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Gesundheitswesen „Dann leben sie halt sparsam“

AOK-Chef Martin Litsch spricht über Zusatzbeiträge, Arzneimittel und den teuersten Gesundheitsminister der Geschichte.

Seit Januar 2016 ist Martin Litsch Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes. Foto: Markus Wächter / Waechter

Martin Litsch ist zu beneiden. Der Chef des AOK-Bundesverbandes hat aus seinem Büro einen beeindruckenden Blick auf Berlin: Der Bundesverband sitzt unweit des Hackeschen Marktes im ehemaligen Kaufhaus Wertheim – ein Bau des berühmten Architekten Alfred Messel aus dem Jahre 1903. In dem Gebäude, das für die AOK umgebaut wurde, geht es nicht mehr um Mode oder Porzellan, sondern um Versorgung von Versicherten.

Herr Litsch, die AOK galten früher immer als die Kassen der armen Leute und der Rentner. Weil die oft krank und dementsprechend teuer sind, waren die Beiträge hoch. Neuerdings stehen sie bestens da, während die anderen Kassen rote Zahlen schreiben. Wie kommt das?
Wir wirtschaften eben sehr gut.

Ach kommen Sie. Sie wissen, dass das als Erklärung nicht reicht.
Sie haben Recht. Dann muss ich aber ausholen.

Nur zu.
Der Finanzausgleich zwischen den Kassen funktioniert durch mehrere Reformen so gut wie nie zuvor. Es ist nicht mehr wichtig, ob sie reiche oder arme Leute versichern und welche Krankheiten diese Menschen haben. Früher waren das entscheidende Faktoren für die Finanzlage. Heute haben wir dagegen erstmals annähernd gleiche Wettbewerbsbedingungen für alle Kassen.

Aber dann müssten sie ja gleichfalls Verluste machen. Das AOK-System schreibt aber Gewinne, die AOK zum Beispiel in Sachsen /Thüringen muss nur einen sehr niedrigen Zusatzbeitrag erheben.
Wenn sie gewohnt sind, mit wenig Geld auszukommen, dann leben sie halt sparsam. Wie gut wir mit dem Geld unserer Versicherten umgehen, zeigt sich bei den von uns verhandelten Rabattverträgen mit der Pharmaindustrie. 2015 haben wir dadurch 1,5 Milliarden Euro eingespart und sind damit überdurchschnittlich erfolgreich. All das kommt uns jetzt zu Gute. Aber natürlich ist ein wichtiger Einflussfaktor auch, wie vor Ort die medizinischen Strukturen sind. In Nordrhein-Westfalen zum Beispiel gibt es überdurchschnittlich viele Krankenhäuser, was die Versorgung teuer macht. In Sachsen dagegen wurde nach der Wende eine sehr effiziente Kliniklandschaft geschaffen. Davon profitiert die AOK.

Wie werden sich die Zusatzbeiträge generell in den nächsten Jahren entwickeln?
Dank der guten Konjunkturlage entwickeln sich die Einnahmen sehr positiv und steigen bis zu drei Prozent. Gleichzeitig wachsen aber die Ausgaben noch stärker, nämlich um die fünf Prozent. Das verdanken wir auch der ausgabefreudigen Bundesregierung und ihren kostspieligen Gesetzen. Hermann Gröhe ist der teuerste Gesundheitsminister, den wir je hatten. Für diese Wahlperiode ist mit Kostensteigerungen von rund 40 Milliarden Euro zu rechnen. In der Vergangenheit kostete eine Wahlperiode die Beitragszahler nur um die 25 Milliarden Euro zusätzlich

Dafür gibt es ja auch sinnvolle Verbesserungen, etwa bei der Pflege oder Palliativversorgung.
Richtig, aber denken Sie beispielsweise an die milliardenschwere Klinikreform, wo bisher kaum etwas bewegt wurde, aber der Scheck bereits eingelöst ist. Unterm Strich gehe ich davon aus, dass der Zusatzbeitrag jährlich um 0,2 oder sogar 0,3 Punkte steigt. Da werden 2017 schon viele Kassen bei einem Beitrag von 16 Prozent sein. Das wird nicht leicht für die Politik, ausgerechnet in einem Wahljahr so eine Schallmauer zu durchbrechen.

In der großen Koalition wird unseres Wissens schon überlegt, Reserven des Gesundheitsfonds anzuzapfen, um die Wähler ruhigzustellen.
Es ist tatsächlich zu befürchten, dass Politiker in einem Wahljahr auf diese Idee kommen. Ich kann davor nur warnen. Denn es muss doch darum gehen, die strukturelle Lücke zwischen Einnahmen und Ausgaben zu schließen. Ein einmaliger Griff in die Reserven macht die Sache nur noch schlimmer, weil er die Probleme verdeckt und wertvolle Zeit verstreicht. Denn das Loch wird ja von Monat zu Monat immer größer.

Gröhe kostet die Versicherten möglicherweise noch mehr. Kommende Woche will er die Ergebnisse seiner Gespräche mit der Pharmawirtschaft verkünden. Teilen Sie die Befürchtung, dass der Industrie Geschenke gemacht werden könnten, was die Kosten weiter treiben würde?
Die Befürchtung muss man in der Tat haben. Mir hat sich der Sinn des sogenannten Pharma-Dialogs sowieso nie richtig erschlossen. Warum müssen wir den Pharma-Standort Deutschland stärken, was ja erklärtes Ziel der Gespräche ist? Für die Pharmaindustrie ist Deutschland doch ein Eldorado. Die Forschungs- und Produktionsbedingungen sind ideal, der Absatz ist gesichert. Jeder ist versichert und bekommt das, was er braucht. Es gibt keine Rationierung, auch wenn ein Medikament 100 000 Euro kostet. Das ist auch richtig so. Es wäre aber absurd, hier noch mehr Geld an Pharmaunternehmen zu verteilen.

