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Green Bonds Grün ist nicht immer nachhaltig

Privatanleger können sich mithilfe sogenannter Green Bonds finanziell für Klimaschutzprojekte engagieren. Doch wo grün draufsteht, ist nicht immer eine nachhaltige Geldanlage drin.

Studio shot of people green stick figures, Aufnahme von Leuten gruene Stock-Zahlen
Immer mehr Anleger werden „grün“. Foto: dpa

Green Bonds – „grüne Anleihen“ – sind momentan absolut in Mode. Immer mehr solcher Papiere werden begeben und immer mehr Investoren kaufen sie. Auch für Privatanleger steht die Anlageklasse grundsätzlich offen. Im vergangenen Jahr wurden Green Bonds im Volumen von 37 Milliarden US-Dollar (34 Milliarden Euro) neu begeben und damit drei Mal so viel wie noch 2013. Für dieses Jahr rechnen Beobachter mit einem weiter boomenden Markt. Was genau ist das für ein Segment, das plötzlich so viele Anleger und Emittenten für sich entdecken? Und welche Fallstricke gibt es bei den grünen Anleihen?

Unter Green Bonds versteht man Papiere, deren Einnahmen für Klimaschutzprojekte eingesetzt werden – dazu gehört etwa der Bau energieeffizienter Gebäude, die Förderung von Windkraft und Photovoltaik, die Unterstützung nachhaltiger Abfallentsorgung oder Verkehrsentwicklung. Emittenten waren anfangs vor allem staatliche Förderbanken und Institutionen wie die Weltbank, inzwischen sind es auch viele Kommunen und private Unternehmen.

Der Finanzierungsbedarf ist enorm. Laut der Internationalen Energieagentur IEA bedarf es, um eine katastrophale Erderwärmung zu verhindern und diese auf maximal zwei Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen, bis 2035 Investitionen in Energieeffizienz und -versorgung von 53 Billionen US-Dollar (48,4 Billionen Euro).

Ein Problem des noch jungen Markets ist allerdings, dass das Label „Green Bond“ nicht geschützt ist. Zwar gibt es einen Zusammenschluss von Emittenten und Investoren, die grundlegende Standards für die Anleiheklasse in den sogenannten „Green Bond Principles“ festgehalten haben. Diese sind jedoch nicht sehr konkret und auch nicht verbindlich. „Grundsätzlich gibt es aus unserer Sicht gute Ansätze bei den Green Bonds, jedoch gibt es bisher keine einheitlichen und ausreichend strengen Kriterien“, sagt Karsten Kührlings, Leiter der Wertpapierabteilung bei der Nachhaltigkeitsbank GLS.

Das Problem fängt schon damit an, dass man unter „grün“ eben ganz unterschiedliche Dinge verstehen kann. Hält der eine die Förderung von Atomkraft – im Gegensatz zu fossilen Energien – für umweltfreundlich, so lehnt der nächste diese mit Verweis etwa auf die radioaktiven Abfälle und die Risiken vehement ab. „Am Ende muss ein Investor sich jede Anleihe genau anschauen und selbst entscheiden, ob sie dem eigenen Anspruch genügt“, sagt Julia Haake, Leiterin des Pariser Büros der Nachhaltigkeits-Ratingagentur Oekom.

Oekom fertigt für Emittenten von grünen Anleihen sogenannte „Zweitmeinungen“ an. Die Agentur prüft die Projekte, die mit einer Anleihe finanziert werden sollen, auf ihre Nachhaltigkeit – also darauf, ob sie wirklich einen positiven Umwelteffekt haben und das Unternehmen sicherstellt, dass das Geld nur in die genannten Projekte fließt – aber auch, ob beispielsweise die Arbeitsbedingungen dort stimmen. Im Idealfall veröffentlichen die Emittenten diese Zweitmeinung anschließend für die Anleger – so wie es die „Green Bond Principles“ empfehlen.

Allerdings machen das bei weitem nicht alle Emittenten, ein Drittel haben sich 2014 sogar überhaupt keine Zweitmeinung eingeholt. Zudem sind diese Bewertungen nicht standardisiert und fallen daher sowohl in der Ausführlichkeit als auch der Qualität sehr unterschiedlich aus. „Wir hatten schon Fälle, wo Unternehmen, denen unsere Meinung zu ihrem Projekt nicht gepasst hat, sich einfach einen anderen, weniger kritischen Bewerter gesucht haben“, sagt Haake. Andererseits gebe es aber auch Unternehmen, die auf Kritik sehr konstruktiv reagierten und Projekte dann entsprechend anpassten. „Die Qualität der Zweitmeinungen ist ein wichtiges Thema im Markt. Hier muss ein gewisser Qualitätsstandard gewährleistet sein, möglicherweise ist auch eine Harmonisierung erstrebenswert“, sagt auch Petra Wehlert, Leiterin Neuemissionen bei der staatlichen Förderbank KfW.

