unter anderem von Daimler, BASF, Telekom und Bahn, und erhalten vom Staat Informationen zu Terrorbekämpfung und Spionage.

Seit dem Jahr 2005 gibt es diese exklusive Runde, über die in der Branche niemand offen spricht. Von den Treffen profitiert auch das BKA. Es nutzt die weltweit operierenden Konzerne als "Wissensträger" - und verlängerte Arme ins Ausland. So schickt die Behörde "Hospitanten" in die Auslandsdependancen der Konzerne und diese erhalten im Gegenzug Informationen über potenzielle Gefahren. An der Sicherheitsfront herrscht Geben und Nehmen. Siemens ist in 190 Ländern der Erde vertreten - potentielle Anlaufstellen für die Beamten. Der geheime Austausch zwischen Staat und Wirtschaft solle die "Informationsgewinnung im Ausland optimieren", sagte BKA-Chef Jörg Ziercke. Das Ziel: ein informelles Frühwarnsystem zu schaffen, um weltweit Gefährdungen zu erkennen.

Zu Hause läuft die Kooperation schon gut: Jede Woche erörtern etwa die größten Deutschen Konzern per Telefonkonferenz die Sicherheitslage - das Bundeskrimnalamt ist immer zugeschaltet. Die geheimen Treffen der Großkonzerne sind umstritten. Kleinere Unternehmen fühlen sich ausgegrenzt. Sicherheit vom Staat als "Herrscher über brisante Informationen" gebe es wohl nur für den "Spezial-Zirkel" der Großkonzerne, lautet der Vorwurf.

Es gibt auch weniger abgeschottete Bereiche, wo Repräsentanten des Staates und Sicherheitsleute aufeinander treffen. Die "Arbeitsgemeinschaft für Sicherheit in der Wirtschaft" (ASW) organisiert in Berlin regelmäßig Tagungen und Zusammenkünfte. Das Themenspektrum reicht vom Katastrophenschutz bis zur Computersicherheit. Immer dabei: hochrangige Referenten des Staates, vom Amt für Verfassungsschutz über das Bundeskriminalamt bis zum Amt für Sicherheit in der Informationstechnik. Im April 2005 referierte der damalige Telekom-Sicherheitschef Harald Steininger, gegen den jetzt die Staatsanwaltschaft ermittelt über Bedrohungen in Osteuropa.

Entstanden ist diese spezielle Kooperation von Staat und Wirtschaft als Reaktion auf den Terror der Roten Armee Fraktion Ende der Siebziger Jahre. Wer heute bei Daimler nach der Konzernsicherheit fragt, hört sofort die Namen Schleyer und Herrhausen und dass die Abteilung ihre Arbeit "gut erledigt, wenn wir nicht darüber sprechen." Wie bei vielen Großunternehmen arbeiten bei Daimler in der Sicherheitsabteilung Mitarbeiter "mit entsprechendem Hintergrund". Viele kommen von der Polizei und dem Bundeskriminalamt. Der Abteilungs-Chef, Thomas Menk, war früher beim Verfassungsschutz tätig und spricht manchmal vom "Wirtschaftskrieg", in dem sich sein Unternehmen befinde.

Ob bei Daimler, Siemens, der Bahn oder der Telekom - in Scharen zog es in den vergangenen Jahrzehnten Staatsbeamte aus den einschlägigen Bereichen in die Konzernsicherung der freien Wirtschaft. Für die Beamten ging es um Karrierechancen und ein besseres Gehalt. In der Wirtschaft waren sie gefragt, denn sie galten als loyal, zuverlässig und politisch ungefährlich. Ausbildungsgänge zum Sicherheitsexperten existierten noch nicht. "Sie waren die einzigen, die auf dem Markt waren", heißt es aus Kreisen. Deshalb wimmelt es in den Abteilungen von ehemaligen Polizisten, Militärs und Geheimdienstlern.

Oft bauten sie in den Konzernen ganze Abteilungen neu auf. Beliebte Bewerber: ehemalige Kollegen. So entstanden konzernübergreifende Netzwerke, die teilweise bis heute bestehen. Informelle Zusammenarbeit habe es oft gegeben, erinnern sich Insider. Daten zum Halter von Fahrzeugen und Adressen - vieles war leicht auf dem kleinen Dienstweg zu beschaffen. Man kannte sich ja. Mittlerweile ändert sich das Berufsbild. "Der klassische Mann mit Polizeihintergrund ist bestimmt nicht der Sicherheitsmanager der Zukunft", sagt ein Experte. Die Juristen und Betriebswirtschaftler sind auf dem Vormarsch. Schon gibt es Studiengänge zum Security Manager an Fachhochschulen und Studiengänge im Risikomanagement. Zu komplex sind die Aufgaben geworden.

"Unternehmen müssen die Lecks finden", sagt Birgit Galley, Expertin für Forensic Management. "Vor Unternehmenskäufen kann es ein Desaster sein, wenn bestimmte Informationen nach Außen dringen." Im schlimmsten Fall lässt eine Information zur falschen Zeit den Börsenwert des Konzerns schlagartig absacken.

Um das zu vermeiden, betreiben Konzerne oft einen riesigen Aufwand: So werden Konferenzräume auf Wanzen untersucht und Putzkolonnen geprüft. Manche Firmen mieten drei Räume an, um sich erst kurz vor der wichtigen Sitzung für einen Ort zu entscheiden. Gelangen dennoch sensible Informationen nach draußen, werden oft Detekteien beauftragt, die Geheimnisverräter zu identifizieren. Dann wird es kriminalistisch: Markierte Unterlagen und Datentransfers werden untersucht. "Alles hinterlässt Spuren", sagt ein Experte, und belastendes Material lasse sich auch illegal beibringen. Detekteien böten in solchen Fällen auch "schwarze Informationen" an: Illegal beschaffte Steuererklärungen und Meldedaten,sogar falsches Zeugen.

Wo seriöse Ermittlungen in illegale Aktivitäten umschlagen, ist oft nicht so genau zu bestimmen. Die Allianz beschäftige derzeit etwa die im Telekom-Skandal durch Journalisten-Observationen aufgefallene Detektei Desa aus Berlin, sagt ein Allianz-Sprecher der FR. Allerdings zu profanen Zwecken: Die Detektei solle Fälle von Versicherungsbetrug aufklären. Auch die Firma Control Risks, die für die Telekom Journalisten überwachte, arbeite für die Allianz und erstelle Länderanalysen, sagt der Sprecher. Die Grenzen sind fließend im Sicherheitsgeschäft.

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