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Glyphosat Der problematische Siegeszug

Der Wirkstoff gilt als das Unkrautvernichtungsmittel, das weltweit am häufigsten angewendet wird, und er ist unmittelbar mit der Gentechnik auf dem Acker verbunden. Doch nun steht Glyphosat im Verdacht, auch den Menschen zu schädigen

In Kolumbien werden die Mohnfelder der Rebellen mit Glyphosat vernichtet. Foto: REUTERS

Der Siegeszug von Glyphosat, bekannt unter dem Handelsnamen Round-up ready, begann zwar schon 1974, als der US-Agromulti das Totalherbizid auf den Markt brachte. Doch erst die Entwicklung der gentechnisch veränderten Sojabohne 1996 brachte den Durchbruch. Seither wurden auch Mais, Raps, Baumwolle und Zuckerrüben entwickelt, die gegen das Herbizid widerstandsfähig sind. Inzwischen sind 83 Prozent der Gen-Pflanzen herbizidresistent.

Die einstigen Versprechungen, Glyphosat ermögliche eine problemlose, möglicherweise sogar umweltschonendere Landwirtschaft, lassen sich aber kaum noch aufrecht erhalten. Immer mehr Studien zeigen: Das Mittel, das in der EU vor einer Neubewertung steht, wirkt sich negativ auf wilde Pflanzen, Bodenorganismen, Wasserlebewesen und sogar auf die eigentlich zu schützende Nutzpflanze aus, etwa durch vermehrten Pilzbefall. Damit nicht genug: Resistenzen in der Flora bilden sich aus, mit der Folge, dass mehr statt weniger gespritzt werden muss.

Durch neue Untersuchungen bekommt die Sache eine neue Dimension: Glyphosat schädigt offenbar mehr als bisher angenommen auch Säugetiere und andere Wirbeltiere. Und vielleicht sogar den Menschen. Mehr noch: Solche unerwünschten Nebenwirkungen sind den EU-Behörden sowie den in der EU federführenden deutschen Zulassungsbörden offenbar seit Ende der 90er Jahre bekannt.

So hat der argentinische Professor Andrés Carrasco in einer 2009 veröffentlichten Studie die Gefährlichkeit des Spritzmittels Roundup nachgewiesen. Sein Fazit: Das Herbizid verursache Fehlentwicklungen in Embryos von Fröschen und Hühnern, und das bereits in einer Dosierung, die unterhalb der in der Landwirtschaft üblichen Mengen liege. Die bei Tieren beobachteten Folgen glichen jenen Fehlentwicklungen, „die bei Menschen beobachtet wurden, die während der Schwangerschaft Glyphosat ausgesetzt waren“.

Schon früher muss es ernstzunehmende Erkenntnisse in dieser Richtung gegeben haben. Sie sollen nicht nur der Industrie, sondern auch den Zulassungsbehörden bekannt gewesen sein. Dies wenigstens behauptet eine internationale Gruppe von Forschern von der Vereinigung Earth Open Source um den in London lehrenden Molekular-Genetiker Michael Antoniou. Titel der Studie: „Round-up und Geburtsdefekte – wurde die Öffentlichkeit im Dunkeln gelassen?“ Das Papier weist auf Fehlgeburten und Fehlbildungen bei Neugeborenen aus Argentinien und Paraguay hin, deren Eltern in der Nähe der Gen-Soja-Felder leben. Darüber hinaus zeigt es nach Studium der Zulassungsunterlagen, dass die deutschen Behörden von Missbildungen bei Föten von Ratten und Kaninchen wussten. Zum Teil seien diese Folgen auch bei Dosierungen beobachtet worden, die dem Level der für Menschen geltenden Grenzwerte in Sojabohnen entsprechen.

Im Bericht des damals zuständigen EU-Gesundheitskommissars wurden mögliche Abnormalitäten bei Embryos relativiert: Damit solche Missbildungen entstünden, müsste die Mutter eine für sie tödliche Dosis zu sich genommen haben.

Das als Berichterstatter der EU zuständige Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit BVL nannte die Vorhaltungen auf Anfrage der Frankfurter Rundschau „haltlos“. Man habe keinerlei wichtige Informationen vor der Öffentlichkeit verheimlicht. Antoniou stütze sich auf „ein Dokument, das der Öffentlichkeit zugänglich ist, und zwar seit mittlerweile neun Jahren“, sagte BVL-Sprecher Andreas Tief.

Der Münchner Wissenschaftler Christoph Then verlangt wegen der nun erkannten Gefährdung des menschlichen Fortpflanzungssystems bei der anstehenden und von den EU-Behörden um drei Jahre auf 2015 verschobenen Neuzulassung von Glyphosat völlig neue Maßstäbe. Denn vielen Verbrauchern ist wenig bewusst, dass sie über die Fütterung der Tiere der Endverbraucher des Gen-Sojas sind.

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