Was fordern Sie?
Die seit 2011 geltende Preisregulierung für neue Medikamente, die sich am Nutzen für die Patienten orientieren soll, greift erst ein Jahr nach der Markteinführung. Davor können die Pharmaunternehmen jeden gewünschten Preis verlangen. Hier wird allzu oft mit Phantasiepreisen kräftig zugelangt, um richtig Kasse zu machen. Außerdem beobachten wir, dass die Regulierung insbesondere bei Krebsmedikamenten von den Herstellern durch immer kürzere Zyklen letztlich unterlaufen wird: Ist das Jahr herum, kommt ein Nachfolgepräparat, wiederum mit Mondpreisen. Wir brauchen deshalb eine Rückwirkung der Preise zum ersten Tag der Markteinführung.

Aber sind das wirklich Mondpreise? Die neuen, wirksamen Medikamente zum Beispiel gegen Hepatitis C mussten schließlich entwickelt werden.
Die Forschung wird doch oft in Universitäten oder ausgegründeten Start-ups gemacht, mit sehr überschaubaren Budgets. Teuer wird das Ganze vor allem deshalb, weil die Industrie dann um erfolgreiche Entwicklungen buhlt und die Preise hochtreibt. Das von ihnen angesprochene Präparat Sovaldi kostet nur deshalb zehntausende Euro, weil der Hersteller Gilead für die ursprüngliche Entwicklungsfirma, die mehrfach verkauft wurde, zehn Milliarden Euro gezahlt hat. Das Geld holen sie sich dann im ersten Jahr zurück. Aber es ist nicht Aufgabe der Versicherten, diesen Wahnsinn zu bezahlen.

Noch ein mögliches Argument für die Zulässigkeit hoher Preise: Da man mit dem neuen Medikament Hepatitis C heilen kann, entfallen im Vergleich zu heute viele Kosten, etwa für eine Lebertransplantation.
Ich frage Sie zurück: Wie viel sind Sie bereit, für einen Fahrradhelm zu bezahlen? So ein Helm ist in der Lage, Sie bei einem Unfall vor schwerwiegenden Verletzungen und damit vor unglaublich hohen Folgekosten zu schützen. Aber er kostet deshalb keine Zehntausende Euro. So kann man also nicht argumentieren, das führt nicht zu einem fairen Preis.

Die Pharmaindustrie fordert auch Dinge, die auf den ersten Blick nichts kosten: Da sich viele andere Staaten nach den in Deutschland geltenden Preisen richten, wollen sie die hierzulande mit den Kassen verhandelten Preise wieder geheim halten. Dafür gibt es in der Koalition Sympathien. Können Sie damit leben?
Ganz und gar nicht. Die mit den Kassen verhandelten Preise müssen offengelegt werden. Die Pharmaindustrie macht ja geltend, bei einer Vertraulichkeit der Preise wäre sie zu größeren Nachlässen bereit. Aber dafür fehlt für die Zeit der vertraulichen Verhandlungen zwischen 2011 und 2014 jeder Beleg. Zudem entziehen sich die Hersteller auf diese Weise unbequemen gesellschaftlichen Debatten über unangemessene Preise. Auch die Ärzte verlören jedes Preisgefühl, was auch nicht sinnvoll ist. Schließlich blockiert die Vertraulichkeit den Preiswettbewerb der Hersteller. Und letztlich kostet es die Versicherten umgehend mehr Geld.

Warum?
Weil dann der nicht rabattierte, höhere Listenpreis Grundlage für die Preisaufschläge der Apotheker ist. Entsprechend höher wäre dann die Zuzahlung für die Patienten.

Verschiedene Untersuchungen zeigen, dass es den Ärzten egal ist, ob einem Medikament ein Mehrwert für die Patienten attestiert wurde oder nicht. Sie verschreiben munter auch Arzneimittel ohne belegten Zusatznutzen. Wie kann man das verhindern?
Ich muss erst einmal die Ärzte in Schutz nehmen. Es ist verdammt schwer, hier den Überblick zu behalten. Deshalb fordern wir zum Beispiel, dass die Praxissoftware mehr Informationen über Kosten sowie Nutzen liefert und schneller aktualisiert wird als bisher. Sinnvoll wäre es auch, dass besonders teure Arzneimittel nur noch von den jeweiligen Spezialisten verschrieben werden dürfen und nicht mehr von jeder Praxis.

Na dann viel Spaß bei den Auseinandersetzungen mit den Ärzten. Ein Eingriff in die Therapiefreiheit dürfte sie auf die Barrikaden bringen.
Ich sehe das gelassen. Die Ärzte haben schließlich auch ein Interesse daran, im Falle einer unwirtschaftlichen Verordnung nicht von den Krankenkassen in Regress genommen zu werden. Das ist bei einer Therapie für 50 Euro unkritisch. Aber nicht dann, wenn das Medikament 100 000 Euro kostet.

Interview: Timot Szent-Ivanyi

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