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Gesundheitsystem „Die Dinge vom Patienten aus sehen und lösen“

Krankenkassen-Chefin Doris Pfeiffer empfindet die Bezahlung von Ärzten in Deutschland als ausreichend und fordert eine bessere Notfallversorgung. Warum und was dafür notwendig ist, das erklärt sie im Interview mit der FR.

Krankenkasse
Der neue Gesundheitsminister Jens Spahn habe schon einige für die Krankenkassen wichtige Themen angesprochen. Foto: imago

Frau Pfeiffer, der neue Gesundheitsminister Jens Spahn hat sich in seinen ersten Tagen im Amt zu vielen Themen geäußert, aber eher weniger zu seinem eigentlichen Ressort. Beunruhigt Sie das?
Herr Spahn ist als erfahrener Gesundheitspolitiker bekannt und wir freuen uns auf die Zusammenarbeit. Auch wenn die Schlagzeilen andere Bereiche betrafen, so hat er doch durchaus Gesundheitsthemen benannt, die uns als Kassen extrem wichtig sind, also zum Beispiel die Probleme bei den Wartezeiten und Fortschritte bei der Digitalisierung. Aus unserer Sicht müsste noch die Reform der Notfallversorgung ganz oben auf die Agenda.

Das hat ja im weitesten Sinne auch mit der Frage zu tun, wann und wo ich als Patient behandelt werde. Andreas Gassen, der oberste Kassenarzt, sagt, es gebe gar keine Terminprobleme.
Wir müssen doch der Realität ins Auge blicken. Dass leider immer wieder gesetzlich Versicherte Probleme haben, zeitnah einen Termin zu bekommen, kann niemand wegdiskutieren, obwohl man das eigentlich nicht erklären kann: Seit Anfang der 1990er Jahre, als alle von einer Ärzteschwemme sprachen, ist die Zahl der ambulant tätigen Mediziner von 93 000 auf 152 000 gestiegen. Das ist ein gigantischer Aufwuchs, obwohl die Demografie zurzeit eher noch positiv wirkt. Zurzeit sind die Babyboomer ja noch im besten Alter.

Wird der Plan der Koalition helfen, die Zahl der Sprechstunden, die ein Kassenarzt pro Woche für gesetzlich Versicherte anbieten muss, von 20 auf 25 Stunden zu erhöhen? Gassen spricht von einem unzumutbaren Eingriff und argumentiert, schon heute würden die Mediziner im Schnitt 52 Wochenstunden arbeiten.
Nun lassen wir die Kirche einmal im Dorf. Es ist doch wohl nicht übertrieben, dass ein Arzt 25 Stunden pro Woche für Sprechstunden aufbringt, um 90 Prozent der Bevölkerung zu versorgen. Natürlich weiß ich auch, dass ein Arzt länger arbeitet als die reine Sprechstundenzeit, auch für GKV-Versicherte. Aber er behandelt auch Privatpatienten, schreibt Gutachten für Gerichte oder Versicherungen und verkauft Zusatzleistungen von zweifelhaftem Wert – alles gegen gutes Geld. Es ist nicht zu viel verlangt, dass er seine Arbeitszeit zugunsten von mehr Sprechstunden umschichtet.

Die Koalition will zusätzlich die Terminservicestellen ausbauen, die Kritiker für einen Flop halten.
Ich sehe das nicht so. 2017 wurden immerhin 190 000 Termine vermittelt. Und das sind nachweislich dringende Fälle, sonst hätten sie ja keine Überweisung bekommen. Wenn die Telefonnummern bekannter und die Stellen länger erreichbar werden, wird auch die Inanspruchnahme weiter steigen.

Ärztevertreter stellen die Terminfrage in Zusammenhang mit der Bezahlung und beklagen, gesetzlich Versicherte ab einem bestimmten Punkt umsonst behandeln zu müssen. Sie fordern die Aufhebung des Budgetdeckels und damit mehr Geld. Zu Recht?
Das ist doch eine schräge Argumentation. Stellen Sie sich vor, sie fordern von Ihrem Arbeitgeber einen Monatslohn von 10 000 Euro. Er zahlt ihnen weniger, aber immerhin 5000 Euro. Und dann beschweren Sie sich, sie müssten den halben Monat umsonst arbeiten. Das ist die Logik der Ärzte. Im Schnitt erwirtschaften die Praxisinhaber mit allen ihren Einnahmen ein mit dem Bruttoarbeitslohn vergleichbares Einkommen von 190 000 Euro. Vor zehn Jahren waren es noch 142 000 Euro.

Mit einer Neiddebatte kommen wir hier allerdings nicht weiter.
Die will auch niemand. Aber es lohnt sich auch, mal einen Blick auf die zu werfen, die das Ganze bezahlen müssen, in der Regel die Arbeitnehmer. 2003 verdienten die Ärzte mit ihrer Praxis im Schnitt gut drei Mal so viel wie die Arbeitnehmer. 2015 war es schon das Vierfache.

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