Die KfW ist in Deutschland die größte Emittentin von und eine bedeutende Investorin in grüne Anleihen. Im vergangenen Jahr begab sie Bonds im Volumen von 2,8 Milliarden Euro, für dieses Jahr sind etwa drei Milliarden Euro geplant. Das Institut nutzt das eingenommene Geld für Projekte im Bereich Erneuerbare Energien in Deutschland. Wegen des Bankgeheimnis darf sie eigenen Angaben zufolge jedoch den Anlegern nicht verraten, wo genau das Geld eingesetzt wird. Da haben es Unternehmen besser – sie können und sollten konkrete Details nennen.

Die KfW ist aber insofern vorbildlich, als dass Anleger genau gesagt bekommen, wie viel CO2 durch ihre Investition eingespart werden konnte. Das Zentrum für Sonnenenergie und Wasserstoffforschung (ZSW) in Baden-Württemberg führt diese Analyse für die Förderbank durch. „Diese Berechnungen sind Neuland für den Kapitalmarkt, aber wir wollten einen neuen Maßstab setzen“, sagt Wehlert.

Inzwischen arbeitet auch eine Gruppe von Green-Bond-Emittenten, darunter die Weltbank und die Europäische Investitionsbank (EIB), an Empfehlungen für alle Marktteilnehmer, wie solche Auswirkungsstudien von Projekten aussehen und standardisiert werden könnten. „Am Ende kommt es auf diesem jungen Markt aber vor allem auf die Investoren an. Wenn sie nur Anleihen kaufen, die gewisse Standards erfüllen, dann wird sich der Markt auch dahin entwickeln“, glaubt Wehlert.

Bis dato ist das leider nicht immer der Fall. Insgesamt, sagt Haake von Oekom, gebe es zwar nur wenige schwarze Schafe am Markt. Die aber schaden der Reputation des Segments immer wieder gewaltig. So begab der französische Energieversorger GDF Suez im vergangenen Jahr eine als grün gekennzeichnete Anleihe, mit der unter anderem ein hochumstrittenes Staudammprojekt in Brasilien – der Jirau Damm – unterstützt wurde. Umweltschützer beklagen, dass dieser Damm das Ökosystem der Amazonas-Region stark beschädige und Ureinwohner vertrieben worden seien. Die Anleihe war dennoch dreifach überzeichnet – es wollten also viel mehr Investoren zugreifen, als es Papiere gab.

Ein weiteres Negativbeispiel, auf das die Organisation „Friends of the earth“ aufmerksam gemacht hat, ist die Finanzierung eines gigantischen Müllheizkraftwerks in Talinn, Estland, mithilfe eines Green Bonds der Europäischen Investitionsbank. Die Kapazität dieser Anlage sei so enorm, dass Estland entweder verdammt sei, weniger zu recyceln als möglich und künftig sogar von der EU vorgegeben, oder aber die Anlage nicht auszulasten beziehungsweise Müll aus dem Ausland zu importieren, so die Kritik. Auch mithilfe von Green Bonds finanzierte Projekte im Bereich Wasserkraft geraten immer wieder in den Negativfokus von Umweltschützern.

Für eine Debatte auf dem Markt sorgte in diesem Frühjahr auch die Green-Bond-Emission der thailändischen Bangchak Petroleum Public Company Limited – die erste grüne Anleihe, die ein Ölunternehmen begeben hat. Zwar will der Betreiber der größten Ölraffinerie Thailands das eingenommene Geld für grüne Projekte einsetzen – allerdings ist die Befürchtung unter Marktbeobachtern, dass auch andere, klimaschädliche Investitionen damit getätigt werden könnten. Im Fachjargon wird in solchen Fällen vom „green washing“ geredet – ein Bond wird aus Marketingzwecken als grün deklariert, hält das Versprechen aber nicht ein. „Leider sind viele Emissionen nicht transparent oder von ansonsten höchst kritischen Emittenten aufgelegt, so dass der Verdacht des green washing leider naheliegend ist“, sagt Kührlings von der GLS Bank.

Allerdings muss auch gesagt werden, dass Unternehmen, die grüne Anleihen begeben, sich einem hohen Reputationsrisiko aussetzen. „Ein Unternehmen exponiert sich damit. Alle schauen plötzlich genau hin. Von daher führt das im Regelfall eher zu einer Selbstregulierung; die Unternehmen versuchen alles, damit der Green Bond auch wirklich grün ist“, sagt Wehlert von der KfW.

Fazit ist: Der Markt für grüne Anleihen steckt noch in den Kinderschuhen und hat daher sicherlich noch Schwächen. Er entwickelt sich jedoch rasant und bietet Anlegern die Möglichkeit, sich in Projekten zu engagieren, die den Klimaschutz nach vorne bringen können. Wichtig dabei ist, was auch für alle anderen Anlageklassen gilt: genau hinschauen, was man kauft!

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